Muss sich Pippi vor Peppa fürchten?

Der Astrid-Lindgren-Gedächtnispreis stellt auch die Frage, welche Helden Kinder heute brauchen.

Sitzen die alten Kinderbuchhelden auf gepackten Koffern und können weg?

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Sitzen die alten Kinderbuchhelden auf gepackten Koffern und können weg?

Von Andrea Kachelrieß

Stuttgart - Er ist der weltweit höchstdotierte Preis für Kinder- und Jugendliteratur: An diesem Dienstag wird der von der schwedischen Regierung gestiftete Astrid-Lindgren-Gedächtnispreis verliehen; 245 Kandidatinnen und Kandidaten aus 68 Ländern sind in diesem Jahr nominiert.

Wer sich durchsetzt, darf sich über ein Preisgeld in Höhe von fünf Millionen Kronen freuen, umgerechnet sind das rund 435 000 Euro. Das ist viel Geld in einem Bereich der Literatur, der seine Autorinnen und Autoren eher schlecht als recht ernährt. In Deutschland überleben die meisten von ihnen nur dank Lesungen und Nebenjobs.

Verdient wird trotzdem gut an den Helden, die heute Kindheiten begleiten. Für viele von ihnen ist eine Karriere als Buchfigur übrigens eher ein Nebenjob. Wie die Hunde der Paw Patrol oder das Schweinchen Peppa Wutz treten die neuen Kinderhelden als Filmstars ins Rampenlicht und sind dank gut geschmierter Merchandising-Maschinerie schnell global, ja omnipräsent – im TV und auf Tassen, auf Federmäppchen und im eigenen Freizeitpark wie dem Peppa-Pig-Park, der bald in Günzburg eröffnet wird.

Auch solche Attraktionen machen die Zeichentrickfigur Peppa zur milliardenschweren Großverdienerin. Doch das brave Schweinegirl, das bereits 180 Länder und damit so gut wie die ganze Welt erobert hat, ist im Vergleich zur vielleicht bekanntesten Figur Astrid Lindgrens, auf die Peppas Name anspielt, ein Leichtgewicht.

Müssen die alten Kinderhelden wie Pippi Langstrumpf die Konkurrenz dennoch fürchten? Zeitlos werden sie ja nicht allein durch die Jahre, die sie auf dem Buckel haben. Es braucht vielmehr grundlegende Werte, für die sie kämpfen, um den Sprung über Grenzen und von einer Generation zur nächsten zu schaffen.

Bezeichnenderweise ist der in Deutschland gerade den Autoren geglückt, die sich in den 1970er Jahren mit dem Vorwurf des Eskapismus konfrontiert sahen. Was damals als Flucht vor der Realität in fantastische Welten kritisiert wurde, kristallisierte sich später als dauerhaft aktuell heraus: Otfried Preußlers „Kleine Hexe“, die frech wie Pippi eine scheinbar fest gefügte Ordnung auf den Kopf stellt und so neue Perspektiven eröffnet, taugt bis heute als Vorbild. Ebenso wie Michael Endes „Momo“, die im Kampf gegen graue Herren nach wie vor aktuelle Probleme thematisiert.

Es reicht nicht, dem Alltag von Kindern mit tierischen Protagonisten einen Spiegel vorzuhalten oder Abenteuer fleißig wie Hausaufgaben zu lösen, um sich als Vorbild zu bewähren. Doch gerade das sind die Skills der neuen Kinderhelden, die bei Bedarf auch mal kurz die ganze Welt retten.

Man darf also gespannt sein, welchem der 245 nominierten Autoren die Jury den Lindgren-Gedächtnispreis zuspricht. Mit großer Wahrscheinlichkeit wird es eine Autorin sein. Die dominieren nicht nur die Liste der bislang Ausgezeichneten. Auch in der aktuellen deutschsprachigen Kinderliteratur fallen einem zuerst Namen wie Kirsten Boje oder Cornelia Funke ein, sollte man mögliche Preisträgerinnen ins Spiel bringen.

Beide haben Heldinnen und Helden erfunden, die junge Lesende dabei bestärken, die eigene Identität zu befragen. Ihre Warmherzigkeit kann Ängste bannen und zugleich nicht Sagbares ausmalen. Beide Autorinnen liefern Geschichten mit einem so reichen Innenleben, dass es ein Leichtes ist, sich darin zu verlieren und sich dem Sog der Fantasie zu überlassen.

Denn schließlich geht es auch darum: Helden sollten Kindern nicht nur als digitales Aufsichtspersonal zur Seite stehen. Sie sollten Türöffner in die Welt der Bücher sein und so Lesekompetenzen fördern.

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Erstellt:
7. April 2024, 22:06 Uhr
Aktualisiert:
8. April 2024, 21:54 Uhr

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