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„Mit Gewerbeflächen sparsam umgehen“

Das Interview: Vor dem Abschied aus Backnang blickt der Wirtschaftsbeauftragte Ralf Binder auf neun ereignisreiche Jahre zurück

Seit 2010 war Ralf Binder Ansprechpartner für die Backnanger Unternehmen, nun wechselt der Wirtschaftsbeauftragte der Stadt zum Landkreis Breisgau-Hochschwarzwald. Warum er seine Zelte an der Murr abbricht und was Backnang tun muss, um für Unternehmen weiterhin attraktiv zu bleiben, erklärt der 43-Jährige im Interview.

„Backnang hat sich gut entwickelt“, findet Ralf Binder. In den Lerchenäckern wurde während seiner Amtszeit aus „beleuchteten Wiesen“ ein begehrtes Gewerbegebiet. Foto: A. Becher

© Pressefotografie Alexander Beche

„Backnang hat sich gut entwickelt“, findet Ralf Binder. In den Lerchenäckern wurde während seiner Amtszeit aus „beleuchteten Wiesen“ ein begehrtes Gewerbegebiet. Foto: A. Becher

Von Kornelius Fritz

Sie wechseln als Wirtschaftsförderer von Backnang nach Freiburg. Die gute Schwarzwaldluft war vermutlich nicht der einzige Grund für Ihren Wechsel.

Wie so oft im Leben gibt es Gründe, die einen ziehen, und manchmal auch Gründe, die einen schieben. Hier war es eine Kombination. Was mich zieht, ist, dass ich mit knapp 44 Jahren noch mal die Chance habe, mich beruflich weiterzuentwickeln: Ich werde in Freiburg fünf Mitarbeiterinnen haben und den Fachbereich Struktur und Wirtschaftsförderung leiten. Dann gibt es private Gründe: Meine Schwiegereltern leben bei Freiburg. Wir kehren also zurück in die Heimat meiner Frau. Und was auch eine Rolle gespielt hat: In Backnang war ich sehr stark in die Organisation von Veranstaltungen eingebunden. Künftig kann ich wieder stärker im Kernbereich der Wirtschaftsförderung tätig sein.

Ihr Aufgabenspektrum in Backnang reichte von der Suche nach einem neuen Kinderarzt über die Organisation der Gesundheitsmesse bis zur Vertretung des Pressesprechers. Blieb da für die Kontaktpflege zu Unternehmen und Investoren überhaupt noch Zeit?

Kein Wirtschaftsförderer macht das ausschließlich – das war mir auch klar. Aber es ist schon richtig, dass in einigen Zeiten die Inanspruchnahme für Veranstaltungen – ich nenne mal das Murr-Spektakel 2017 als besonderes Beispiel – so groß war, dass andere Aufgaben zurückstehen mussten, beispielsweise das Thema Kontaktpflege zu Unternehmen.

Sie sind 2010 aus Tuttlingen nach Backnang gekommen. Wie würden Sie die Entwicklung der Stadt in diesen neun Jahren beschreiben?

Backnang hat sich gut entwickelt, ich glaube sogar besser als manch andere Stadt. Wir haben sehr viele Investitionen in Bestandsobjekte gesehen. Wir haben in der Bertha-Benz-Straße ein komplett neues Gewerbegebiet entstehen sehen. Auch in den Lerchenäckern gab es große Investitionen und Entwicklungen. Aber es gibt natürlich auch ein paar Stellen, an denen wir noch nicht so weit sind, wie wir uns das alle wünschen: Ich nenne das Beispiel Wilhelmstraße oder auch die Obere Walke. Aber wenn man Menschen fragt, die neu nach Backnang gezogen sind, dann sagen die: „Es ist eigentlich alles da, was man braucht.“

Eines Ihrer Hauptprojekte war die Vermarktung des Gewerbegebiets Lerchenäcker. Wie war die Situation dort, als Sie Ihre Stelle angetreten haben?

OB Nopper bekam immer wieder zu hören, er würde Wiesen beleuchten. Es standen dort zwar auch damals schon einige Gebäude, aber es gab tatsächlich noch unglaublich viel Wiese. Davon ist heute so gut wie nichts mehr übrig. Als ich kam, gab es dort ungefähr 20 Unternehmen, 2014 waren es schon knapp 50.

Kürzlich wurde der dritte und letzte Abschnitt der Lerchenäcker erschlossen. Wie ist die Nachfrage nach den Gewerbeflächen?

Exorbitant hoch. Aber nicht alle Interessenten kommen für uns infrage. Der Gemeinderat hat da klare Vorgaben gemacht. Wir wollen zum Beispiel keine Speditionen und andere großflächige Nutzungen, die nur wenige Arbeitsplätze mit sich bringen. Da formulieren wir freundliche Absagen.

Sie lassen die Flächen also lieber brach liegen, als sie an den Erstbesten zu verkaufen?

Unbedingt. Wir sollten sparsam mit unseren Gewerbeflächen umgehen, schon allein deshalb, weil sie endlich sind. Aber wir müssen auch deshalb sparsam sein, weil das nächste Gewerbegebiet ja nicht fertig dasteht und wartet, sondern das noch einige Vorarbeit bedeutet. Solange müssen wir mit den Lerchenäckern noch klarkommen.

Und danach braucht Backnang sofort das nächste Gewerbegebiet?

Ja. Wenn sich Unternehmen weiterentwickeln und dadurch an räumliche Grenzen stoßen, müssen wir ihnen eine Alternative bieten können. Der Trend in unserer Wirtschaftswelt ist, dass die Unternehmen mehr Platz brauchen: Insbesondere das produzierende Gewerbe, aber auch Dienstleister brauchen immer mehr Fläche pro Mitarbeiter. Erfolgreiche Unternehmen wachsen deshalb nach und nach aus ihren Immobilien raus und dann müssen wir Alternativen bieten. Denken Sie an d&b Audiotechnik. Wenn die sich im Spinnerei-Gelände nicht auf leer stehende Flächen hätten ausdehnen können, hätten sie längst woanders bauen müssen.

Aufgabe eines Wirtschaftsförderers ist es, für ein gutes Klima zwischen Unternehmen und Verwaltung zu sorgen. Im Fall Riva ist Ihnen das nicht gelungen. Was lief da schief?

Sie haben recht. Ich würde sogar sagen, das ist die zentrale Aufgabe eines Wirtschaftsförderers. Ich bin derjenige, der versucht, die Dinge zu übersetzen in beide Richtungen. Ich versuche der Verwaltung klarzumachen, was unternehmerisch notwendig ist. Umgekehrt bin ich aber auch derjenige, der sagt: Lieber Unternehmer, wir haben Rahmenbedingungen und an die müssen wir uns halten. Und dann muss man sich verständigen. Bei 99,5 Prozent klappt das, bei 0,5 Prozent gelingt das leider nicht. Dann gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder man zieht sich zurück oder man geht in einen offenen Konflikt. Letzteres halte ich für nicht zielführend.

Gibt es dann überhaupt keinen Ausweg aus diesem Konflikt?

Doch, den gibt’s. Man kann ein bisschen Zeit verstreichen lassen und dann einen neuen Versuch starten. Das hilft oft. Vielleicht findet sich auch ein neues Projekt als Ansatzpunkt, bei dem man noch einmal neu starten kann. Dann kann gemeinsames Vertrauen wieder wachsen und man kann vielleicht auch an alter Stelle noch einmal neu starten.

Ein wichtiger Standortfaktor ist heute die Internet-Bandbreite. Deutschland liegt hier im internationalen Vergleich weit zurück. Auch Backnang ist vom Ziel, Gigabit-Stadt zu werden, noch weit entfernt. Welche Fortschritte erwarten Sie hier in den nächsten Jahren?

Die Netzbetreiber werden dieses Jahr schon fast alle größeren Gewerbegebiete ans Glasfasernetz anschließen. Kuchengrund, Kusterfeld, Waldrems, Lerchenäcker und Backnang-Nord sind dann versorgt. Die Spinnerei und Tesat haben bereits Glasfaser. Was bleibt, sind die Wohngebiete, und da, glaube ich, wird in den nächsten zwei, drei Jahren Entscheidendes passieren. In Kooperation mit der Deutschen Telekom, aber vielleicht auch mit anderen Netzbetreibern.

Glauben Sie, dass man das über Kooperationen flächendeckend hinbekommt oder muss die Stadt auch selbst aktiv werden?

Wo wir merken, dass eine Lösung mit einem Kooperationspartner möglich ist, setzen wir uns dafür ein. Aber ich glaube, wir werden nicht ganz ohne finanzielle Beteiligung der Stadt davonkommen. Wenn man beispielsweise Oberschöntal versorgen will oder den Ungeheuerhof oder den Stiftsgrundhof, dann wird man auch in den Stadtsäckel greifen müssen.

In den Einzelhandelsstudien der IHK Region Stuttgart liegt Backnang bei der Zentralität ganz vorne: Die Stadt zieht also viel Kaufkraft von außerhalb an. Trotzdem nehmen auch hier die Leerstände zu. Hat der Handel in der Innenstadt noch eine Zukunft?

Ja, aber er wird sich enorm verändern. Jeder Einzelne wird sich verändern müssen, um nicht vom Markt zu verschwinden. Wir sind in einem harten Wettbewerb, stationär ohnehin, jetzt ist noch der Internethandel dazugekommen. Intensiver geht’s eigentlich nimmer. Manch einer wird dem nicht gewachsen sein. Das führt zu Leerständen, und wir sehen, dass sich diese Leerstände nicht mehr von heute auf morgen von selbst füllen. Das bedeutet aber auch, dass die Hauseigentümer umdenken müssen. Die Vorstellung, dass man eine Handelsimmobilie immer so weitervermietet, womöglich noch mit steigenden Mietzinsen, hat sich überlebt. Das wird nicht mehr funktionieren. Es gibt ja durchaus noch Gründungen im Handelsbereich. Aber von einem Existenzgründer kann ich nicht 15 oder 20 Euro pro Quadratmeter verlangen, und er will sich auch nicht fünf oder zehn Jahre an eine Immobilie binden.

Ihren Nachfolger oder Ihre Nachfolgerin werden Sie nicht mehr persönlich kennenlernen. Welchen Tipp würden Sie ihm oder ihr noch gerne auf den Weg geben?

Er oder sie sollte versuchen, sich auf die Kernaufgaben der Wirtschaftsförderung zu konzentrieren und sich nicht verzetteln. Der Grund, warum ich diese Arbeit gerne gemacht habe, ist die unglaubliche Vielfalt der Gesprächspartner. Die Menschen sind dankbar und lassen sich auf einen ein. Das habe ich gespürt und das bereichert.

Zur Person
Dr. Ralf Binder

Ralf Binder ist gebürtiger Stuttgarter und hat an der Universität Stuttgart Geografie, Städtebau und Geoinformatik studiert. Dort hat er auch promoviert.

Nach Assistenz- und Lehrtätigkeiten an den Universitäten Stuttgart und Würzburg war er Assistent der Geschäftsleitung bei einem mittelständischen Unternehmen in Fellbach und ab 2008 Leiter der Abteilung Wirtschaftsförderung und Tourismus bei der Stadt Tuttlingen.

Seit Oktober 2010 ist er Wirtschaftsbeauftragter in Backnang, als Nachfolger von Thomas Bernlöhr, der in Welzheim zum Bürgermeister gewählt worden war.

Ralf Binder ist verheiratet und hat zwei Töchter im Alter von fünf und zwei Jahren.

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Erstellt:
12. April 2019, 06:00 Uhr

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