Miraculix soll den Kulturschatz retten

Aspach, Allmersbach im Tal, Auenwald, Backnang und Weissach im Tal kämpfen mit dem ILE-Konzept Miraculix gemeinsam um den Erhalt der Streuobstwiesen und bekämpfen die Mistelplage. Die fünf Kommunen des Schwäbischen Mostviertels wollen Zuschüsse für regionale Projekte.

Idyllische Streuobstwiesen prägen die Landschaft mit den sanften Hügeln rund um Backnang. Und das soll so auch bleiben. Foto: A. Becher

© Pressefotografie Alexander Becher

Idyllische Streuobstwiesen prägen die Landschaft mit den sanften Hügeln rund um Backnang. Und das soll so auch bleiben. Foto: A. Becher

Von Matthias Nothstein

Backnang. Streuobstwiesen prägen das Backnanger Umland in einer Weise, die ihresgleichen sucht. Die Dichte an Streuobstbäumen ist fast nirgends größer als im Rems-Murr-Kreis, er weist die zweithöchste Baumdichte in Streuobstflächen im gesamten Ländle aus. Umso wichtiger ist es, dieses Kulturgut zu pflegen und zu bewahren. Schon 2015 gründeten die Kommunen Allmersbach im Tal, Auenwald, Aspach, Backnang und Weissach im Tal sowie weitere regionale Akteure den Verein „Schwäbisches Mostviertel“.

Ziel dieses Zusammenschlusses ist es, die Aktivitäten zum Erhalt oder sogar zur Verbesserung des Streuobstanbaus zu bündeln. Der Verein kümmert sich um Fortbildungsangebote, um Nachwuchsförderung und um den Ausbau touristischer Angebote und die Akquise von Finanzmitteln.

Inzwischen steht fest, dass all diese Arbeiten eine dauerhafte Besetzung der Geschäftsstelle nötig machen. Und so ist Nadine Thoman Anfang November vergangenen Jahres vom Verwaltungs- und Finanzausschuss des Gemeinderats Backnang zur Geschäftsführerin des Schwäbischen Mostviertels ernannt worden.

Schon ein Jahr zuvor hatten die fünf Kommunen beschlossen, künftig als „ILE-Region“ zum Thema Streuobst verstärkt zusammenarbeiten zu wollen. Wobei ILE für integrierte ländliche Entwicklung steht. Die Vorteile liegen auf der Hand: Es gibt Zuschüsse von Bund und Land. So können die Kosten eines externen Regionalmanagements bis zu sieben Jahre lang mit 75 Prozent gefördert werden. Dieses Management unterstützt die ILE-Kommunen und private Akteure bei der Umsetzung von solchen Maßnahmen, die zuvor in einem Konzept erarbeitet worden sind. Und selbst die Erstellung dieses Konzepts (ILEK) wird noch bezuschusst.

200000 Euro pro Jahr für Kleinprojekte dank 90 Prozent Zuschuss vom Land

Zudem können ILE-Kommunen das Programm „Regionalbudget“ nutzen. Dabei erhalten sie bis zu 200000 Euro pro Jahr. Mit dem Geld können Kleinprojekte (2000 bis 20000 Euro Projektkosten) in der ILE-Region nach eigenen Richtlinien gefördert werden. Von den 200000 Euro Gesamtprojektkosten schießt das Land 90 Prozent zu, der Rest sind Eigenmittel der Kommunen.

In den vergangenen Wochen haben vier ILE-Kommunen bereits zugestimmt, dass die Verantwortlichen das ILE-Konzept beim Ministerium für Ernährung und Ländlichen Raum Baden-Württemberg einreichen können. In Auenwald soll der Beschluss am 24. Januar gefällt werden. Das Konzept dient als Grundlage für die Anerkennung und Förderung als ILE-Region. Ziel war die Ausarbeitung eines strategischen Handlungskonzepts für die nächsten sieben Jahre. Oder wie es Stadtbaudezernent Stefan Setzer formuliert: „Es sollen Strukturen entwickelt werden, die sich nach Ablauf des Förderzeitraums selbst tragen.“

Ein typisches Beispiel und ein Schwerpunkt der Aktivitäten ist das Programm Miraculix. Dabei geht es um die Bekämpfung der Misteln, die mittel- bis langfristig eine wesentliche Bedrohung der Streuobstwiesen darstellen. Laut Setzer gibt es immer weniger Stücklesbesitzer, die ihre Bäume pflegen wollen oder können. Mit der Konsequenz, dass die Misteln immer mehr Bäume befallen. „Die Bäume gehen kaputt und werden gefällt und – wenn neue Obstbäume gepflanzt werden – dann geht das Drama wieder von vorne los.“

Setzer möchte den Grundstückseigentümern helfen, dass diese wieder ein Gefühl für ihren Besitz entwickeln und die Streuobstwiesen pflegen. „Entweder weil es Spaß macht oder weil es wieder wirtschaftlichen Ertrag bringt.“ Möglich wird dies zum Beispiel, indem neue Sorten gepflanzt werden, die nicht so anfällig für Misteln sind. Setzer nennt zum Beispiel Nuss- oder Kirschbäume. Die Rentabilität kann aber auch gesteigert werden, indem die Misteln aktiv bekämpft werden. Etwa mit konzertierten Aktionen, bei denen sich mehrere Eigentümer zusammentun und von den Obst- und Gartenbauvereinen unterstützt werden. So wäre genügend Fachwissen vor Ort, um dem Halbschmarotzer Mistel zu Leibe rücken zu können. Ganz konkret könnten sich Stücklesbesitzer auch technische Hilfen wie etwa Hubsteiger gemeinsam mieten. Die Misteln müssen aus den Bäumen gesägt werden, da ihre feinen Wurzeln die Nährstoffe und das Wasser des Wirtsbaums abzweigen. Mit der Folge, das ungepflegte Bäume mit der Zeit verdorren. Zudem darf der abgesägte Mistelschnitt nicht verbrannt werden, sondern er muss abgefahren werden. Auch diese Möglichkeit haben nicht viele Eigentümer, weshalb Gemeinschaftsaktionen sehr von Vorteil sind. Grundsätzlich ist das gesamte Mostviertel von der Mistelproblematik betroffen, mal mehr, mal weniger. Es gibt nur wenig mistelfreie Bestände, zumal auch andere Baumarten wie Pappeln entlang von Gewässern – meist auf kommunalen Flächen – betroffen sind.

Setzer betont, dass in der Vergangenheit schon viel zum Erhalt der Streuobstflächen in die Wege geleitet und erreicht wurde. Nun soll sich die Arbeit noch verstetigen und die Vernetzung ausgebaut werden. Er wünscht sich, dass viele ortsspezifische Projekte herausgearbeitet werden. Zudem verweist Setzer darauf, dass es sich bei den Hilfen um einen dynamischen Prozess handelt, „wir haben jedes Jahr die Möglichkeit, neue Projekte aufzulegen“.

Ein Baum, der derart von Misteln befallen ist, hat keine Überlebenschance. Archivfoto: A. Holp

Ein Baum, der derart von Misteln befallen ist, hat keine Überlebenschance. Archivfoto: A. Holp

11,3 Prozent weniger Streuobstflächen von 2009 bis 2020

ILE-Konzept An der Entwicklung des Konzeptes haben lokale und regionale Akteure und Experten sowie Bürgermeister und Mitarbeiter der Verwaltungen mitgearbeitet. Erstellt wurde es letztendlich vom Büro Neulandplus aus Schrozberg.

Rückgang Zwei Erhebungen der Streuobstbestände in den Jahren 2009 und 2020 haben einen Rückgang an Streuobstbäumen im Bereich des Schwäbischen Mostviertels von 11,3 Prozent aufgezeigt. Den größten Rückgang verzeichnete Aspach mit 25,9 Prozent vor Allmersbach im Tal (18,7) und Backnang (12,5). Exemplarisch für einen besonders starken Rückgang ist Heiningen mit fast 40 Prozent, hier wurde eine Streuobstwiese beim Flughafen gerodet.

Zunahme Die größten Zuwächse an Streuobstflächen finden sich in Auenwald- Ebersberg (75 Prozent), gefolgt von Lippoldsweiler (30) und Cottenweiler (25,5).

Rentabilitätskrise Der Streuobstbau steckt in einer Krise, da die Bearbeitung der Flächen nicht mehr rentabel ist. Die Bewirtschafter haben einen hohen Pflegeaufwand und erhalten nur einen geringen Obstpreis. Gefördert werden soll daher die Vermarktung. Anfangs wollten die Verantwortlichen selbst aus den Misteln noch Gewinn schöpfen, indem die Zweige verkauft werden sollten. Doch inzwischen ist man zurückgerudert: Mit dem Verkauf würde der Ausbreitung des Schmarotzers Vorschub geleistet.

Lebensraum Mit dem lokalen Rückgang der Streuobstwiesen schwindet nicht nur der Lebensraum für Steinkauz, Wiedehopf und Co., sondern auch das Wissen um die Bewirtschaftung und Pflege der Wiesen.

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Erstellt:
8. Januar 2022, 06:00 Uhr

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