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Mit Godot gegen die Dschihadisten

Geht’s noch? Das Konstanzer Stadttheater ist mit Beckett ins kurdische Erbil gereist, die Millionenstadt im Bürgerkriegsland Irak

Normal ist im Irak noch immer nichts, auch nicht beim umjubelten Gastspiel des Konstanzer Theaters. In Erbil sorgen Soldaten, Kämpfer der kurdischen Peschmerga, mit Maschinengewehren für die Sicherheit der Kunst.

Anders als in „Tausendundeiner Nacht“, wo Scheherazade und ihr König in luftigen Sommergewändern stecken, gibt es auch im Orient ungemütliche Winter.Erbil, die Stadt im Nordirak,zeigt seinen 1,5 Millionen Einwohnern sein kaltes, feuchtes Gesicht. In dicken Jacken eilen die Menschen durch die Altstadt rund um die Zitadelle, die einen ganzen Hügel einnimmt und als ältester durchgängig bewohnter Ort der Welt gilt. Wie eine Glucke hockt die mit dicken Mauern umgebene Festung auf der Stadt, ein Wahrzeichen und Unesco-Welterbe, zu dem unentwegt einheimische Besucher hochsteigen. Besucher, ausländische gar, gibt es auch anderswo in Erbil. Ebenfalls frierend warten sie in der Universität der Künste auf Einlass, um Samuel Becketts „Warten auf Godot“ des Konstanzer Stadttheaters zu sehen.

Geht’s noch? Beckett im Bürgerkriegsland Irak? Dazu in einer Stadt, der sich die Terrormiliz des Islamischen Staats 2014 bis auf zehn Kilometer genähert hatte? Godot gegen Gotteskrieger? Bei einem fünftägigen Festival, zu dem auch Ensembles aus Tunesien, Ägypten, Kuwait, Jordanien und dem Gastgeberland geladen sind? In der Tat: Mit einem solchen Fronttheater würde man im noch immer zerrütteten Irak nicht rechnen. Zwar ist die Lage nicht so angespannt wie im benachbarten Syrien, wo zu den Schrecken von Assad und IS noch Strategiespiele der Amerikaner, Russen und Türken kommen, aber trotzdem: Dass es in Erbil ein Theaterfestival gibt, das fünfte seit 2011, ist alles andere als normal. Das sieht man auch beim Konstanzer Gastspiel, wo inmitten der Besucherschar bewaffnete Soldaten in Uniform auffallen: Kämpfer der Peschmerga, der kurdischen Armee, die mit Springerstiefeln und Maschinengewehr für die Sicherheit der Kunst sorgen. Das ist gewöhnungsbedürftig, aber auch gut so, zumal das Festival anderswo im Irak kaum stattfinden könnte, auch nicht in Bagdad, der unruhigen Hauptstadt des Landes.

Das ruhige Erbil ist eine andere Kapitale. Hier sitzt die Regierung der Autonomen Republik Kurdistan, die politisch zum Irak gehört, sich aber seit dem Sturz Saddam Husseins 2003 eine weitreichende Unabhängigkeit erkämpft hat und zwischenzeitlich sogar zu dem wurde, was sich Europa wünscht: ein prosperierendes Land, in das Flüchtlinge freiwillig wieder zurückgekehrt sind. Zwei Familienstämme haben das Land autokratisch unter sich aufgeteilt, die Barzanis und die Talabanis, wobei sie neben der Macht auch das Geld aus den reichen Erdölvorkommen in Händen halten. Und die Clans wissen: je stabiler die politische Lage, desto besser die Geschäfte in der boomenden Großstadt mit ihrer Skyline aus Hochhäusern und Baukränen. Es herrscht Friede in Erbil, auch die Straßenkriminalität geht gegen null. „Andernfalls“, sagt Christoph Nix, der Konstanzer Intendant, „hätten wir die Festivaleinladung nicht angenommen.“

Jetzt aber steht im kalten Uni-Saal die Bühne für „Godot“. Eine Schräge, über der Bleistift und Sichelmond schweben, ein abstrakter Raum für die existenziellen Clownerien von Wladimir und Estragon, Pozzo und Lucky sowie die beiden ins Spiel eingreifenden Souffleusen, die der Regie führende Nix dem Klassiker hinzugefügt hat. Seine von abgründigem Witz durchdrungene Inszenierung strahlt eine Frische aus, die jedem deutschen Stadttheater zur Ehre gereicht. Und die Verblüffung ist groß: Auch in Erbil feiert man die Aufführung. Das kurdisch übertitelte Drama der unerfüllten Sehnsucht nach Erlösung, sei es durch Gott, Religion, Wissenschaft, Liebe oder Freitod, trifft den Nerv der Zuschauer. Becketts bitterhumorige Verzweiflung ist auch die Verzweiflung der von einer jahrhundertealten Verfolgung gezeichneten Kurden – und sie klatschen begeistert, als sich der Regisseur in seiner grellorangen Windjacke dem Theatergespräch mit den Festivalmachern stellt.

Nix wird mit Lob überhäuft, bedankt sich und weist auf die „Solidarität mit den kurdischen Kulturschaffenden“ hin – das freundliche Ritual ersetzt die Theaterkritik, die es in der uns bekannten, diskursiven Form hier nicht gibt. Auch das Drumherum des Theaters ist anders, nicht nur wegen der Dauerpräsenz der Peschmergas. Der Eintritt ist frei, es gilt das Windhundprinzip. Wer als Erster da ist, gewinnt einen von zweihundert Hartschalensitzen. Wer nicht, verfolgt die Show von der offenen, vor Gedränge fast platzenden Saaltür aus. Reservierte Plätze gibt es nur für Kulturfunktionäre und Kamerateams, deren Job es zu sein scheint, unter weitgehender Auslassung der Kunst sich wechselseitig ihrer Bedeutung zu versichern. Und überhaupt: Es sind Männer, die das Geschehen dominieren. Frauen kommen nur am Rande vor, sind im Theater aber ­immerhin stärker vertreten als im Stadtbild, das zu neunzig Prozent von dunkel ge­wandeten Bartträgern geprägt wird. In Kurdistan herrscht das Patriarchat.

Dass auch der stellvertretende Kulturminister der Republik ein Mann ist, verwundert nicht. Nach dem obligatorischen Sicherheitscheck wird man zu Farhang Ghafur vorgelassen, einem leise sprechenden, höflichen Funktionär, der auch als Künstler bekannt ist. Er spielt in Konzertsälen die Oud, die orientalische Kurzhalslaute, was ihm sicher näherliegt, als auf einer Theaterbühne zu stehen. „Theater“, sagt er mit gewinnender Offenheit, „hat in Kurdistan keine Tradition. In unserer Kultur sind Geschichten immer von Erzählern weitergetragen worden, mündlich in Tee- und Kaffeehäusern.“ Warum dann seit sieben Jahren ein Theaterfestival? „Kurdistan wäre gerne eine liberale Gesellschaft“, sagt Farhang Ghafur, „aber unsere geopolitische Lage lässt das nicht zu. Trotzdem suchen wir die Nähe zu Europa und den Kontakt zu internationalen Theatern.“ So einleuchtend diese Kulturpolitik auch sein mag, so schwer ist sie vor Ort umzusetzen. Das Budget wird seinem Ministerium, auch um der Korruption zu begegnen, mittlerweile nicht mehr jährlich, sondern nur noch monatlich zugewiesen. Planungssicherheit: keine.

Das mag ein Grund für das Drunter und Drüber beim Konstanzer Gastspiel sein. Schon einmal war Nix in Erbil, 2011 mit Brechts „Mutter Courage“, die ebenfalls gefeiert wurde. „Aber heute ist alles chaotischer als vor den IS-Jahren“, sagt der ob der Wirren zunehmend ungeduldigere Wuschelkopf, dessen Truppe sich ohne begleitenden Dolmetscher durchs Festival-Tohuwabohu schlagen muss. Lange steht nicht fest, wo und wann Beckett stattfinden und ob die Bühne eingerichtet sein wird. Am Ende aber, nach nervenraubenden Telefonaten, läuft „Godot“ zur Hochform auf – ein Trost für denIntendanten, den man als kulturpolitischen Wirbelwindüberall mehr zu schätzen scheint als in der Stadt, in der er seinen Arbeitsplatz hat. Noch.

Im Sommer 2020 muss Nix nach einer verweigertenVertragsverlängerung Konstanzverlassen. In Erbil aber heimst seine Inszenierung den Regiepreis und der Schauspieler Peter Cieslinski für seinen Lucky den Darstellerpreis ein. In Konstanz wird das niemanden kümmern.https://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.stadttheater-konstanz-deutschlands-aeltester-buehne-droht-verfall.d69d1a50-2cc2-43f4-b579-a264b3ad149d.htmlhttps://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.aufregung-in-konstanz-mit-den-theatertagen-wird-s-nix.788ed66f-d41f-46fb-a1c7-81e13f030d70.htmlhttps://www.stuttgarter-zeitung.de/thema/Erbil

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Erstellt:
22. Januar 2019, 09:56 Uhr

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