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Merz und die CDU: irgendwie sichtbar

Ex-Unionsfraktionschef soll in die Parteispitze­ eingebunden werden, aber die Entscheidung eilt nicht

Die erste Präsidiumssitzung der CDU nach 18 Jahren ohne Angela Merkel als Parteichefin verlief betont unspektakulär. Nicht mal eine langweilige Pressekonferenz wert. Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier nennt sie „sehr entspannt, sehr sachlich und arbeitsintensiv“. Genauso dürfte die CDU den Stil von Annegret Kramp-Karrenbauer auch im kommenden Jahr intonieren.

Denn nach ihrem äußerst knappen Sieg läuft es für die neue Parteichefin gar nicht so schlecht. In allen Umfragen legt die Union leicht zu und blinzelt wieder hoffnungsvoll über die 30-Prozent-Marke. Keinem politischen Gegner gelingt es, aus dem Wechsel an der CDU-Spitze Umfrage-Honig zu saugen – nicht einmal der AfD, auch wenn ihr Vorsitzender Jörg Meuthen das Kürzel AKK mehr frustriert als frech mit „Afrika kann kommen“ übersetzt. Mehr noch: Kramp-Karrenbauer lässt auch bei der Kanzlerfrage im direkten Vergleich alle möglichen SPD-Konkurrenten meilenweit hinter sich: Weder Parteichefin Andrea Nahles (12 zu 48) noch Bundesfinanzminister Olaf Scholz (20 zu 43) kommen an die Zustimmungswerte der neuen CDU-Vorsitzenden auch nur annähernd heran.

Eigentlich könnte also alles so schön sein. Wenn manche in der CDU nur nicht glaubten, sich irgendwie noch um Friedrich Merz kümmern zu müssen – obwohl die Niederlage des glamourösen Hoffnungsträgers die Partei weit weniger in Unruhe versetzt hat als von seinen Unterstützern ursprünglich an die Wand gemalt. Merz hat es klug verstanden, die hier und dort aufkommende zornige Enttäuschung nicht zu befeuern. Die Gelassenheit, mit der er das Votum der Delegiertenmehrheit schon auf der Hamburger Parteitagsbühne weggesteckt hatte, wirkt in der CDU offenbar ansteckend.

Die Einbindung von Merz in den Parteiapparat ist daher nicht vorrangig. Eher sind Signale aus seinem Umfeld zu hören, der glorreich Unterlegene werde höchstselbst glaubhaft Hinweise liefern, dass seine erfrischende Kandidatur nicht die eitle Ego-Tour eines Zuspätgekommenen war, sondern ein ehrlich gemeintes, quasi selbstloses Dienstangebot. Soll heißen: Merz kann es sich um seiner eigenen Glaubwürdigkeit willen gar nicht leisten, so zu wirken, als liebe er den Schmollwinkel oder pflege das besserwisserische Desinteresse einer passiven Mitgliedschaft. Kramp-Karrenbauer braucht ihm deshalb keine Blumen zu binden, sondern kann in Ruhe auf Zeichen warten, wie Merz sich ein Mannschaftsspiel vorstellen könnte. Dass es sinnlos ist, bei Angela Merkel anzuklopfen, um ins Bundeskabinett einzurücken, hat ihm die Kanzlerin jedenfalls schon ziemlich kühl und recht schnell mitteilen lassen.

Immerhin: Merz soll sichtbar bleiben, sagt Nordrhein-Westfalens umtriebiger Ministerpräsident Armin Laschet. Also nicht völlig von der Bildfläche verschwinden. Es sei wichtig, dass seine Gedanken und Ideen in der Programmatik der CDU stattfänden, säuselt Laschet. Ein Ruf ins Rampenlicht klingt anders. Kramp-Karrenbauer pressiert’s nicht.

Gut möglich, dass sich die Debatte um die Merz-Rolle ohnehin mit der Zeit verflüchtigt. Dem früheren Fraktionschef kann’s recht sein. Gegen eine lose Mitarbeit in einem wirtschaftspolitischen Beraterteam wird er sich nicht sperren, einem nachgeordneten Mitmarschieren sehr wohl. Merz strebt nicht an, sich als konservativer Neben-Vorsitzender aufzuspielen. Ein Politiker mit seiner Wund-Erfahrung weiß, dass er seine Chance gehabt und vertan hat. Der 63-Jährige will in der CDU nichts mehr werden. Da fällt es leicht, sichtbar zu bleiben. Irgendwie. Irgendwo. Irgendwann.

wolfgang.molitor@stuttgarter-nachrichten.de

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Erstellt:
18. Dezember 2018, 03:14 Uhr

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