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Nach 48 Arbeitsjahren in den Ruhestand

Auch wenn der Firmeninhaber dreimal gewechselt hat, Alfred Wichmann ist immer im gleichen Optikerladen in Backnang geblieben, in dem er als 15-Jähriger 1972 seine Lehre begann. Jetzt hat der Großvater zweier Enkel mehr Zeit fürs Tennisspielen.

Als Lehrling vor fast 50 Jahren hat Alfred Wichmann 280 Mark verdient und Gläser von Hand geschliffen und Scharniere noch gelötet. Foto: A. Becher

© Alexander Becher

Als Lehrling vor fast 50 Jahren hat Alfred Wichmann 280 Mark verdient und Gläser von Hand geschliffen und Scharniere noch gelötet. Foto: A. Becher

Von Renate Schweizer

BACKNANG. Es ist ein Lebenslauf, wie es ihn eigentlich gar nicht mehr gibt: Mit 15 in die Lehre und dann fast 50 Jahre lang bis zum Ruhestand im gleichen Betrieb. Dreimal hat der Firmeninhaber gewechselt – er ist geblieben und kam mit allen gut klar. Er hat eine Frau aus dem Dorf geheiratet, in dem er aufgewachsen ist, und beide sind beieinander und im Dorf geblieben. Seit Jahrzehnten ist er eine Stütze des örtlichen Tennisvereins (TSG Backnang) und seit ein paar Jahren glücklicher Großvater zweier Enkelkinder, die im Nachbarhaus leben.

Klingt wie ein Leben aus einer anderen Zeit.

Unwillkürlich erwartet man eine Art Fossil mit gemütlichem Bäuchlein und Karohemd drüber und Geschichten von früher, als alles besser war.

Aber, weit, weit gefehlt.

Alfred Wichmann sitzt in der Werkstatt im Hinterzimmer des Gebäudes in der Uhlandstraße 7 in Backnang und sieht wahrhaftig nicht aus wie einer, der auf dem Absprung in den Ruhestand ist: Jung(geblieben), offensichtlich fit wie ein Turnschuh, gewinnendes Lächeln, freundliche Zurückhaltung, edle Brille, aber nichts Extravagantes – natürlich edle Brille, denn er ist Optiker. Es war die Idee seines Chefs, Stefan Krämer, eine Zeitungsgeschichte über ihn zu machen – er selbst wirkt, als brauche er den Rummel um seine Person nicht unbedingt.

Erst Pöllich, dann Vogelmann und seit zwei Jahren jetzt Optik Krämer

Als er 1972 seine Ausbildung begann, hieß das Geschäft Pöllich (Alt-Backnanger werden sich erinnern an Brillen-Pöllich), seit 1993 dann Vogelmann und seit zwei Jahren jetzt Optik Krämer – von drei unmittelbar nebeneinanderliegenden Optikerläden ist es der mittlere. Damals, 1972, gab es in Backnang und Umland insgesamt drei Optiker – heute sind es neun in der Kernstadt plus zwei in der näheren Umgebung. 280 Mark (umgerechnet etwa 140 Euro) betrug Wichmanns Lehrlingsgehalt. Als er nach dreieinhalb Jahren Geselle wurde, reichte das Geld, um alle zu einem feinen Essen einzuladen: die Familie, die Kollegen und die Eheleute Pöllich, die damaligen Chefs.

Wichmann zählt die Namen der ehemaligen Kollegen auf: Drei Männer waren es und eine Frau und mit allen – so sie noch leben – ist er noch in freundschaftlichem Kontakt. „Es war viel mehr Handarbeit“, erzählt er von damals, „Gläser von Hand schleifen, nachbearbeiten, Scharniere löten – so etwas macht man heute gar nicht mehr.“ Gleitsicht, so berichtet er weiter, war schon erfunden – in Frankreich übrigens –, aber die großen deutschen Hersteller wie Zeiss und Rodenstock glaubten offensichtlich nicht, dass sich das durchsetzen könne.

In Deutschland schaute man noch lange durch Bifokalgläser – das waren die mit dem sichtbaren Fenster am unteren Rand. Heute haben die meisten Brillenträger mindestens drei Brillen: eine für immer und überall (oft Gleitsicht), eine für die Arbeit am Bildschirm und eine Sonnenbrille in ihrer Glasstärke. Und das gute alte Kassengestell, berühmt für seine Hässlichkeit, gibt’s gar nicht mehr – seit 2003 zahlen die Krankenkassen Brillen für Erwachsene nur noch in Ausnahmefällen.

„In den 70er-Jahren hieß es noch Brillenschlange und man sah lieber schlecht, als Brille zu tragen“, grinst Wichmann. Heute geht es ums gute Aussehen mindestens ebenso wie ums gute Sehen.

Ob er in all den Jahren nie an einen Wechsel gedacht habe? Er zuckt mit den Achseln: „Für mich war das nie ein Thema“ – wozu auch? Daheim in Schöntal betreibt seine Frau Heidi einen Pferdehof mit Einstellpferden, 100 Apfelbäume gibt es und ein Stück Wald, die Enkelkinder sind da – genug zu tun und kein Grund, da je wegzugehen. Entsprechend sind auch Wichmanns Pläne für den Ruhestand: „Gesund bleiben!“, sagt er wie aus der Pistole geschossen.

Weltreise geht ja sowieso grade nicht und er vermisst das auch gar nicht. Haus, Hof, Garten, Freunde, Familie, Tennisspielen – mehr braucht der Mensch nicht, um glücklich zu sein. Jedenfalls nicht, wenn er Alfred Wichmann heißt.

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Erstellt:
16. Juli 2020, 06:00 Uhr

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