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Mit null bis 50 Euro aufs Straßenfest

Wie viel Taschengeld ist richtig? Ein Thema auch im Schulunterricht – Achtklässler der Schickhardt-Realschule Backnang berichten

Mit wie viel Geld kommen Jugendliche aus? Muss es monatlich ein Taschengeld geben? Beim Besuch der 8c in der Schickhardt-Realschule Backnang wird klar: Es gibt unterschiedliche Auffassungen. Sina Blattert thematisiert das Taschengeld auch in ihrem Unterricht. Der Lehrerin ist es wichtig, dass ihre Schüler ein Gefühl für das Geld bekommen.

Mit dem Geld, das sie monatlich erhalten, kommen Paul, Robin, Alex, Alexander, Seli, Axel und Jessika (von links) gut aus. Foto: A. Becher

© Pressefotografie Alexander Beche

Mit dem Geld, das sie monatlich erhalten, kommen Paul, Robin, Alex, Alexander, Seli, Axel und Jessika (von links) gut aus. Foto: A. Becher

Von Florian Muhl

BACKNANG. Mit praktischen Beispielen überrascht Sina Blattert ihre Siebt- und Achtklässler immer wieder und gestaltet so den Unterricht interessant und spannend. Beispielsweise, als es im Fach WBS (Wirtschaft/Berufs- und Studienorientierung) ums Thema HartzIV geht. Die Pädagogin hat die Erfahrung gemacht, dass Schüler beim Thema HartzIV denken: 400 Euro, das ist doch wahnsinnig viel Geld, da kann man doch locker davon leben. Spontan forderte sie Achtklässler auf: Bitte alle mal aufstehen. Jetzt schaut an euch runter und schätzt, was jedes Kleidungsstück und alles, was ihr bei euch habt, kostet und schreibt es auf. Da wurde schnell deutlich, dass viele Schüler nicht immer ein Gefühl für Preise haben. Und den Schülern wurde rasch klar, dass sich der Wert aller Dinge, die sie gerade am Körper tragen – inklusive Handy und Armbanduhr –, auf weit über 400 Euro summiert.

„Mir ist es wichtig, dass die Schüler ein Gefühl dafür bekommen, was das Leben so kostet, und auch was die Eltern jeden Tag bei der Arbeit leisten müssen, damit sie den Lebensstandard ihrer Kinder, der ja mittlerweile wirklich sehr hoch ist, finanzieren können.“ Blattert erinnert sich an einen Twitter-Tweet einer Schülerin, mit dem diese vor vier Jahren bundesweit einen großen Wirbel verursacht hatte: „Ich bin fast 18 und hab keine Ahnung von Steuern, Miete oder Versicherungen. Aber ich kann ’ne Gedichtsanalyse schreiben. In vier Sprachen.“

Die Realschullehrerin, die selbst Wirtschaft, Politik und Deutsch studiert hat, will ihre Schüler aber nicht aufs Studium, sondern auf die Suche nach einer geeigneten Lehrstelle vorbereiten. Im Fach WBS würden die Achtklässler lernen, wie man einen Haushaltsplan erstellt, was der Unterschied zwischen brutto und netto ist oder auch, wie ein Beratungsgespräch bei der Bank abläuft und wie man ein Girokonto eröffnet. „Dinge, die einfach wichtig sind, wenn sie die Schule verlassen und eine Ausbildung beginnen“, sagt Blattert.

„Woher könnte Jamal die 30 Euro haben?“

Zu Beginn der letzten Schulstunde pinnt die Lehrerin einen 20-Euro-Schein und zwei 5-Euro-Scheine an die Tafel. Diese 30 Euro hat Jamal – ein fiktiver 13 Jahre alter Schüler – im vergangenen Monat eingenommen. Woher könnte er das Geld haben, fragt sie ihre Schüler und fordert sie auf, Lösungsvorschläge an die Tafel zu schreiben. Viele Vorschläge gibt es, beispielsweise: Minijob, Geburtstagsgeschenk, eine Wette gewonnen und Belohnung für gute Noten sowie auch Taschengeld. Letzteres soll das Thema des Unterrichts sein. „Ich arbeite gerne mit Fallbeispielen. Zuerst werden die Schüler mit einem konkreten Fall konfrontiert, dann bekommen sie die Fachinformationen dafür, zum Beispiel den Taschengeldparagrafen, und dann werden sie quasi in die Rolle versetzt, dass sie dann selbst urteilen müssen. Mir ist es wichtig, dass die Schüler in WBS eine gewisse Urteilskompetenz erlangen.“

Bei ihrer Frage in der Klasse, wie viele Schüler überhaupt Taschengeld bekommen, strecken etwa zehn bis 15 Schüler ihren Arm in die Höhe. Dann stellt Blattert die Gegenfrage: „Wer bekommt kein Taschengeld?“ Es sind auch diesmal etwa gleich viele Finger, die nach oben zeigen. In einer kleineren Gruppe mit sieben Schülern das gleiche Abstimmungsergebnis. Drei Schüler erhalten ein Taschengeld, drei nicht und ein Schüler bekommt Taschengeld, aber nicht so regelmäßig. Meist sind es um die 20 Euro, die die Eltern monatlich ausbezahlen. Bei Robin und Paul geht das Geld mittlerweile auf dem eigenen Konto ein.

Aber kein Schüler geht leer aus. Auch die Schüler, die nach eigenen Angaben ohne Taschengeld auskommen (müssen), erhalten ein paar Euro auf Anfrage, beispielsweise fürs Kino, fürs Eisessen oder für ein Computerspiel. Die Höhe des Taschengelds hat sich im Lauf der Jahre gesteigert. „Bei mir war das von der Klassenstufe abhängig“, sagt Robin, „in der ersten Klassenstufe waren’s zehn Euro, dann gab’s ab der vierten Klasse mehr und ab der sechsten Klasse sind’s 20 Euro.“ Zufrieden meint er: „Mir reicht es eigentlich, ich komme damit gut aus.“ So geht es offensichtlich auch den anderen Schülern aus der Gruppe. „Ich komm’ ziemlich gut klar. Ich bekomme, seitdem ich zwölf bin, regelmäßig Taschengeld“, sagt Paul.

Bei Axel war’s etwas anders: „Ich hab’ wöchentlich in der ersten Klasse einen Euro bekommen, in der zweiten Klasse zwei Euro und so weiter.“ Seit der fünften Klasse sind’s 20 Euro im Monat. Auch Jessika hat schon ein Konto. Wenn sie etwas davon abheben möchte, muss ein Erziehungsberechtigter mit dabei sein. Bei guten Zeugnisnoten erhalten die meisten noch ein paar Euro extra. Alexander erhält auch ein paar Münzen zusätzlich, wenn er zu Hause mit anpackt, beispielsweise „aus dem Keller die Wäsche holen und aufhängen oder die Spülmaschine ausräumen“.

So zufrieden die Schüler mit der Höhe ihres Taschengelds sind, so einig sind sie sich auch bei der Bewertung des Unterrichts: „WBS bei Frau Blattert macht voll Spaß“, sagt einer der 14-Jährigen stellvertretend für alle, „es ist oft lustig und es wird auch viel gelacht.“ Erst vor ein paar Tagen haben ihr Schüler einer anderen achten Klasse erklärt, wie viel Geld sie übers Straßenfestwochenende bekommen, noch mal so on top. „Das war sehr interessant, weil: Da hatte ich eine Schülerin, die gesagt hat, sie würde jeden Tag 50 Euro kriegen, vier Tage lang; andere bekommen da zehn Euro pro Tag, andere gar nichts“, sagt die Pädagogin. Da sei die Spanne natürlich wahnsinnig groß, was zwangsläufig zu Problemen führen würde. Dann nämlich, wenn die Schülerin mit 50 Euro mit einer Freundin das Fest besucht, die gar nichts bekommt.

Blattert, die an der Schickhardt-Realschule mitverantwortlich für die Berufsorientierung ist, freut sich schon auf das kommende Schuljahr. Denn nach den Sommerferien ist für die achten Klassen ein Sozialpraktikum verpflichtend sowie ein weiteres, frei wählbares Praktikum in Klasse neun. Dabei arbeitet die Schule eng mit rund zehn Bildungspartnern zusammen. Ziel der jeweils einwöchigen Praktika ist es, die Schüler auf die Berufswelt vorzubereiten. „Im Fach WBS bereiten wir die Praktika jeweils vor und auch nach“, sagt Blattert.

Info
Taschengeld: Empfehlung und Gesetz

Wie viel Taschengeld sollte man bekommen? Kinder und Jugendliche haben keinen rechtlichen Anspruch auf Taschengeld. Eltern geben es freiwillig. Jugendämter sagen, dass sich die Höhe an die Möglichkeiten der Eltern anpassen sollte. Das Deutsche Jugendinstitut (DJI) hat folgende Taschengeldempfehlung:

10 Jahre: 15,50 bis 18 Euro pro Monat

11 Jahre: 18 bis 20,50 Euro pro Monat

12 Jahre: 20,50 bis 23 Euro pro Monat

13 Jahre: 23 bis 23,50 Euro pro Monat

14 Jahre: 25,50 bis 30,50 Euro pro Monat

15 Jahre: 30,50 bis 38 Euro pro Monat

16 Jahre: 38 bis 45,50 Euro pro Monat

17 Jahre: 45,50 bis 61 Euro pro Monat

18 Jahre: 61 bis 76 Euro pro Monat

Was Kinder und Jugendliche mit ihrem Geld machen dürfen und was nicht, ist im Bürgerlichen Gesetzbuch (BGB) festgelegt, und zwar im sogenannten Taschengeldparagraf (Paragraf 110). Demnach dürfen sie im Alter von sieben bis 18 Jahren selbst über ihr Geld entscheiden. Es gibt aber auch Ausnahmen: Ein Kind darf nichts auf Raten kaufen und nichts, was mit schriftlichen Verträgen und Verpflichtungen zu tun hat (beispielsweise Handykauf, Zeitungsabos, Kreditaufnahme). Auch Anschaffungen, die normales Taschengeld überschreiten, dürfen nicht getätigt werden. Jugendliche dürfen auch keine Produkte kaufen, die sie in ihrem Alter nicht besitzen dürfen (beispielsweise Zigaretten, Waffen, Alkohol).

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Erstellt:
13. Juni 2019, 11:30 Uhr

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