Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen

Ärzte warnen vor Ansturm auf Praxen wegen Coronavirus

dpa Berlin. Angesichts der verbreiteten Sorge vor dem Coronavirus fürchten deutsche Ärzte um die allgemeine medizinische Versorgung der Bevölkerung. Bei den Tests auf das Virus gelte es, ein vernünftiges Maß zu halten, betonen die Kassenärzte.

In Berlin ist der erste Coronavirus-Fall bestätigt worden. Foto: Jörg Carstensen/dpa

In Berlin ist der erste Coronavirus-Fall bestätigt worden. Foto: Jörg Carstensen/dpa

Deutschlands Kassenärzte warnen eindringlich vor unnötigen Praxisbesuchen aus Sorge vor dem neuen Coronavirus. Andernfalls sehen sie die Versorgung der Bevölkerung als gefährdet an.

„Umfangreichere Testung von klinisch Gesunden ist medizinischer Unfug“, sagte der Chef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), Andreas Gassen, am Dienstag in Berlin. Um die Ausbreitung der Viren zu verringern, wurde die Leipziger Buchmesse abgesagt. Im Saarland und in Mecklenburg-Vorpommern gab es je erste bestätigte Coronavirus-Infektionen. Damit ist der Erreger nun in allen Bundesländern außer in Sachsen-Anhalt nachgewiesen.

Wenn jemand bei sich selbst einen Verdacht auf das Coronavirus habe, dann sollte er nicht gleich eine Praxis aufsuchen, mahnte Deutschlands oberster Kassenarzt Gassen. Sinnvoll seien Tests nur, wenn jemand Symptome einer Erkrankung der oberen Atemwege aufweise und womöglich Kontakt zu Infizierten gehabt habe. Auf jeden Fall sollten Menschen, die eine eigene Infektion befürchteten, laut KBV zunächst bei der Praxis oder der Arzthotline 116 117 anrufen. Denn in den meisten Fällen verliefen Infektionen mit dem Coronavirus milde.

Wenn ein Infizierter gleich eine Praxis aufsuche, könne diese zudem vom zuständigen Gesundheitsamt aus Gründen des Seuchenschutzes vorübergehend geschlossen werden, hieß es. In der vergangenen Woche seien 11.000 Tests auf das Coronavirus gemacht worden - bis Dienstagvormittag wurden aber nur 188 Sars-CoV-2-Infektionen erfasst.

Die Berliner Charité hat am Dienstag eine eigene Untersuchungsstelle für mögliche Coronavirus-Infektionen eröffnet, vor der Menschen schnell Schlange standen. Das Pilotprojekt soll Vorbild für andere Krankenhäuser sein, sagte der Ärztliche Direktor Ulrich Frei.

Frankreich beschlagnahmte Schutzmasken. Das betreffe Lagerbestände und die laufende Herstellung, teilte Staatschef Emmanuel Macron mit. Die Masken sollten an Beschäftigte im Gesundheitssektor sowie Bürger verteilt werden, die mit dem neuartigen Coronavirus infiziert seien.

Die Stadt und die Region Aachen weichen von Empfehlungen des Robert-Koch Institutes (RKI) zum Coronavirus ab, um den Klinikbetrieb sicherzustellen. Bei einer Infektion in der Belegschaft auf einer Station werden Mitarbeiter ohne Krankheitssymptome nicht mehr wie vom RKI empfohlen unter Quarantäne gestellt. Eine solche Quarantäne könne ganze Stationen lahmlegen, begründeten die Krisenstäbe die Entscheidung. Nach einem positiven Coronavirus-Test bei einer Pflegekraft auf der Frühgeborenenstation seien die Folgen deutlich geworden: Weil die Frau auf der Intensivstation Kontakt mit 45 Kräften hatte, hätten diese nach RKI-Empfehlungen 14 Tage lang unter Quarantäne gestellt werden müssen. Damit wäre die Arbeit auf der Intensivstation zum Erliegen kommen, betonte die Klinik.

Die Stadt Essen dringt bei den Organisatoren von Veranstaltungen ab 25 Personen auf die Erfassung der persönlichen Daten aller Teilnehmer. Bei einer später festgestellten Infektion solle es damit möglich werden, alle Übrigen unverzüglich zu identifizieren.

Twitter hat alle seine Beschäftigten weltweit aufgerufen, wegen der Coronavirus-Gefahr von Zuhause aus zu arbeiten.

Gut die Hälfte der vom RKI bis Dienstagvormittag erfassten 188 Sars-CoV-2-Infektionen wurde in Nordrhein-Westfalen gemeldet. Daneben seien derzeit Bayern und Baden-Württemberg stärker betroffen. Ein auf das Virus zurückgehender Todesfall wurde in Deutschland bisher nicht erfasst. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) kündigte für Mittwoch eine Regierungserklärung zum Krisenmanagement bei Sars-CoV-2 an. Zudem ist ein Treffen mit den Gesundheitsministern der Länder vorgesehen.

Die große Mehrheit der Infizierten hat keine Beschwerden oder lediglich Erkältungssymptome, die rasch wieder abklingen. Schwerere Krankheitsverläufe - etwa eine Lungenentzündung - entwickeln nach den bisherigen weltweiten Erkenntnissen bis zu 15 Prozent. Häufig sind darunter alte Menschen und Patienten mit Vorerkrankungen. Die Isolation der Betroffenen und die Suche nach Kontaktpersonen erfolgt, damit sich die Ausbreitung des Virus möglichst verlangsamt. Dadurch soll möglichst viel Kapazität im Gesundheitssystem erhalten bleiben.

Außerhalb Chinas, wo das Virus seinen Ausgang genommen hatte, ist derzeit Südkorea nach den offiziellen Meldezahlen am schwersten von Sars-CoV-2 betroffen. Mehr als 4800 Infektionen wurden von den Behörden inzwischen erfasst, mindestens 28 Menschen starben an Covid-19. In der EU ist Norditalien besonders stark betroffen. Nach Angaben des Zivilschutzes vom Montagabend wurden in Italien insgesamt mehr als 2000 Infektionen erfasst, mehr als 50 der Infizierten starben. In China lag die Zahl offiziell erfasster Infizierter am Dienstag bei mehr als 80.000, die der Todesfälle bei knapp 3000. Experten gehen allerdings von einer hohen Dunkelziffer aus.

Weltweit haben sich dem RKI zufolge inzwischen rund 90.900 Menschen in 73 Ländern nachweislich mit dem neuen Coronavirus infiziert. „Das Geschehen verlagert sich etwas weg von China, und der Rest der Welt wird vermehrt betroffen“, sagte Vizepräsident Lars Schaade. Seit Montag seien in China offiziell 115 Fälle hinzugekommen, in den restlichen 72 Ländern 1700 Fälle.

Die rasante Ausbreitung des neuen Coronavirus hat für Europas Fluggesellschaften unabsehbare Folgen. Mehrere Airline-Chefs berichteten von einem starken Rückgang der Buchungszahlen. Lufthansa-Chef Carsten Spohr erklärte, derzeit blieben wegen der Viruskrise rechnerisch 23 von 200 Langstreckenmaschinen am Boden.

CSU-Chef Söder will in der Bundesregierung rasche Hilfen durch ein Konjunkturpaket für die vom Coronavirus gebeutelte Wirtschaft durchsetzen: „Dazu gehören deutlich niedrigere Energiepreise und Unternehmenssteuern, aber auch Investitionen.“ FDP-Chef Christian Lindner forderte die Regierung auf, ein „Anti-Krisen-Paket“ gegen die wirtschaftlichen Folgen einer Coronavirus-Epidemie aufzulegen.

In Norwegen saß am Dienstag das Kreuzfahrtschiff „Aida Aura“ zunächst fest, weil zwei deutsche Passagieren unter Verdacht einer Infektion mit Sars-CoV-2 standen. Am Nachmittag gab es Entwarnung.

Die Entscheidung zur Absage der Leipziger Buchmesse Mitte März haben Stadt und Messeleitung gemeinsam getroffen. 2019 hatte die Buchmesse 286.000 Besucher. Bundesweit sind wegen des Coronavirus bereits mehrere große Messen abgesagt oder verschoben worden. Nach der Absage des Genfer Autosalons hat BMW die Weltpremiere seines vollelektrischen Concept i4 ohne Publikum in München gefeiert und im Internet übertragen.

Ein Apotheker hält eine Atemschutzmaske. Foto: Karl-Josef Hildenbrand/dpa/Archivbild

Ein Apotheker hält eine Atemschutzmaske. Foto: Karl-Josef Hildenbrand/dpa/Archivbild

Mitarbeiter in Schutzausrüstung versprühen im ukrainischen Lwiw Desinfektionsmittel in einem Bus. Foto: Mykola Tys/AP/dpa

Mitarbeiter in Schutzausrüstung versprühen im ukrainischen Lwiw Desinfektionsmittel in einem Bus. Foto: Mykola Tys/AP/dpa

Zum Artikel

Erstellt:
2. März 2020, 23:53 Uhr

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen

Lesen Sie jetzt!