Mütterchen Russlands Weltschmerz

Sol Gabetta und das Royal Philharmonic im Beethovensaal

Konzert - Sol Gabetta spielt mit dem Royal Philharmonic Orchestra im Beethovensaal.

Eine großartige Performance: Sol Gabetta stemmt die technisch haarigsten Passagen mit nonchalantem Lächeln auf den Lippen. Flink geht’s vom salbungsvollen Ton in harsches Staccato-Kichern und dann hinein in den introvertierten Schmerz. Die zierliche, sportlich-drahtige Argentinierin erzählt auf ihrem Cello eine große Geschichte: von Abschied, Tod, aber auch von Überschwang und Lebenslust. Alle im Beethovensaal hören ihr gebannt zu. Gabettas Ton ist suggestiv und intensiv – eine musikalische Eloquenz, die selten ist und für eine elektrisierende Interpretation von Edward Elgars Cellokonzert sorgt.

Sympathisch ist auch, dass Gabetta nicht die Streicher-Mode der Bach-Zugabe mitmacht und als Encore den wispernden, traurig singenden Satz aus Peteris Vasks’ „Gramata cellam“ gibt. Ein Hauch von Neuem im Russ-Meisterkonzert – vom Publikum euphorisch bejubelt.

Der Rest des Konzerts rutschte dann allerdings ins Mittelmaß. Das britische ­Royal Philharmonic Orchestra, das im Elgar-Konzert gezeigt hatte, dass es auch in Riesenbesetzung leise spielen kann, ratterte wie ein gut geölter Motor, ließ sich dabei aber von seinem Dirigenten Lionel Bringuier nicht weiter stören – weder in der burschikos gegebenen Schunkel-Ouvertüre zu Otto Nicolais Oper „Die lustigen Weiber von Windsor“ noch in Sergej Rachmaninows monumentaler zweiter Sinfonie, die einen Kritiker nach der Uraufführung 1908 zu dem Bonmot verführte, sie sei „Mütterchen Russlands gesammelter Weltschmerz in e-Moll“.

Aber auch Weltschmerz will gestaltet werden, um seufzen und stöhnen zu können. Doch der Dirigent blieb viel zu passiv, als dass er das Orchester zum atmenden Phrasieren und Nuancieren gebracht hätte. So quoll, brodelte, brütete die Musik vor sich hin. Wie ein schwerer Brokatvorhang verdeckte der Streichersound die polyfonen Feinheiten und vor allem den kompletten Holzbläserapparat, der nur zum Vorschein kam, wenn es solistisch wurde. Eine Stunde tödliche Langweile! /VGR -

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Erstellt:
2. Februar 2019, 03:12 Uhr

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