Mit den Händen sprechen lernen

Heute ist der internationale Tag der Gebärdensprache. Der Aktionstag findet seit 1951 jährlich am 23. September statt. Er soll auf die Situation Gehörloser aufmerksam machen und für die Gebärdensprache werben. Grundkenntnisse kann man auch an der VHS Backnang erwerben.

Für manche Gebärden braucht man nur eine Hand, für andere beide. Foto: Adobe Stock/Photographee.eu

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Für manche Gebärden braucht man nur eine Hand, für andere beide. Foto: Adobe Stock/Photographee.eu

Von Melanie Maier

Backnang. Die Gebärde für Backnang ist so simpel wie naheliegend: einmal mit der Faust gegen die Backe klopfen. Das können sich die Teilnehmerinnen und der einzige Teilnehmer des Gebärdensprachkurses der Volkshochschule Backnang leicht merken. Kursleiterin Daniela Pfleiderer erklärt auch, wie Waiblingen, Stuttgart, Schwäbisch Gmünd und Flensburg gebärdet werden; die Wohnorte der Teilnehmer. In Zeiten von Pandemie und Online-Kursen ist es egal, von welchem Ort aus man sich zuschaltet.

Dabei weist auch die Gebärdensprache regionale Unterschiede auf. Dialekte, wie die gesprochene Sprache. „Sächsisch ist zum Beispiel komplett anders als das, was ich gelernt habe“, sagt Daniela Pfleiderer. Die 25-Jährige stammt aus Winnenden und hat die Deutsche Gebärdensprache (DGS) nach ihrem Realschulabschluss am Berufskolleg für Gebärdensprache der Paulinenpflege Winnenden erlernt. „Das hat mega Spaß gemacht“, sagt sie. Und es war der Grund dafür, dass sie nach dem Erwerb der Fachhochschulreife am Berufskolleg mit der Gebärdensprache weitergemacht hat. Im Rahmen eines Freiwilligen Sozialen Jahres und eines Bundesfreiwilligendiensts – ihr Engagement hat sie um ein ganzes Jahr verlängert, weil es ihr bei der Paulinenpflege so gefallen hat – durfte sie an der Berufsschule selbst unterrichten; offiziell war sie als Assistenz der Schulleitung dort.

Mittlerweile studiert Daniela Pfleiderer den Master „Soziale Arbeit in sonderpädagogischen Handlungsfeldern“ im zweiten Semester an der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg. Nebenbei gibt sie Gebärdensprachkurse an ihrer Hochschule sowie an den Volkshochschulen in Murrhardt, Schorndorf, Winnenden und seit diesem Jahr auch in Backnang. Mitte Oktober wird dort der nächste Kurs abgehalten werden (siehe Infokasten). Das Angebot ist noch sehr frisch: Erst seit diesem Jahr sei die DGS in Kooperation mit dem Kreisjugendring Rems-Murr (KJR) und im Rahmen des Projekts Outdoor inklusiv im Programm, sagt Maren Fink, die bei der VHS Backnang für den Bereich Sprachen zuständig ist. Der erste Kurs war sehr schnell ausgebucht. Auch für den aktuellen musste sie nicht groß Werbung machen, sagt Fink: „Die Nachfrage war immer da. Aber uns haben die Dozenten gefehlt.“ Über die Zeitung wurde sie im vergangenen Jahr auf Daniela Pfleiderer aufmerksam. Bald kam der erste Kurs zustande. Weil das Interesse so hoch ist, könnte Maren Fink sich auch vorstellen, Kurse für Fortgeschrittene anzubieten. „Noch sind wir aber im Aufbau“, sagt sie.

Davon bekommen die Teilnehmerinnen und der Teilnehmer des Online-Kurses von Daniela Pfleiderer nichts mit. Die Studentin beginnt ihr zweitägiges Lernprogramm (zweimal zweieinviertel Stunden) mit einer kurzen Einführung in die DGS. Sie erklärt unter anderem, dass die Grammatik in der Gebärdensprache anders aufgebaut ist als im gesprochenen Deutsch (auf das Subjekt folgt erst das Objekt, dann das Prädikat: „Junge Ball kaufen“ ist ein grammatikalisch richtiger Satz), dass es keine Höflichkeitsform gibt (und daher alle per Du sind) und dass die DGS erst seit dem Jahr 2002 als vollwertige Sprache in Deutschland gesetzlich anerkannt ist. Der internationale Tag der Gebärdensprache – der 1951 vom Weltverband der Gehörlosen ins Leben gerufen wurde – wird aber bereits seit den 1970er-Jahren jedes Jahr am 23. September hierzulande begangen. Der Aktionstag soll auf die Situation der bundesweit etwa 80000 gehörlosen Menschen aufmerksam machen und für die DGS werben.

Die Gebärdensprache ist schon sehr alt. Immer wenn Gehörlose in der Vergangenheit untereinander Kontakt hatten, unterhielten sie sich mithilfe von Gebärden. Die erste Gehörlosenschule weltweit wurde von dem Mönch Abbé de l’Epée 1770 in Paris gegründet. Von dort verbreiteten sich seine Lehrmethoden. In Deutschland gründete Samuel Heinicke im Jahre 1778 die erste staatliche Gehörlosenschule in Leipzig. Doch nach Streitigkeiten um die richtige Methode wurde die Gebärdensprache im Unterricht für rund 100 Jahre verboten. Bis in die 1930er-/40er-Jahre hinein erlebte die Gebärdensprache einen Stillstand. Erst in den 1960er-Jahren bekam sie durch den US-Amerikaner William Stokoe allmählich wieder mehr Bedeutung.

„Bis zu neun Informationen können gleichzeitig in einer Gebärde stecken“, sagt Daniela Pfleiderer. So schnell geht es zu Kursbeginn dann aber doch nicht ganz. Am Wichtigsten ist es für die Teilnehmer, zunächst einmal nicht zu vergessen, den Mund beim Gebärden mitzubewegen und die Mimik nicht zu vernachlässigen. Denn die spielt eine wichtige Rolle. Allein die hochgezogenen Augenbrauen machen den Unterschied zwischen den Sätzen „Du gehst zur Arbeit“ und „Gehst du zur Arbeit?“. Sie zeigen: Es handelt sich um eine Frage.

Bei Namen oder Ortsbezeichnungen ist oft auch das Fingeralphabet gefragt. Damit können Gebärdende buchstabieren – und so auch einmal Unklarheiten aus dem Weg räumen. Das Alphabet ist denn auch die Hausaufgabe für den Folgetag: Zum Beginn der zweiten Stunde sollen alle ihren Namen buchstabieren können. Das klappt besser als erwartet. Nur mit dem Erkennen der anderen Namen hakt’s noch etwas. Aber mit ein bisschen Übung gelingt auch das.

Anschließend geht es darum, Wörter zu lernen. Manche sind so einleuchtend, dass man wohl auch darauf gekommen wäre, wenn man hätte raten müssen. Möchte man ein Auto symbolisieren, tut man so, als säße man am Lenkrad. Ein Baby wird dadurch dargestellt, indem man ein unsichtbares Kind in den Armen wiegt. Andere Wörter sind nicht so eingängig. Sport zum Beispiel – das sind zwei Fäuste mit nach oben gestreckten Daumen, die man aneinander führt und dabei wackelt. Manche Gebärden haben dazu noch mehrere Bedeutungen. Ob man „Architekt“ oder „bauen“ sagen will, erschließt sich nur im Kontext. Oder indem man an den Architekten die Gebärde für „Person“ dranhängt. Wer zeigen möchte, dass es sich um eine Architektin handelt, kann das: Gendern geht auch mit DGS.

Zum Ende des Online-Kurses folgt die Königsdisziplin: ganze Sätze abbilden. Das Erfolgserlebnis ist riesig, nachdem die Teilnehmer Schachtelsätze wie „Die Oma hat ihre Tasche vergessen, in welcher ihre Brille ist, und muss sie unter dem großen Tisch suchen“ erfolgreich gebärdet haben.

Volkshochschule Die VHS Backnang
bietet regelmäßig Gebärdensprachkurse an. Der nächste heißt „Deutsche Gebärdensprache (DGS) für Anfänger“ und findet an drei Montagen in Folge von 18 bis 19.30 Uhr in Präsenz statt (11., 18. und 25. Oktober). Es gibt keine freien Plätze mehr, man kann sich aber auf die Warteliste setzen lassen. Weitere Infos: www.vhs-backnang.de
VHS-Kursleiterin Daniela Pfleiderer zeigt die Gebärde für das Wort „Internet“. Foto: privat

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VHS-Kursleiterin Daniela Pfleiderer zeigt die Gebärde für das Wort „Internet“. Foto: privat

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Erstellt:
23. September 2021, 06:00 Uhr

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