Mysteriöser Farbring auf einem Parkhaus

Ein Stuttgarter Künstler hat das geschlossene Breuninger-Parkhaus als Grundlage für ein Werk genutzt.

Die Fassade des Breuninger-Parkhauses wurde als riesige Leinwand verwendet.

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Die Fassade des Breuninger-Parkhauses wurde als riesige Leinwand verwendet.

Von Uwe Bogen

Stuttgart - Das ist Kunst und muss schnell weg: Bevor die Abrissbirne kommt, ist das Breuninger-Parkhaus am Sonntag für nur fünf Stunden zu einer riesigen Pop-up-Galerie geworden. Der Stuttgarter Künstler Gero Beer hatte mit seinem Kunstprojekt „Some Effort For One Day“ (Etwas Aufwand für einen Tag) bereits am Samstag kurz vor Mitternacht begonnen.

An der viel befahrenen B14 war nämlich der Samstag der letzte Parktag in einem schmucklosen Bauwerk aus den 60er Jahren, in dem Generationen von Stuttgarterinnen und Stuttgartern sowie Auswärtige ihre Autos abgestellt haben. Spät in der Nacht öffnete sich die Schranke ein letztes Mal. Der Künstler Gero Beer konnte das allerletzte Ticket ergattern. Dies wollte er unbedingt. Denn dieses Ticket ist Teil seines Kunstprojekts und wird als Rarität stark vergrößert ausgestellt, als historisches Dokument einer Ära, die nun vorbei ist.

Für die städtebauliche Neuordnung am Rande des Bohnenviertels, für die geplante Verschönerung mit einem Mobility Hub und dem Haus für Film und Medien, muss das Breuninger-Parkhaus weichen. Zunächst werden im Inneren die Leitungen abgebaut, die Tauben mit ihren Nistplätzen müssen mit Hilfe von Tierschützern umziehen. Mit dem Zerschlagen der Mauern wird erst später begonnen.

Geschlossen ist die unter- und oberirdische Garage, die über 650 Stellplätze verfügt hat (künftig sind im Neubau 480 Stellplätze vorgesehen), aber nun. Beers Ausstellung ist also schon wieder beendet. Zum Abschied ist zwar keine Abrissparty mit Tanz auf allen Ebenen gefeiert worden. Das war aus Sicherheitsgründen nicht möglich. Aber Beer durfte nur am Sonntag mehrere Ebnen übernehmen, um riesige Wandbilder auszustellen und mit der Stuttgarter Kulturszene eine Performance in einem leer geräumten Parkhaus zu feiern – inklusive Schampus und Catering. Unter den Gästen: Willem van Agtmael, der langjährige Breuninger-Chef und Miteigentümer des Unternehmens. Die Vernissage ist gleichzeitig die Finissage.

Erst im Januar hatte Beer die Idee, dem Parkhaus einen Kunstgenuss nur für einen Tag zu gönnen – und seinen großflächigen Kunstwerken viel Platz, um sich ausbreiten zu können. Breuninger konnte er von seiner Idee schnell überzeugen. „Am 3. Februar habe ich begonnen, die Wände zu bemalen“, sagt er. Einen Monat später war er fertig.

21 Parkhaus-Wände hat Beer neu gestaltet, mit frischen Farben noch mal so richtig schön gemacht fürs Ende, also quasi für den Tod einer Garage. Unter anderem hat er eine Schwebe-Wand aus silbern besprühtem Styropor mit Löchern in einem von ihm blau bemalten Untergeschoss aufgehängt.

Zu sehen sind auch zwei nebeneinander hängende Reifen, die aus der Ferne wie Unendlichkeitszeichen wirken. In den eckigen, teilweise dunklen Stockwerken brechen runde oder ovale Elemente den gewohnten Anblick. Die Gäste gehen von Kunstraum zu Kunstraum, in denen noch die alten Schilder hängen. Die Begeisterung bei ihnen ist groß – und auch das Bedauern, dass diese Kunst nach einem Tag schon wieder vorbei ist.

Aber vorbei ist in Wirklichkeit natürlich nichts. Der Künstler dokumentiert die Installationen, wird Teile der Ausstellung „Some Effort For One Day“ abhängen und eines Tages in einer „normalen“ Galerie ausstellen. Der riesige Kreis an der Fassade, den Beer auf einem Kran mit Zirkel gemalt hat, wird etwas länger bleiben – denn zunächst erfolgen nun die Vorarbeiten für den Abriss. Es dauert noch einige Tag, bis mal wieder ein Stück altes Stuttgart platt gemacht ist.

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Erstellt:
4. März 2024, 22:06 Uhr
Aktualisiert:
5. März 2024, 21:53 Uhr

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