Mit neuen Ideen gegen den Corona-Blues

In diesen Tagen wird die neue Produktionshalle der Firma d&b Audiotechnik in Backnang fertiggestellt. Eigentlich ein Grund zum Feiern, doch das Ende der Bauarbeiten fällt in die schwerste Krise des Unternehmens, das sogar Mitarbeiter entlassen musste.

Die neue Halle steht bereits, doch der Produktionsstart wurde verschoben. Durch die Coronapandemie ist die Nachfrage nach Lautsprechersystemen eingebrochen. Foto: d&b Audiotechnik

© d&b audiotechnik GmbH & Co. KG -

Die neue Halle steht bereits, doch der Produktionsstart wurde verschoben. Durch die Coronapandemie ist die Nachfrage nach Lautsprechersystemen eingebrochen. Foto: d&b Audiotechnik

Von Kornelius Fritz

BACKNANG. Großveranstaltungen waren das Erste, was nach Ausbruch der Coronapandemie verboten wurde und sie werden wohl auch das Letzte sein, was wieder erlaubt sein wird. Das Backnanger Unternehmen d&b Audiotechnik hat dieses Verbot völlig unerwartet in seine schwerste Krise gestürzt. Denn mit Großveranstaltungen verdient die Firma ihr Geld. Die Lautsprechersysteme aus Backnang kommen unter anderem bei Konzerten internationaler Popstars und bei großen Musikfestivals zum Einsatz. Vor Corona brummte das Geschäft, die Firma expandierte: „Wir hatten zwischen 70 und 100 Neueinstellungen pro Jahr“, erzählt Geschäftsführer Amnon Harman. Der Umsatz stieg jedes Jahr im Schnitt um 15 Prozent und lag 2019 bei rund 170 Millionen Euro.

Doch seit dem 16. März 2020 ist alles anders. Mit dem ersten Lockdown brach das Geschäft ein. Der Umsatz erreichte 2020 nicht einmal mehr die Hälfte des Vorjahres. Statt Überstunden war plötzlich Kurzarbeit angesagt, statt mit Neueinstellungen musste sich das Management auf einmal mit Kündigungen beschäftigen. Lange habe man gehofft, dass es ohne gehe, sagt Harman, doch als auch Ende 2020 kein Ende der Krise absehbar war, habe man den „Restrukturierungsplan“ aus der Schublade holen müssen.

Wie viele Mitarbeiter ihren Job verloren haben, will der Geschäftsführer nicht öffentlich sagen, dem Vernehmen nach sollen es rund 80 gewesen sein, vor allem die Bereiche Produktion und Logistik waren vom Stellenabbau betroffen. Dafür sei man nun so aufgestellt, dass man die Krise auf jeden Fall überstehen werde, versichert Harman.

Der Bau der neuen Produktionshalle wurde nicht gestoppt. Der rund 20 Millionen Euro teure Neubau wird in diesen Tagen fertig. Eigentlich wollte d&b dort so schnell wie möglich die Produktion aufnehmen. Nach dem Auftragseinbruch hat es damit nun keine Eile mehr. Man werde nun erst einmal nur die Lagerflächen in der neuen Halle nutzen, die Produktion soll dort erst im kommenden Jahr starten. Das habe auch Vorteile, erklärt Marketingmanager Uwe Henne: So habe man genügend Zeit für den Umzug und um die neuen Arbeitsabläufe zu testen. Dankbar sind die Verantwortlichen, dass die Dibag Industriebau, die die Halle gebaut hat und an d&b Audiotechnik vermietet, dem Unternehmen für ein Jahr Sonderkonditionen gewährt.

Dass die neue Halle schon bald dringend gebraucht wird, daran gibt es für Amnon Harman keinen Zweifel. „Der Livemusik-Markt wird zurückkommen“, ist der Firmenchef überzeugt. Er verweist auf England, wo die Impfquote wesentlich höher ist als in Deutschland und wo bereits in diesem Sommer wieder Musikfestivals geplant sind. „Die Karten waren innerhalb von 24 Stunden ausverkauft“, erzählt Harman. Allerdings glaubt er auch, dass sich das Geschäft nicht von einem Tag auf den anderen erholen wird: „Bis das Vertrauen wieder da ist und alle sorglos zu einem Event gehen, wird es sicher noch ein, zwei Jahre dauern.“ Bei d&b Audiotechnik rechnet man deshalb frühestens 2023 wieder mit Umsätzen wie vor der Krise.

Die Zeit bis dahin will das Backnanger Unternehmen auch nutzen, um neue Geschäftsfelder zu entwickeln und auszubauen. Bereits in der Vergangenheit hat d&b sein Geschäft mit fest installierten Beschallungsanlagen, etwa in Theatern, Opernhäusern oder auf Kreuzfahrtschiffen, kontinuierlich ausgebaut. Auch große Kirchen, besonders in den USA, gehören zu den Kunden. Dieser Bereich sei sogar in der Pandemie gewachsen, berichtet Harman: „Das hat uns ein bisschen Stabilität gegeben.“

Und durch Corona ergeben sich nun auch noch ganz neue Trends: Amnon Harman geht davon aus, dass Messen und Konferenzen auch künftig verstärkt in hybrider Form stattfinden werden, das heißt, nicht alle Teilnehmer werden mehr am selben Ort sein, sondern ein Teil wird per Livestream aus anderen Ländern oder Kontinenten zugeschaltet. Selbst bei Konzerten hält Harman ein Live-Erlebnis aus der Ferne für möglich: „Dann muss aber auch die Beschallung wie bei einem Live-Event sein.“ Bei d&b Audiotechnik arbeitet man deshalb an Lautsprechersystemen, die speziell auf kleinere Säle zugeschnitten sind.

Ein anderes Thema, das erst durch Corona aufgekommen ist, ist die Beschallung von sogenannten Geisterspielen im Sport. Sowohl den Sportlern als auch den Zuschauern fehlten die Stadionatmosphäre und die Interaktion, sagt Amnon Harman. Deshalb habe man überlegt, ob sich diese nicht auch digital herstellen lasse. Herausgekommen ist das Projekt „d&b Fanblock“, das zusammen mit der britischen Firma Autograph Sound entwickelt wurde. Das Spielfeld wird dabei mit Stadiongeräuschen aus dem Lautsprecher beschallt. Die Fans können die Geräuschkulisse von zu Hause in Echtzeit beeinflussen und per App Jubel, Pfiffe oder Fangesänge anstimmen. In der zweiten englischen Fußballliga und bei Basketballteams in den USA sei das System bereits im Einsatz.

„Wir können uns jetzt mit Themen beschäftigen, für die wir vor der Krise gar keine Zeit hatten“, sieht Amnon Harman auch die positive Seite. Dadurch entstünden neue Ideen und Innovationen, von denen das Unternehmen auch nach dem Ende der Pandemie profitieren werde.

Anfänge in der Garage

Die Buchstaben d&b stehen für die Nachnamen von Jürgen Daubert und Rolf Belz, die das Unternehmen 1981 in einer Garage in Korb gründeten. 2007 verkauften sie ihre Firma an den Finanzinvestor Afinum. Der Jahresumsatz lag damals bei rund 20 Millionen Euro.

Seitdem hat das Unternehmen noch zweimal seinen Besitzer gewechselt. Seit 2016 gehört es dem französischen Investor Ardian LBO Fund V. Das Management-Team um die drei Geschäftsführer Amnon Harman Markus Strohmeier und Jens Nilsson ist am Unternehmen beteiligt.

Aktuell beschäftigt d&b Audiotechnik weltweit etwa 620 Mitarbeiter, davon 400 am Stammsitz in Backnang. Das Unternehmen hat insgesamt elf Niederlassungen, unter anderem in Großbritannien, Japan, China, Russland und den USA.

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Erstellt:
22. April 2021, 06:00 Uhr

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