Sexueller Missbrauch in der Kirche
Missbrauch-Studie: Franziskaner haben total versagt
Als einer der ersten großen katholischen Orden in Deutschland legen die Franziskaner eine wissenschaftliche Aufarbeitung sexualisierter Gewalt in ihren Reihen vor.
© Oliver Berg/dpa
Ein Ort des Grauens: Das Franziskanerkloster (hinten) mit Gymnasium (vorne) und ehemaligem Internat (Mitte ) Vossenack in Hürtgenwald.
Von Markus Brauer/KNA
Die Franziskaner schwelgen derzeit im Glück: Die sterblichen Überreste ihres Gründers, des katholischen Heiligen Franz von Assisi, sind erstmals nach fast acht Jahrhunderten für die breite Öffentlichkeit zu sehen.
Die Ausstellung der Reliquien des Heiligen in der päpstlichen Basilika San Francesco in der mittelitalienischen Gemeinde Assisi dauert noch bis zum 22. März. Fast 400.000 Menschen aus verschiedensten Ländern haben sich nach Angaben des Franziskanerordens dafür bereits angemeldet.
Reliquien und Missbrauch
Das war’s dann aber schon mit der Euphorie. Denn das andere Thema, dass den mit rund 13.500 Mitgliedern nach den Benediktinern und den Jesuiten drittgrößtem Orden der katholischen Kirche umtreibt, ist wesentlich unangenehmer. Der sexuelle Missbrauch durch Patres und Brüder der deutschen Sektion der weltweit agierenden Gemeinschaft.
Opfer ignoriert, Täter gedeckt, Aufarbeitung verschleppt: Die deutschen Franziskaner haben ein Komplettversagen im Umgang mit sexualisierter Gewalt eingeräumt. Bei der Vorstellung einer 450 Seiten starken Aufarbeitungsstudie bat Provinzialminister Markus Fuhrmann auf einer Pressekonferenz am in München alle Betroffenen um Vergebung „für die entsetzlichen Taten“. Ein Verschweigen solcher Verbrechen „darf es nie wieder geben“.
Vier Prozent Tatverdächtige
In der wissenschaftlichen Studie ermittelten Sozialpsychologen vom IPP-Institut (Institut für Praxisforschung und Projektberatung) in München mehr als 100 Betroffene sexualisierter Gewalt seit 1945. Als Tatverdächtige seien 98 Ordensmänner namentlich identifiziert worden. Dies entspreche bei einer Gesamtzahl von 2500 Franziskanern im Betrachtungszeitraum einer Quote von vier Prozent. Das Dunkelfeld sei „um ein Vielfaches größer“, betont Studienautor Peter Caspari.
Für die Standorte Vossenack und Dorsten (Nordrhein-Westfalen) Ottbergen (Niedersachsen) sowie Vlodrop in den Niederlanden liegen den Forschern Hinweise auf jahrelange sexualisierte Gewalt an Jungen vor. Bei der Hälfte aller dokumentierten Vorgänge handle es sich um schwere Fälle.
„Kein intern aufgedeckter Fall bekannt“
Es ist kein Fall bekannt„Es ist kein Fall bekannt, in dem ein Mitbruder sexuellen Missbrauch aufdeckte“, erläutert Caspari:
Bis 2011 hätten sich Ordens-Verantwortliche in keiner Weise für das Schicksal Betroffener interessiert.
Bis 2010 sei auch kein einziges Strafverfahren oder eine kirchenrechtliche Sanktion gegen einen Täter proaktiv veranlasst worden.
Insgesamt habe der Prozess der Aufarbeitung „viel zu spät“ begonnen.
„Intensive Verhöre präpubertärer Jungen“
Als eine spezifische, pathologische Variante spirituellen Missbrauchs beschreibt die Studie „intensive Verhöre präpubertärer Jungen zu ihrer Sexualität“. Aber auch junge Frauen, die sich in der Kirche hätten engagieren wollen, seien manipuliert und in sexuelle Beziehungen verwickelt worden. Die damit verbundene Scham habe Betroffene teils ihr ganzes Leben lang in ihren Paarbeziehungen beeinträchtigt.
Die IPP-Forscher empfehlen der Ordensleitung, eine Erinnerungskultur auf Ebene der Provinz wie an betroffenen Standorten zu etablieren. Die Klarnamen der Beschuldigten sollten zumindest intern kommuniziert werden, wenn die Vorwürfe fundiert und schwerwiegend seien. Dabei sei mit Widerständen und Verleugnungen zu rechnen. Die heutige deutsche Franziskanerprovinz zählt nach eigenen Angaben noch 180 Mitglieder.
Was Betroffene sagen
Stellvertretend für andere Betroffene nahm der ehemalige Vossenacker Internatsschüler Achim Görke die Vergebungsbitte der Franziskaner „zur Kenntnis“. Unverzeihlich bleibe, dass in Vossenack viele Ordensmitglieder Bescheid gewusst, aber bis in höchste Kreise hinein geschwiegen hätten, betont er.
Peter Krosch, auch ein ehemaliger Schüler in Vossenack, fügt hinzu, es mache ihn noch immer fassungslos, dass sich in seiner Schulzeit alle Ordensangehörigen weggeduckt hätten. Die lange Zeit vorherrschende Trägheit habe inzwischen viele Betroffene der Chance beraubt, das Erlebte besser verarbeiten zu können. So sei es ihnen nach dem Tod „ihrer“ Täter nicht mehr möglich, diese mit ihren Verbrechen zu konfrontieren.
Was ein Täter „bereut“
Während der Arbeit an der Studie sind nach Angaben der Forscher eine Reihe Tatverdächtiger gestorben. So habe nur einer von ihnen noch interviewt werden können.
Diese Person habe „Reue gezeigt“, berichtet Peter Caspari. Er habe von „inneren Konflikten“ erzählt, aber nicht verstanden, dass es um sexualisierte Gewalt gegangen sei. „Er hat bedauert, dass er sein Gelübde der Ehelosigkeit nicht einhalten konnte.“
