Millionenschaden an den Unfall-Brennpunkten

Mehr Verkehrsunfälle, mehr Verletzte, immer höhere Schadenssummen: 2023 gab es wieder mehr Karambolagen in der Stadt. Ein Blick auf die Hitliste der gefährlichsten Orte.

Platz 1 in der Unfall-Hitliste: 24 Karambolagen  auf dem Gebhard-Müller-Platz Platz 1 in der Unfall-Hitliste: 24 Karambolagen  auf dem Gebhard-Müller-Platz .

© dpa/Andreas Rosar

Platz 1 in der Unfall-Hitliste: 24 Karambolagen auf dem Gebhard-Müller-Platz Platz 1 in der Unfall-Hitliste: 24 Karambolagen auf dem Gebhard-Müller-Platz .

Von Wolf-Dieter Obst

Stuttgart - Erst eine grüne, unmittelbar danach eine rote Ampel und ganz viele rot-weiße Baken: Zwischen Wagenburgtunnel und Hauptbahnhof hat ein 27-jähriger Mercedes-Fahrer offenbar die Orientierung verloren. Die Kollision, bei der am Ende ein Opel Corsa spektakulär auf dem Dach liegt, gehört zu einer ganzen Serie. Und die hat dem Gebhard-Müller-Platz nun auch offiziell den zweifelhaften Titel als Stuttgarts gefährlichste Kreuzung des Jahres eingebracht. Dort gibt es 24 Karambolagen, 14 Verletzte und 280 000 Euro Schaden.

Überhaupt kracht es wieder häufiger in der Stadt. Die Stuttgarter Polizei hat knapp 22 500 Unfälle registriert – ein stetes Plus seit der Pandemie. Im Vorjahr waren es etwa tausend Unfälle weniger. Sieben Menschen haben ihr Leben verloren. 202 wurden schwer verletzt, 18 Prozent mehr. Auch die Zahl der Leichtverletzten ist mit knapp 1900 leicht gestiegen. Besonders der Blick auf die Top Ten der Unfallschwerpunkte macht die Brisanz erkennbar. Allein an diesen Stellen ist die Zahl der Verletzten von 62 auf 93 gestiegen. Und die Schadenssumme ist mit 3,3 Millionen Euro mehr als doppelt so hoch wie im Jahr davor.

Dass der Gebhard-Müller-Platz zum Brennpunkt wurde, liegt an der Dauerbaustelle für den künftigen Tiefbahnhof – und der geänderten Verkehrsführung für Linksabbieger mit zwei Ampeln unmittelbar hintereinander. „Die scheint für die Verkehrsteilnehmer nicht übersichtlich und erkennbar zu sein“, fasste im Herbst eine Sprecherin der Stadtverwaltung zusammen. Das kann ein Taxifahrer bestätigen, der zum Hobbyfotografen für eine fast tägliche Serie von Karambolagen wurde.

Inzwischen wurden die Ampelsignale tiefer angebracht und dadurch besser erkennbar gemacht, die Verkehrsführung zudem eindeutiger gestaltet. „Es sieht ganz so aus, dass die Nachbesserungen geeignet waren, die Unfälle dieses Musters zu vermeiden“, sagt Polizeisprecherin Kara Starke zur Tendenz seither.

Eine über Jahre unbezähmbare Unfallstelle liegt auf dem zweiten Platz der Hitliste. Weil Autofahrer an der Kreuzung Waiblinger und Daimlerstraße in Bad Cannstatt partout das verbotene Linksabbiegen nicht bleiben lassen wollen, kam es 2023 dort immer wieder zu Kollisionen mit einer Stadtbahn. Dabei trifft es nicht nur die Autofahrer selbst – auch in der Bahn werden immer wieder Fahrgäste bei Stürzen verletzt. Die Unfallort-Bilanz: 15 Verletzte und mehr als einen halbe Million Euro Sach- und Personenschaden.

Ein Umbau des Knotens soll das Problem ein- für allemal lösen. Freilich auf einem Umweg: Die Stuttgarter Straßenbahnen (SSB) müssen mehr Platz für stärkere Fahrleitungsmasten schaffen und planen daher für 2024 eine Neusortierung des Platzes. Unter anderem soll eine zusätzliche Leitschwelle an der Waiblinger Straße das Linksabbiegen erschweren. Der Fußgängerüberweg soll auf die östliche Seite der Kreuzung verlegt werden. Der Plan, in der Daimlerstraße eine neue Linksabbiegerspur einzurichten, ist indes nicht unumstritten. Vor dem Umbau ist die Polizei weiter gefordert – „mit verstärkter Präsenz und Überwachungsmaßnahmen durch Kräfte von Verkehrspolizei und Revier“, so Sprecherin Starke.

Die Stuttgarter Unfallschwerpunkte 2023. Grafik/Yann Lange

Die Unfallstelle mit dem größten Schaden ist allerdings nicht in den Top Ten der häufigsten Karambolagen zu finden. Am teuersten ist der Bereich Rotenwald- und Geißeichstraße: Die Unfallkosten wurden dort auf 820 000 Euro taxiert. Doch dabei handelt es sich nicht etwa nur um hochwertige Autos, die dabei demoliert wurden.

„Den Angaben zur Schadenshöhe liegen Kostensätze zugrunde, die vom Bundesamt für Straßenwesen festgelegt wurden“, sagt Kara Starke. Der volkswirtschaftliche Unfallschaden in Stuttgart betrug demnach rund 255 Millionen Euro – im Vorjahr waren es noch 236 Millionen. In dieser Rechnung werden zum Sachschaden noch die volkswirtschaftlichen Kosten für Personenschäden eingepreist. Je mehr Getötete oder Schwerverletzte, desto höher sind auch die statistischen Schadenssummen. In der Rotenwaldstraße im Westen waren im letzten Jahr fünf Schwerverletzte zu beklagen – unter anderem ein zwölfjähriger Bub, der im Juni auf einer Fußgängerfurt angefahren wurde.

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Erstellt:
16. Mai 2024, 22:10 Uhr
Aktualisiert:
17. Mai 2024, 22:03 Uhr

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