Mobiles Arbeiten ist die Zukunft

Losgelöst vom festen Platz im Firmenbüro sind Arbeitsformen wie Homeoffice & Co. in der Pandemiezeit vielerorts zur Selbstverständlichkeit geworden oder waren es vorher schon. Auch die Betriebe in der Backnanger Region wollen die Flexibilisierung der Arbeit weiter vorantreiben.

Bei L-Mobile in Sulzbach an der Murr waren die Gänge im Firmengebäude während der Coronapandemie mitunter etwa verwaist. Phasenweise waren sogar alle Mitarbeiter des Softwareunternehmens im Homeoffice, wie Marketingchef Christian Gmehling berichtet. Foto: J. Fiedler

© Jörg Fiedler

Bei L-Mobile in Sulzbach an der Murr waren die Gänge im Firmengebäude während der Coronapandemie mitunter etwa verwaist. Phasenweise waren sogar alle Mitarbeiter des Softwareunternehmens im Homeoffice, wie Marketingchef Christian Gmehling berichtet. Foto: J. Fiedler

Von Bernhard Romanowski

Rems-Murr „Mobiles Arbeiten war bei uns schon vor der Coronakrise ein Thema“, erklärt Uwe Amann, der als Personalchef der Firma Harro Höfliger in Allmersbach im Tal tätig ist. Vor der Pandemie konnten die Mitarbeiter des Unternehmens 20 Prozent ihrer Arbeitszeit mobil arbeiten, also losgelöst vom festen Arbeitsplatz in den Betriebsgebäuden der Standorte in Allmersbach, Backnang, Großaspach und Satteldorf (Schwäbisch Hall). Da das Unternehmen ein Hersteller von Produktions- und Verpackungsanlagen ist, können die meisten Mitarbeiter nicht mobil arbeiten. „Für den Produktionsbetrieb ist deren Präsenz notwendig“, so Personalchef Amann.

Während der Hochphase der Pandemie war die Quote der Mitarbeiter in mobiler Arbeit freilich weit höher, zumal es ja auch einen Erlass der Bundesregierung dazu gab. Nun, bei bundesweit niedrigen Inzidenzen, können die Beschäftigten bei Höfliger wieder 20 Prozent ihrer Arbeitszeit mobil tätig sein. Im Rahmen eines Pilotprojekts soll diese Quote aber auf 40 Prozent erhöht werden, so Amann. Vor einigen Jahren sei ein solcher Versuch bereits gescheitert. Nun aber sei die Zeit reif dafür, ist sich Amann sicher und sieht damit auch eine gewisse Entlastung der mitunter angespannten Parkplatzsituation in Allmersbach kommen. Er wohnt selbst in Allmersbach und arbeitet in einem Einzelbüro im dortigen Firmengebäude – war also bis jetzt die meiste Zeit dort präsent, schätzt aber sehr die Möglichkeiten der Videokonferenz.

Im Homeoffice besteht das Risiko, dass die Mitarbeiter zu viel arbeiten

Diese Kommunikationsform kommt bei Höfliger auch bei Erstgesprächen mit Bewerbern auf einen Arbeitsplatz weiterhin zum Einsatz. Amann: „Ich war überrascht, wie gut das klappt. Für den ersten Eindruck und zur Abklärung der Eckdaten funktioniert das hervorragend und erlaubt uns auch, mit mehr Kandidaten Gespräche zu führen.“ Für ein Zweitgespräch müssen die Bewerber aber dann doch persönlich bei Höfliger erscheinen.

Die Begriffe mobiles Arbeiten und Homeoffice sind bei L-Mobile ebenfalls keine Fremdwörter. Als Software-Dienstleister konnte das Unternehmen in Sulzbach an der Murr phasenweise sogar fast alle Mitarbeiter von Ferne arbeiten lassen. Im Marketingbereich von L-Mobile, den Christian Gmehling leitet, dürfte die Homeoffice-Quote zwischen 50 und 60 Prozent der Mitarbeiter liegen, die zum Teil im Wechsel das mobile Arbeiten nutzen. Gmehling: „Die Möglichkeit, von zu Hause zu arbeiten, wurde von den Mitarbeitern gut angenommen und hat in Summe hervorragend funktioniert.“ Das Ganze wird bei L-Mobile sehr flexibel gehandhabt. Manche Mitarbeiter sind beispielsweise manchmal einen halben Tag im Homeoffice, kommen aber dann für bestimmte Dinge in die Firma. Marketingchef Gmehling sieht als Grundlage für das Funktionieren der mobilen Arbeit das Vertrauen in die Mitarbeiter. Deren Leistung sei im Homeoffice nicht gesunken, im Gegenteil: „Es besteht eher das Risiko, dass sie sich zu Hause unter Druck setzen und zu viel arbeiten.“ Homeoffice sei mit Blick auf Selbstorganisation und Produktivität also eine Herausforderung für die Mitarbeiter.

Die mobile Arbeitsweise soll bei L-Mobile nun verstetigt werden, so Gmehling: „Wir stellen hier einen Schrank auf, in dem jeder Mitarbeiter seine Kiste mit seinen Arbeitsutensilien wie Notebook, Mouse und Headset findet.“ Die Kisten nehmen die Mitarbeiter sich dann und begeben sich an einen freien Arbeitsplatz im Firmengebäude. Wenn sie mit der Arbeit fertig sind, stellen sie die Kiste wieder zurück. Dieses Shared-Table-Prinzip, bei dem also mehrere Mitarbeiter einen Arbeitsplatz zeitversetzt gemeinsam nutzen, soll noch mehr Flexibilität bringen – und somit auch mehr Kreativität, wie Gmehling meint.

Zudem wachse durch das mobile Arbeiten der Radius der Personaleinstellung, weil der geografische Faktor an Bedeutung verliert und über die moderne Technik die persönliche Erreichbarkeit immens verbessert wurde. Das kommt dem Sulzbacher Unternehmen mit seinen Niederlassungen in der Schweiz, in Ungarn und Tunesien zugute, wenn es jetzt verstärkt den französischen und spanischen Markt für sich erschließen will. Im tunesischen Monastir beispielsweise arbeitet ein Einheimischer für L-Mobile, der sich vornehmlich um die französischen Kunden kümmert. Nur noch im Homeoffice arbeiten wolle bei L-Mobile in Sulzbach aber wohl niemand, so die Rückmeldungen. Der regelmäßige Kontakt zu Kollegen sei den meisten sehr wichtig. Deshalb wird L-Mobile seinen Mitarbeitern künftig auch mehr gemeinsame Aktivitäten wie etwa Kanufahren anbieten. Und wie hält es Gmehling selbst mit der Fernarbeit? „Von 131 Arbeitstagen in diesem Jahr war ich 38 im Büro in Sulzbach“, so die erhellende Antwort des Marketingleiters.

Arbeiten in Teamzonen und Ruhebereichen

Im Landratsamt Das Landratsamt ist seit Ende Juni wieder im Normalbetrieb. „Wir ermöglichen aber weiterhin großzügig, Homeoffice zu nutzen“, erklärt Landrat Richard Sigel.

Die Landkreisverwaltung hatte bereits 2017 mit einer Dienstvereinbarung die Weichen für Homeoffice gestellt. Zu Beginn der Coronapandemie waren für rund ein Drittel der 1800 Mitarbeitenden alle Voraussetzungen geschaffen, um mobil zu Hause zu arbeiten.

Zeitweise hat mehr als die Hälfte der Mitarbeiter im Homeoffice gearbeitet. 800 Laptops, 230 iPads und weitere 150 Token (zum datensicheren Einwählen ins Intranet) für die Arbeit über den eigenen Computer zu Hause waren dafür angeschafft worden.

„Eine Mitarbeiterumfrage hat uns gezeigt, dass viele gerne wieder in ihrem Büro arbeiten und nicht mehr dauerhaft im Homeoffice arbeiten wollen. Es fehlt vielen der Austausch mit den Kolleginnen und Kollegen“, so Sigel.

Im Rahmen der Gesamtimmobilienkonzeption des Landratsamts am Standort Waiblingen, die der Kreistag am Montag verabschiedet hat, soll es bewusst mobiles Arbeiten innerhalb des Landratsamts geben: Je nach Bedarf können Mitarbeiter dann ihren Arbeitsplatz innerhalb des Fachbereichs wählen und etwa in Teamzonen, Ruhebereichen oder Besprechungsräumen arbeiten.

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Erstellt:
14. Juli 2021, 06:00 Uhr

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