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Mörder mit schnödem Motiv

J. K. Rowling alias Robert Galbraith legt einen neuen Krimi vor – Cormoran Strike ermittelt nun im Unterhaus

Bestseller - Robert Galbraiths alias J.K. Rowlings Privatdetektiv Cormoran Strike ermittelt nun im Unterhaus.

Das rationale Zeitalter ist in die Krise geraten. Mit einem Präsidenten im Weißen Haus, dessen Tweets zunehmend hysterische Züge annehmen, einer öffentlichen Debatte, die außer Rand und Band geraten ist, und einem Fanatismus, der sich selbst bei Petitessen Bahn bricht, ist ruhiges Überlegen und Nachdenken aus der Mode geraten. Die Populärkultur spiegelt solche Seelenzustände wider.

Im Mittelpunkt der Thriller und Krimis auf der Bestsellerliste stehen heutzutage geisteskranke Serienmörder, die ihre Opfer in über alle Vorstellungskraft hinaus grausamen Ritualmorden hinrichten. Die Täter hinterlassen mysteriöse Hinweise am Tatort, die sie mit der dunklen Vergangenheit der Ermittler in Verbindung bringen. Mancher Leser mag sich ob dieser Paranoia-Thriller fragen: Was ist aus dem guten alten Whodunnit geworden?

So bezeichnet man im Englischen Kriminalromane, in denen ein Ermittler Schritt für Schritt den Spuren folgt, um aus einer begrenzten Anzahl möglicher Täter den Schuldigen herauszufinden. Die Täter haben ein unedles, aber nachvollziehbares Motiv, ein anstehendes ­Erbe zum Beispiel oder die Verdunklung eines Betrugs. Rationalität prägen also Täter wie Ermittler. Agatha Christie war eine Meisterin dieses Genres.

Ein gewisser Robert Galbraith veröffentlichte 2013 den Roman „Der Ruf des ­Kuckucks“ um den Kriegsveteranen und Privatdetektiv Cormoran Strike, der eine zeitgenössische Interpretation des Who­dunn­its war. Strike geht darin dem angeblichen Selbstmord eines berühmten Fotomodels nach und stößt auf Abgründe der besseren Gesellschaft. Der Detektiv ist, wie heutzutage üblich, ein gebrochener Charakter. Ein Kriegsveteran, der in Afghanistan ein Bein verloren hat, unehelicher Sohn eines berühmten Rockmusikers, mit einem chaotischen Liebesleben. Der Fall aber entspricht dem klassischen Muster des englischen Kriminalromans. Das Buch eroberte auf der Stelle die Bestsellerliste. Was freilich daran lag, dass sich hinter dem Pseudonym Robert Galbraith die Schriftstellerin J. K. Rowling verbirgt. Harry-Potter-Fans waren alsbald enttäuscht, denn mit Zauberwesen haben diese Krimis nichts am Hut.

Es hat sich aber eine Fangemeinde gebildet, die jeden neuen Cormoran-Strike-Roman mit Spannung erwartet. Sie kann sich freuen. Dieser Tage ist der vierte Band der Reihe auf Deutsch erschienen. „Weißer Tod“ enthält noch mehr als seine Vorgänger, was zu einem richtigen Whodunnit gehört. Der überraschende Auftakt (ein offenbar psychisch gestörter junger Mann stürmt in Strikes Büro und behauptet, als Kind einen Mord beobachtet zu haben); ein sich anbahnendes Verbrechen, dessen Vorzeichen vorerst verkannt werden; der Mord an einem Minister, zu dem nur eine Handvoll Menschen Gelegenheit hatte; Tatumstände, die Rätsel aufgeben (eine Kiste Champagner bei einem Champagner-Allergiker, eine unverschlossene Tür, eine Schachtel homöopathischer Pillen am Tatort), löchrige Alibis und ständig wechselnde Hauptverdächtige. Die Handlung führt Strike und seine Assistentin Robin erneut in die besseren Kreise Londons und sogar bis ins Unterhaus. Galbraith alias Rowling hat auch in diesem vierten Cormoran-Strike-Roman die Handlung und ihre Figuren fest im Griff. Wie einst bei Agatha Christie (und bei Rowlings Harry-Potter-Romanen ohnehin) stellt der Leser am Ende verblüfft fest, wie viele subtile Hinweise am Rande er überlesen hat.

Rowling ist bekannt dafür, ihre Figuren und die Handlung auf dem Reißbrett zu planen. Nicht nur für die einzelnen Romane, sondern weit darüber hinaus in die Zukunft. Für Fans ist das ein zusätzlicher Reiz. Neben dem Kriminalfall wollen sie wissen: Werden Strike und Robin endlich zusammen­kommen, oder geht ihre Beziehung so verdruckst weiter? Was wird dann aus der Ehe von Robin und Matthew? Wird die reiche Charlotte einen neuen Versuch unternehmen, Strike zurückzugewinnen? Für Neueinsteiger dürften diese Beziehungsverwirrungen im neuen Roman zu viel Raum einnehmen.

Diese Schwäche tritt jedoch zurück hinter der Befriedigung, in diesen geisteskranken Zeiten endlich mal wieder einen Kriminalroman zu lesen, in dem der Mörder (oder die Mörderin – wir wollen hier nicht spoilern) ein ganz normales schnödes Motiv für seine Tat hat.

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Erstellt:
28. Dezember 2018, 03:14 Uhr

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