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Mit dem ICE auf die Loipe

Kein Schnee, weniger Besucher: Wintersportorte stehen vor Problemen – Seefeld setzt im Überlebenskampf jetzt auf eine Ski-WM

Nordische Ski-WM - In der kommenden Woche findet in Seefeld in Tirol zum zweiten Mal die nordische Ski-WM statt. Für die Kommune ist das ein Segen. Sie hofft, dass dadurch wieder dauerhaft mehr Touristen kommen. Was hat sich in dem Ort in den Alpen alles verändert?

Seefeld Wer mit dem Zug oder dem Bus nach Seefeld anreist, steigt seit Neuestem an einer der modernsten Stationen in Österreich aus. Der Bahnhof wurde für fast 23 Millionen Euro fit gemacht für die nordische Ski-WM 2019. „Der Umbau des Bahnhofs ist ein Meilenstein für unseren Ort“, sagt Elias Walser, Chef der ­Olympiaregion Seefeld. Ohne die WM, ergänzt sein Aufsichtsrat Christian Kaltschmid, „wäre unser Bahnhof erst in zwei oder drei Jahrzehnten bei der Österreichischen Bundesbahn auf der Agenda gewesen“.

So lange aber hätte man in dem Tiroler Tourismusort nahe der bayerischen Grenze nicht warten können. Denn die letzten wirklich großen Sportereignisse liegen schon lange zurück. 1964 und 1976 wurden in Seefeld die nordischen Wettbewerbe der Olympischen Winterspiele von Innsbruck ausgetragen. 1985 fand erstmals eine WM statt. Die Sogwirkung auf den Tourismus blieb nicht aus. Immer mehr ­Gäste besuchten den etwas mehr als 3300 Einwohner zählenden Ort. Doch nach den 2000er Jahren gab es Rückgänge.

Allerdings sind es nicht nur die Besucherzahlen, die Seefeld zu schaffen machen. Die Region befindet sich zwar in einem schön zwischen die Gebirgsketten von Wetterstein und Karwendel eingebetteten Hochtal, allerdings liegt er nur auf 1200 Metern – und hat somit wie die meisten unterhalb von 2000 Metern gelegenen Wintersportorte zunehmend mit Schneemangel zu kämpfen.

Vor allem Anfang November, also zu Beginn der Wintersaison, fehlte es seit Jahren an genügend weißer Pracht. Deshalb wurden in Seefeld große Investitionen fällig. 2015 baute der Ort erstmals eine Schneefarm. Mit dem im FachjargonSnowfarminggenannten Projekt wurden in den ver­gangenen Jahren jeweils rund 6000 Kubikmeter Kunstschnee produziert und im März dann am Hang der Toni-Seelos-Sprungschanze konserviert. Bei dieser Methode wird der hergestellte Schnee unter einer ­dicken Schicht Holzschnitzel gelagert, um ihn vor Sonne und Regen zu schützen und ihn in den nächsten Winter hinüberzuretten. Nur so konnte gewährleistet werden, dass schon im November eine 1,5 Kilometer lange und sechs Meter breite Kunstschnee-Loipe befahrbar war.

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„Wir müssen sicherstellen, dass Seefeld jedes Jahr ab November schneesicher ist“, verteidigte Bürgermeister Werner Frieser einst das Projekt. Doch im Lauf der Jahre zeigten sich die Nebenwirkungen. „Wir mussten den Schnee mit Traktoren zu den Loipen fahren. Da wir wenig befestigte Wege haben, wurden die Wiesen beschädigt“, räumt Elias Walser ein. Eine neue Lösung wurde also notwendig, denn um das Thema Nachhaltigkeit kommt längst kein Tourismusort mehr herum.

Die Rettung brachte wie beim Bahnhof auch hier die anstehende Weltmeisterschaft – zu der mehr als 200 000 Zuschauer erwartet werden. Insgesamt gut 55 Millionen Euro flossen für Infrastrukturprojekte von der öffentlichen Hand in die Seefelder Kassen. Eines dieser Projekte war eine neue Beschneiungsanlage für die Langlaufloipen.

Am Gschwandtkopf wurde für die Anlage ein riesiger Teich mit mehr als 100 000 Kubikmeter Fassungsvermögen angelegt. Aus ihm wird jetzt das Wasser entnommen, um Kunstschnee für das Loipennetz zu erzeugen. Zudem sei der See, so schwärmt Walser, „künftig im Sommer für Wanderer ein weiteres beliebtes Ausflugsziel“. Denn eines ist für den Tourismusmanager klar: „Wir müssen ab 2020 bei den Übernachtungszahlen zulegen.“ Im vergangenen Jahr zählte man in Seefeld etwas mehr als zwei Millionen Übernachtungen.

Das große Ziel ist es, die Sportinfrastruktur so auszulasten, „dass es sich mit normalen Sportlern und Freizeitsportlern finanziert“. Vor allem das 256 Kilometer lange Loipennetz in der Region um Seefeld und die Biathlonanlage sollen dabei helfen. Erste Erfolge sind bereits zu verzeichnen. Schon zwei Wochen nach der Weltmeisterschaft richtet beispielsweise die Großbank Unicredit vier Tage lang ihre Unternehmens-Meisterschaften mit rund 2000 Mitarbeitern in Seefeld aus.

Walser ist zuversichtlich, dass sich der Trend verfestigen wird. „Wir haben keinen weißen Elefanten gebaut, der nach der WM nur leer herumsteht und vor sich hinrottet“, sagt der Tourismuschef mit Blick auf so manch anderen Ort, in dem schon Wintersport-Großereignisse stattfanden. Als Negativbeispiel nennt erSarajevo, die Hauptstadt von Bosnien und Herzegowina, wo die Bobbahn und die Sprungschanze vor sich hinrosten. Er denkt, dass sich der Wintersport wieder auf seine Wurzeln besinnen sollte. „Alle freuen sich darauf, dass endlich wieder eine WM in den Alpen ist.“ Hier feierten eben Zehntausende Fans die Sportler, während zum Beispiel bei den Olympischen Spielen in Pyeongchang 2018 im Biathlonstadion oder an der Sprungschanze teilweise gähnend leere Tribünen zu sehen waren.

Auch bei der WM 2019 der alpinen Skifahrer, die zur Zeit im schwedischen Åre stattfindet, dreht sich alles um die Themen Tradition und Nachhaltigkeit. So werden die kraftstofffressenden Pistenraupen mit hydriertem Pflanzenöl betankt. Das HVO genannte pflanzliche „Wundermittel“ ersetzt den herkömmlichen Diesel. Der WM-Chef Niklas Carlsson sprach selbstbewusst davon, dass Åre „die nachhaltigste WM aller Zeiten“ sei.

In Åre wurden 200 Millionen Euro in die Infrastruktur rund um eines der ältesten schwedischen Skigebiete investiert. Die Zahl der Gästebetten stieg um zwölf Prozent auf 30 000 – und das in einem Dörfchen mit gerade mal 1500 Einwohner. Deshalb müssen weitere Großereignisse her, und gemeinsam mit Stockholm könnte schon bald eine Bewerbung für die Olympischen Winterspiele 2026 folgen.

Das eine WM und mit ihr kommende Bauprojekte sich durchaus positiv auf die touristische Bilanz auswirken können, hat man auch bereits an anderer Stelle im österreichischen Bundesland Tirol festgestellt. „Schon beim Bahnhof in St. Anton haben wir gesehen, welche nachhaltigen Wirkungen eine solche infrastrukturelle Investition im Vorfeld einer Ski-WM hat“, sagt Ingrid Felipe, die Stellvertreterin des Landeshauptmanns. In St. Anton wurde der Bahnhof im Zuge einer Streckenverlegung im Jahr 2000 durch einen Neubau am südlichen Ortsrand ersetzt.

Auch in Seefeld weiß man aufgrund dieser Erfahrungen um die Dynamik, die eine Veranstaltung wie eine WM entfaltet: „Alle waren bei uns auf das Datum im Februar 2019 fixiert. Sonst hätte es nicht diesen Investitionsschub gegeben“, sagt Walser. Der hat dazu geführt, dass nun auch Seefeld einen Titel hat, der für eine Schlagzeile gut ist. Denn nach dem Umbau des Bahnhofs fährt die Deutsche Bahn freitags und samstags von Hamburg und Dortmund aus mit dem ICE umsteigefrei nach Seefeld. Walser schwärmt: „Wir sind der höchstgelegene ICE-Bahnhof der Welt.“

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Erstellt:
15. Februar 2019, 03:04 Uhr

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