Murrbahn-Ausbau rückt näher

Betrieb mit Neigetechnikzügen ist anvisiert – Vorteile gegenüber Remsstrecke – Zweigleisigkeit weiterhin Ziel

Die Würfel sind gefallen: Der Ausbau der Murrbahn wird in den vordringlichen Bedarf und damit in die höchste Dringlichkeitsstufe des Bundesverkehrswegeplans aufgenommen. Anvisiert wird dabei ein Ausbau für den Betrieb mit Neigetechnikzügen, die schneller durch Kurven fahren können. Inwiefern damit die geforderte Zweigleisigkeit verbunden ist, bleibt unklar.

Der Verkehr über die Murrbahn soll beschleunigt werden: Der Bund sieht den Ausbau der Strecke vor, um Züge mit Neigetechnik einsetzen zu können. Archivfoto: A. Becher

© Pressefotografie Alexander Beche

Der Verkehr über die Murrbahn soll beschleunigt werden: Der Bund sieht den Ausbau der Strecke vor, um Züge mit Neigetechnik einsetzen zu können. Archivfoto: A. Becher

Von Armin Fechter

BACKNANG. „Dies ist eine frohe Kunde für die Murrbahn, für Backnang und für die Fernverkehrsverbindung Nürnberg– Backnang–Stuttgart–Zürich“, freut sich Backnangs Oberbürgermeister Frank Nopper. Dabei hatte es noch im Frühjahr mau für die Strecke zwischen Backnang und Schwäbisch Hall ausgesehen. So befürchtete der SPD-Landtagsabgeordnete Gernot Gruber, dass der zweigleisige Ausbau ganz aus der Vorrangliste des Bundes fallen könnte. Und auch als der aus Backnang stammende und gerade erst verpflichtete Verkehrsstaatssekretär Steffen Bilger (CDU) beim Murrtal-Verkehrsverband auftrat, um die Haltung seines Ministeriums zur Murrbahn zu erläutern, schienen die Chancen für den Ausbau zu schwinden (wir berichteten).

Gestern hat nun Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) verkündet, was Sache sein soll: 29 von insgesamt 44 Projekten, die als sogenannter potenzieller Bedarf klassifiziert waren, steigen im Bundesverkehrswegeplan in den vordringlichen Bedarf auf, darunter die Murrbahn als Teil der Verbindung zwischen Stuttgart und Nürnberg. Voraussetzung dafür war ein positives Nutzen-Kosten-Verhältnis.

In die Untersuchung einbezogen war sowohl die Strecke über Backnang und Schwäbisch Hall-Hessental als auch die Strecke über Schwäbisch Gmünd und Aalen. Im Variantenvergleich habe sich die Route über Backnang als gesamtwirtschaftlich vorteilhafter erwiesen. Das Projekt umfasst den Ausbau der Murrbahn für den Betrieb mit Neigetechnikzügen bei einer Streckengeschwindigkeit von 160 Kilometern pro Stunde. Damit soll eine Beschleunigung der Fernverkehrsrelation Zürich–Stuttgart–Nürnberg erreicht werden. Die Gesamtkosten sind auf 255 Millionen Euro veranschlagt, für notwendige Erweiterungsinvestitionen 162 Millionen Euro. Zusätzlich soll auch die Strecke über Aalen mit der Remsbahn ausgebaut werden.

Der Backnanger SPD-Bundestagsabgeordnete und Justizstaatssekretär Christian Lange unterstreicht die Dringlichkeit von Verbesserungen: „2016 fielen beispielsweise auf der Murrbahn 168 Züge in Richtung Stuttgart aus, auf der Remsbahn 312 Züge; auf der Rückstrecke fielen auf der Murrbahn 152 Züge aus, auf der Remsbahn 278 Züge. In jeder Woche kam es im Schnitt zu sechs Ausfällen auf der Murrbahn und zu elf Zugausfällen auf der Remsbahn. Auch wenn sich nach Angaben des Verkehrsministeriums in Stuttgart die Lage stabilisiert hat, fallen trotzdem viel zu viele Regionalzüge aus, vor allem im Berufsverkehr.“ Das sei, so Lange, „ein untragbarer Zustand“.

Die Einstufung in den vordringlichen Bedarf bedeutet, wie Langes Büroleiterin in Berlin, Christiane Schragner, präzisiert, den Einstieg in die konkrete Planung. Daraus lasse sich im Moment aber noch kein Zeithorizont für die Realisierung ableiten. Die einzelnen Projekte müssten vielmehr noch Abstimmungsprozesse, unter anderem mit den Bundesländern, durchlaufen.

Der CDU-Bundestagsabgeordnete und Staatssekretär beim Entwicklungsministerium, Norbert Barthle, äußert sich erfreut über die Hochstufung: „Das Projekt erhält damit eine ganz konkrete Umsetzungsperspektive und kann nun geplant werden. Insgesamt bringen wir zahlreiche zusätzliche Schienenprojekte aufs Gleis, die ein echter Gewinn für das gesamte Schienennetz und die Regionen sind. Mit ihnen beseitigen wir Engpässe, schaffen mehr Kapazitäten und stellen die Infrastruktur für den Deutschlandtakt bereit. Unsere Ziele: kürzere Fahrzeiten und bessere Verbindungen, auch in den Metropolregionen. Wir gehen damit einen weiteren Riesenschritt hin zu einer pünktlicheren und verlässlicheren Bahn und zum Wow-Effekt auf der Schiene.“

OB Nopper: Fernzüge sollen künftig auch in Backnang halten

„Es sieht ganz danach aus, dass der Bund die Weichen für die Murrbahn richtig stellt“, urteilt der Backnanger OB: „Die Murrbahn darf nicht aufs Abstellgleis, sie muss aufs Ausbaugleis. Aus der Hochstufung in den vordringlichen Bedarf muss baldmöglichst eine vordringliche Planung und vor allem eine vordringliche Umsetzung werden. Die Planungen des Bundes für eine Aufwertung der Murrbahn passen im Übrigen ganz hervorragend zum angestrebten Zukunftsbahnhof Backnang. Unser oberstes Ziel ist es dabei, dass die Fernzüge zukünftig auch in Backnang halten.“

Baden-Württembergs Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) begrüßt die Berliner Pläne ebenfalls: „Der Ausbau des Schienennetzes ist ein zentraler Baustein für die Verlagerung von der Straße auf die Bahn und für den Klimaschutz.“ Zu den wichtigen Schienenvorhaben im Land gehöre der Ausbau der Murrbahn: „Damit wird auch insgesamt die wichtige internationale Schienenverbindung von Nürnberg über die Murrbahn und die Gäubahn bis nach Zürich gestärkt. Hierzu ist auch eine partielle Zweigleisigkeit auf der teilweise eingleisigen Strecke erforderlich“, sagt Hermann.

Von einer positiven Nachricht spricht auch der Backnanger SPD-Landtagsabgeordnete Gernot Gruber. Er schränkt aber ein: „Das heißt noch nicht, wann und wo Geld fließt.“ Zudem merkt er an, dass die Neigetechnik kritisch gesehen wird – auch von der Bahn selbst. Immerhin aber habe man nun einen Fuß in der Tür, und es bestehe die Chance, erste Schritte in Richtung Zweigleisigkeit machen zu können, denen langfristig größere Schritte folgen könnten. So hofft Gruber, dass neue Doppelspurinseln angelegt und weitere Bahnhöfe wie der in Fornsbach ausgebaut werden, damit die Züge aneinander vorbeifahren können. Das würde die Pünktlichkeit und Verlässlichkeit der Bahn verbessern. Ein zweigleisiger Ausbau sei aber, so Gruber, mit Sicherheit nicht schnell realisierbar, und das sei auch allen klar: „Da geht’s um richtig viel Geld.“

Auch Christian Lange sieht darin weiterhin ein wichtiges Ziel. Er erklärt: „Wir brauchen dringend einen zweigleisigen Ausbau der Murrbahn. Das wird zu erheblichen Fahrzeitverkürzungen führen. Eine weitere Verzögerung an dieser Stelle ist für die Region nicht akzeptabel.“

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Erstellt:
7. November 2018, 06:00 Uhr

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