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„Misteln töten Bäume“

Der Obst- und Gartenbauverein Heiningen-Maubach-Waldrems befreit einmal im Jahr Obstbäume von der Schmarotzerpflanze

Mittlerweile gehören sie ins Landschaftsbild: Immer mehr Obstbäume in und um Backnang sind von Misteln befallen. Denn ganz ihrem heimeligen Ruf vom Küssen unterm Mistelzweig zum Trotz, ist die Pflanze schlicht und einfach ein Parasit, dessen Ausbreitung der Tod eines Baumes bedeutet. Der Obst- und Gartenbauverein Heiningen-Maubach-Waldrems kämpft gegen Misteln und schneidet sie einmal im Jahr.

Um an die Misteln in den Baumkronen zu kommen, fahren die freiwilligen Helfer groß auf.

© Jörg Fiedler

Um an die Misteln in den Baumkronen zu kommen, fahren die freiwilligen Helfer groß auf.

Von Sarah Schwellinger

BACKNANG. Der ganze Ast muss ab. Entschlossen wird die Säge angesetzt. Knarzend zieht sie sich durchs Holz. Ein Schnitt und der knorrige Ast fällt krachend zu Boden – und mit ihm der Parasit. Der Obst- und Gartenbauverein Heiningen-Maubach-Waldrems räumt auf und geht dem ungewollten Grünzeug an den Kragen.

Schon wenn man die Straße nach Maubach entlangfährt, sieht man sie von Weitem: dichte, kugelige Mistelnester in den Bäumen. All das muss weg. Aus diesem Grund haben sich etwa zehn Freiwillige am Samstag bei Maubach zusammengefunden – um dem lästigen Grünzeug den Kampf anzusagen. „Misteln töten Bäume“, der Spruch des Gartenbauvereins ist zwar plakativ, doch wahr, erklärt Jochen Birk, Vorsitzender des Obst- und Gartenbauvereins: „Einem Baum bleiben noch etwa fünf bis sieben Jahre, wenn er von Misteln befallen ist.“ Die Mistel ist eine sogenannte Halbschmarotzerpflanze, die sich auf Bäumen breit macht und mit ihren Saugwurzeln dem Baum Wasser und Nährstoffe entzieht, aber selbst Photosynthese betreibt. Das bedeutet über kurz oder lang den Tod des Baumes. In Germannsweiler stehe es um einige Bäume schlimm, erzählt Birk: „Da hilft nur noch ein Schnitt – und zwar der am Stamm.“

Die Misteln sind vor allem in Süddeutschland auf dem Vormarsch. Sie breiten sie sich immer weiter auf Obstbäumen aus, so wie auch hier auf den Äpfelbäumen bei Maubach. „Streuobstwiesen prägen hier unsere Landschaft“, so Birk, da sei der Mistelbefall alarmierend. Ursache für die Ausbreitung der Mistel ist vor allem die unregelmäßige Pflege von Streuobstbeständen. Klimatische Veränderungen, wie lange Trockenphasen und der daraus resultierende Stress für die Obstbäume begünstigen den Vormarsch.

Vögel bringen die Samen

von Baum zu Baum

Doch wie gelangt der Parasit auf den Baum? Da hat sich die Natur etwas einfallen lassen. Ihre klebrigen Früchte locken Vögel an. „Vögel fressen die weißen Beeren“, beginnt Birk. Die Samen werden unverdaut wieder ausgeschieden. Fallen sie auf den Baum, beginnen sie dort sich einzunisten. Ihre Wurzeln breiten sie unter der Rinde aus, weshalb es wichtig ist, nicht nur die Mistel selbst, sondern auch ein ganzes Stück des Astes mit abzuschneiden. „Mindestens 30 bis 50 Zentimeter sollten ins gesunde Holz zurück abgesägt werden.“ Damit kann die Ausbreitung der Pflanze in der Regel gestoppt werden, wenn der Baum noch nicht zu stark angegriffen ist. Bevor das große Mistelschneiden beginnt, das der Verein einmal im Jahr veranstaltet, gibt Birk genaue Anweisungen. Als es losgeht, schnappen sich die Freiwilligen Sägen und Scheren und machen sich ans Werk. Birk freut sich über so viel Engagement: „Das sind Leute, die ihren Samstagnachmittag damit verbringen, anzupacken, etwas Gutes tun. Auch wenn es nicht ihre eigenen Bäume sind.“ Der Obst- und Gartenbauverein hat die Eigentümer des Grundstücks im Voraus um Erlaubnis gefragt. „Das Stück gehört einem älteren Ehepaar, das sich nicht mehr um die Bäume kümmern kann.“ Deshalb packt der Verein an, hilft dabei, die Apfelbäume vor ihrem Tod zu bewahren.

Mit der Aktion will der Verein nicht nur der Natur helfen, sondern auch Bewusstsein für das Problem schaffen. Denn die Mistel kennen viele nur als dekorativen Weihnachtsschmuck oder wegen ihrer heilsamen Wirkung. Für teures Geld werden die Zweige mit ihren länglichen Blättern und weißen Beeren mancherorts verkauft, hat sich die Tradition vom Küssen unterm Mistelzweig breit gemacht.

Anders als angenommen stehen Misteln nicht unter Naturschutz. Auch der Nabu warnt davor: „Misteln dürfen geschnitten werden und sollten es auch.“

Gut zwanzig Bäume haben die Freiwilligen an diesem Samstag von den Misteln befreit. Sah anfangs nach viel Arbeit aus, war es auch. Doch die hat sich gelohnt, finden die Helfer. Sie haben einen wichtigen Teil zur Erhaltung der Bäume beigetragen.

Fast ein Kampf gegen Windmühlen: Hier haben sich die Misteln schon massiv ausgebreitet.Fotos: J. Fiedler

© Jörg Fiedler

Fast ein Kampf gegen Windmühlen: Hier haben sich die Misteln schon massiv ausgebreitet.Fotos: J. Fiedler

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Die Mistel
Früher war die Mistel eine wichtige magische Pflanze, die von den Druiden mit goldenen Sicheln geerntet wurde und nicht zu Boden fallen durfte, sonst würde sie ihre besondere Wirkung einbüßen. Aufgrund der magischen Wichtigkeit galt die Mistel früher auch als Allheilmittel. In der modernen Pflanzenheilkunde wird die Mistel gegen Bluthochdruck und gegen Krebs eingesetzt. Zur Zeit der Wintersonnenwende und als Weihnachtsschmuck wird sie an Haustüren gehängt, um das Haus vor Schaden zu bewahren. Wer sich unter Misteln küsst, soll ein glückliches Liebespaar werden.

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Erstellt:
26. November 2018, 06:00 Uhr

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