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Minister: So stoppen wir das Artensterben nicht

Umweltminister Untersteller erwartet Unterstützung vom Agrarministerium

Ökologie - Umweltminister Franz Untersteller geht zum Tag des Artenschutzes selbstkritisch mit der Regierung ins Gericht: Im Südwesten werde zwar viel getan, aber bei Weitem nicht genug.

Stuttgart Lob und Kritik in einem Atemzug: Diesen Spagat schafft Umweltminister Franz Untersteller (Grüne) leicht. Zum Tag des Artenschutzes am Sonntag sagt der Minister: „Wir stehen in Baden-Württemberg konzeptionell gut da. Das Artensterben werden wir aber nicht stoppen, wenn wir weitermachen wie bisher.“

Tatsächlich hat sich im Südwesten zuletzt einiges im Naturschutz getan. Die Landesmittel wurden seit 2011 mehr als verdoppelt auf derzeit rund 60 Millionen Euro jährlich. Gerade in den unteren Naturschutzbehörden – dazu gehören die Landratsämter – wurden zahlreiche neue Stellen geschaffen. Und derzeit läuft ein bundesweit einzigartigesSonderprogramm, an dem sich Umwelt-, Agrar- und Verkehrsministerium beteiligen. Es ist ausgestattet mit 36 Millionen Euro bis Ende 2019 und hervorgegangen aus dem Erschrecken über das Insektensterben.

Allein im Umweltministerium wurden damit 1330 zusätzliche Projekte initiiert – Moore werden saniert, Wacholderheiden miteinander verbunden, Wiesen nicht mehr gedüngt. Daneben fördert Agrarminister Peter Hauk (CDU) auch den Naturschutz. So können Bauern jetzt Geld für sieben statt fünf Hektar Blühstreifen erhalten. Ein Erfolg sei auch, dass heute im Südwesten auf 24 Prozent der landwirtschaftlichen Flächen auf Pestizide verzichtet werde.

Und trotzdem – all das reiche nicht aus, um das Artensterben zu stoppen, stellt Untersteller klar: „Wir sind auf dem besten Weg, die Katastrophe eines stummen Frühlings zu verwirklichen.“ Nur in Schutzgebieten etwas zu tun sei zu wenig. Vielmehr müsse man überall, vor allem im Offenland, sprich: auf den Wiesen und Äckern, aktiv werden gegen das Verschwinden von Heuschrecken, Kiebitzen und Rebhühnern. Alle Naturschutzgebiete zusammen umfassen im Südwesten 2,4 Prozent; die landwirtschaftliche Fläche liegt bei 45 Prozent.

Neue Studien stützen diese Aussage. So gehört zum baden-württembergischen Sonderprogramm ein Monitoring: Ein erstes Schlaglicht der Landesanstalt für Umwelt hat gezeigt, dass in dem Schutzgebiet Ruchberg auf der Schwäbischen Alb siebenmal mehr Falter gefunden wurden als auf den angrenzenden strukturarmen Ackerflächen. EineEuropa-Studieweist nach, dass seit 1980 rund 57 Prozent aller Feldvögel verschwunden sind; im Wald beträgt der Rückgang der Vogelarten nur sechs Prozent. Eine aktuelleAnalysedes Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung hat ergeben, dass der Artenschwund in Natura-2000-Gebieten, einem Netz aus EU-Schutzgebieten mit besonderen Richtlinien, zwar weniger stark ist als im Offenland, eine Trendwende sei aber nirgendwo zu erkennen.

DasBundesamt für Naturschutzsieht den Zustand der biologischen Vielfalt in der ­Agrarlandschaft als alarmierend an und ­betont, dass die EU- und die nationale Agrarpolitik „keinen substanziellen Beitrag leisten, um dem anhaltenden Verlust der biologischen Vielfalt wirksam entgegenzutreten“. Der 2013 vereinbartenationale Aktionsplander Bundesregierung zur „nachhaltigen Anwendung von Pflanzenschutzmitteln“ wird von Naturschützern als grünes Feigenblatt abgelehnt.

Die meisten Experten sehen zwei Hauptursachen für den Artenrückgang auf den Offenflächen: Die Landschaft sei ausgeräumt, es existierten wenige Tümpel, Sträucher oder Hecken, in denen etwa Vögel nisten könnten. Insekten fänden immer seltener die speziellen Pflanzen, die sie zum Leben benötigten; viele würden auch durch Pflanzenschutzmittel sterben. Hier gelte es anzusetzen, sagt Untersteller. Sein Ministerium sei gefordert, Biotope stärker zu vernetzen und Landwirte dafür auch zu entschädigen. Das Agrarministerium sei aber auch gefordert, noch mehr Anreize zu schaffen, damit die Landwirte mehr für die Vielfalt der Landschaft tun könnten. Ein Teil des Sonderprogramms der Landesregierung war im Übrigen eine Strategie zur Reduzierung der Pflanzenschutzmittel – die Strategie liegt bis heute aber nicht vor. „Ich habe da schon Erwartungen“, formuliert Untersteller in Richtung seines CDU-Ministerkollegen Hauk.

Der Entwurf komme demnächst in das Kabinett und werde „viele gute Punkte enthalten“, sagt dagegen Agrarminister Peter Hauk – auch Zahlen, wie viele Pflanzenschutzmittel im Südwesten ausgebracht werden, würden genannt. Eine solche Statistik wird schon lange etwa vom Nabu eingefordert. Grundsätzlich, so Hauk, habe der Umweltminister wohl sogar recht damit, dass auch in Baden-Württemberg nicht genügend gegen das Artensterben getan werde; aber dann müsse eben auch deutlich mehr Geld dafür bewilligt werden. Auch Hauk will das Sonderprogramm fortführen.

Er betont, dass bundesweite Studien nicht die Situation im Südwesten widerspiegelten: Hier sei die Landschaft noch viel besser strukturiert als anderswo. Aus diesem Grund sei ein eigenes Monitoring so wichtig. Pestizide hält Hauk für unumgänglich, aber es müsse mehr in Forschung und Technik ­investiert werden, um die Menge zu reduzieren. Bei einer CDU-Veranstaltung in Horb äußerte Hauk aber auch Zweifel an Zielen von Naturschützern. Es gebe Hinweise, dass extensiv bewirtschaftete Wiesen und Wälder artenreicher seien als Brachland und Bannwälder. Zugespitzt sagte er: DieKrefelder Studiezum Insektensterben 2017 habe gezeigt, dasses mehr Insekten gebe, „je näher man an landwirtschaftlich bewirtschaftete Flächen kommt. Deshalb prophezeie ich heute: Der Nationalpark wird bei der Artenvielfalt verarmen.“

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Erstellt:
2. März 2019, 03:04 Uhr

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