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Migranten in digitaler Welt

Fatih Çevikkollu begeistert mit spitzzüngigem Humor das Publikum in der Gruschtelkammer

Spitzzüngig, mit viel schwarzem Humor und doch charmant macht er sich Gedanken um Schein und Sein. Um Perspektivenwechsel und Epochenwechsel geht es in seinem neuen Soloprogramm „FatihMorgana“: Der deutsche Schauspieler und Kabarettist mit türkischen Wurzeln, Fatih Çevikkollu, begeisterte das Publikum in der Gruschtelkammer.

„Das, was du siehst, ist nicht da, und wo du es siehst, ist es nicht“: Fatih Çevikkollu in der Gruschtelkammer. Foto: A. Becher

© Pressefotografie Alexander Beche

„Das, was du siehst, ist nicht da, und wo du es siehst, ist es nicht“: Fatih Çevikkollu in der Gruschtelkammer. Foto: A. Becher

Von Claudia Ackermann

AUENWALD. Schwungvoll betritt Fatih Çevikkollu die Bühne in der Sängerhalle Oberbrüden. Seine Begrüßung hat er in einen Rap verpackt, in dem gleich klar wird: Dieser Kabarettist versteht es, mit Sprache umzugehen. „FatihMorgana“ heißt das sechste Soloprogramm des in Köln geborenen Kabarettisten, angelehnt an die Fata Morgana – die Luftspiegelung. „Das, was du siehst, ist nicht da, und wo du es siehst, ist es nicht“, erläutert er das Phänomen.

Erst einmal begibt er sich auf einen Rundschlag durch die Politik. Über die SPD wolle er keine Witze machen: „Das ist ja wie Kinder schubsen.“ Nachwuchsprobleme in der CDU führt er auf die „Würgeschlange“ Angela Merkel zurück, die sich jedem Affen „unmerklich“ um den Hals lege, bevor sie zudrückt. Loslassen sei die zentrale Aufgabe und das zentrale Thema unserer Zeit.

Wir sind Zeitzeugen, die einen Epochenwechsel erleben, konstatiert der 1972 geborene Kabarettist, der auch aus der TV-Comedyserie „Alles Atze“ in der Rolle des Murat neben Atze Schröder bekannt ist. Vom Industriezeitalter gehe es ins Informationszeitalter. Eine neue Gattung entstehe: der digitale Mensch.

Diese Gattung stuft er in zwei Gruppen ein. „Digitale Eingeborene“ sind die Jüngeren, die in die neue Welt hineingeboren wurden. Die Älteren gehören zu den „digitalen Migranten“. Gar nicht so leicht, wenn man sich als Migrant in einer unbekannten Umgebung zurechtfinden muss.

Im Publikum in der Gruschtelkammer finden sich nicht viele „digitale Eingeborene“. Da sind die 20-jährige Nadine und die 18-jährige Paula. „Das drückt den Altersdurchschnitt hier im Raum auf unter 60“, frotzelt der Kabarettist.

Kurze Exkurse führen in die Zeit, als Telefone noch Kabel hatten und sich die Frage beim Telefonat erübrigte: „Wo bist du gerade?“ Wählscheiben kennen die beiden Vertreterinnen der jungen Generation nur noch aus dem Fernsehen. „Unsere Mobiltelefone waren 2,20 Meter hoch, gelb und begehbar“, blickt Çevikkollu zurück in vergangene Zeiten. Als digitale Migranten hätten wir nun alle eine Bringschuld, uns anzupassen. Kinder solle man am besten für die Zukunft das lehren, was Computer nicht können: „Solidarität, Empathie und Kreativität.“ Was uns immer von künstlichen Intelligenzen unterscheidet, ist der Humor.

Humor hat der wortgewandte Kabarettist, der im Anzug mit offenen Sandalen auftritt, reichlich im Gepäck, Humor, der mitunter auch schwarz und bitterböse sein kann. Bei einem Abstecher ins Weiße Haus hofft er, dass der Nuklearcode mehr als 140 Zeichen hat. Die gute, alte Zeit würden Politiker glorifizieren. Vom Slogan: „Make America great again“ geht es über den Brexit bis hin zur Rückwendung zum Osmanischen Reich. Und in Deutschland? Wenn es um das Thema Hitler geht, setzt Çevikkollu, der eine Schauspielausbildung an der Hochschule Ernst Busch in Berlin gemacht hat, sein mimisches Talent ein. Das Lachen kann einem dabei schon mal im Halse stecken bleiben.

Erdogan, Religion

und eine Fata Morgana

Erdogan kriegt sein Fett weg, und der Kabarettist macht auch vor dem Thema Religion nicht Halt, das, so betont er, hervorragend als Fata Morgana diene. So hat er auch Witze über den Islam im Programm. „Je größer das Tabu, desto stärker der Gag“, weiß er aus Erfahrung und hält sich an das Motto: „Lachen ist die schönste Form, Zähne zu zeigen.“

„Gesellschaft ist die Gleichzeitigkeit von Vielfältigkeit“, sagt der Kölner. Im Programm „FatihMorgana“ hält Fatih Çevikkollu auf spritzige, intelligente Weise mit viel schwarzem Humor der Gesellschaft einen Spiegel vor.

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Erstellt:
19. Oktober 2018, 06:00 Uhr

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