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Nach dem Fest waren alle Krüge weg

Grafikdesigner Hellmut G. Bomm aus Backnang gestaltet von Beginn der Bierkrug-Geschichte an die Motive

Dass das Backnanger Straßenfest einen eigenen Bierkrug hat, ist etwas Besonderes. Dass er jedes Jahr anders aussieht, das ist den Backnanger Festbesuchern zu verdanken: In den 1970erJahren hatten sie ihn sofort als Sammelobjekt entdeckt. „Der Clou war, dass die Krüge am Ende des Straßenfests alle weg waren“, weiß Grafikdesigner Hellmut G. Bomm, der ausnahmslos alle Krüge gestaltet hat. Fürs darauffolgende Jahr mussten neue produziert werden.

Links der erste Krug von 1973 ohne Jahreszahl und der Krug 2017, die beiden Exemplare rechts gingen nie in die Produktion. Wenn Hellmut G. Bomm über die Entstehung der Motive für die Straßenfestkrüge erzählt, tun sich ungeahnte Geschichten auf. Foto: J. Fiedler

© Jörg Fiedler

Links der erste Krug von 1973 ohne Jahreszahl und der Krug 2017, die beiden Exemplare rechts gingen nie in die Produktion. Wenn Hellmut G. Bomm über die Entstehung der Motive für die Straßenfestkrüge erzählt, tun sich ungeahnte Geschichten auf. Foto: J. Fiedler

Von Ingrid Knack

BACKNANG. Wenn schon neue Bierkrüge hermüssen, dann könnte man doch ein anderes Motiv nehmen. Das dachte sich der damalige Backnanger Hauptamtsleiter und Straßenfest-Erfinder Klaus Erlekamm. Gesagt, getan. Statt des Stadtturms war jetzt das Marktbrunnenmännle mit einem Bierkrug in der Hand die Illustration auf dem Gegenstand, der für Straßenfest-Profis zur Ausstattung gehörte und überall hin mitgenommen wurde. Und siehe da: Das Partyvolk wollte auch diese Krüge besitzen und rückte sie nicht mehr heraus. „Dann war klar: Das gibt ein Sammlerobjekt und eine jährliche Geschichte“, so Bomm.

Die Bierkrüge der ersten beiden Jahre sind ohne Jahresangabe. Ein Beweis für ihre ungeplante und zunächst nicht absehbare Erfolgsgeschichte. Erst seit dem dritten Bierkrug-Jahr steht auch eine Jahreszahl auf dem Trinkgefäß. Anfangs waren es Erlekamm und Bomm, die über die Gestaltung entschieden, mittlerweile hat der Straßenfest-Ausschuss das Sagen. Bomm selbst ist bei den Diskussionen über die Entwürfe nicht dabei. So erfährt er erst danach, wenn die Ausschussmitglieder „noch etwas mit drauf haben wollen – wir hatten auch schon, dass sie etwas ganz anderes haben wollten“.

Es existieren auch Exoten, die nie in Serie gingen

In vielen Backnanger Haushalten sind die speziellen Backnang-Bierkrüge zu finden, zum Teil sogar komplett. Allerdings heißt dies nicht, dass nun für das 49. Backnanger Straßenfest auch der 49. Bierkrug aufgelegt wurde. „Beim ersten und zweiten Straßenfest hat es keinen Bierkrug gegeben“, weiß Bomm. Erst als es klar war, dass sich das Straßenfest in Backnang etablieren würde, hatte Klaus Erlekamm die Idee: „Wir sollten einen eigenen Bierkrug haben.“ Die Backnang-Bierkrug-Premiere war deshalb im Jahr 1973. Rein rechnerisch müsste es nun also 47 Bierkrug-Varianten geben. Das ist aber nicht ganz richtig. In Bomms Sammlung befinden sich zusätzlich ein paar Exoten. Bierkrüge, die nie in Serie gingen. „Das wäre einer gewesen“, sagt Bomm schmunzelnd und präsentiert eines dieser seltenen Stücke. Auf dem in Anspielung auf die Partnerstadt Chelmsford in den englischen Farben gehaltenen Krug ist unter anderem die Murr zu sehen. Für das Bierkrug-Motiv 1977 hatte Bomm eine Rathauskonsole im Blick, dann wurde es aber doch das offizielle Signet zum 25-Jahr-Jubiläum des Landes Baden-Württemberg. Auch von der Konsolen-Version existiert ein nie auf den Markt geworfenes Modell. Bomm gefiel das Motiv so gut, dass er es fürs Jahr darauf noch einmal versuchte. In modifizierter Form kam er damit durch. Den Bierkrug 1978 zieren zwei Konsolen rechts und links des Backnang-Wappens.

In sehr vielen Jahren war das Bierkrug-Motiv von vornherein gesetzt. Zum Beispiel 1979, als 110 Jahre Städtisches Blasorchester Grund zum Feiern waren. Das Marktbrunnenmännle mit einer Posaune ist auf dem 1979er-Krug abgebildet. „Das ist ein besonders lustiges Jubiläum“, meint Bomm. Zum einen sind 110 Jahre kein richtiges Jubiläum („das Blasorchester hat man sehr wohlwollend behandelt“). Zum anderen stimmte die Zahl nicht, wie später recherchiert wurde. Auch 1994 war man noch nicht auf dem Wissensstand von heute. So kam es, dass in jenem Jahr 125 Jahre Städtisches Blasorchester gefeiert wurde, was sich wiederum auf dem Bierkrug niederschlug. Nach der Korrektur der Vereinsgeschichte ist das Blasorchester der Stadt Backnang 2019 wieder in Festlaune. Es kommt jedoch sehr verjüngt daher: Dieses Jahr steht im Zeichen des 100. Geburtstags. Das führte aber motivtechnisch zu einem Dilemma: „Das Blasorchester als Hauptmotiv, das können wir nicht machen, nachdem es zweimal nicht gestimmt hatte“, bringt Bomm die Überlegungen im Vorfeld auf den Punkt. Dass auch noch 100 Jahre TSG Backnang Fußball und 125 Jahre St.-Johannes-Kirche gefeiert werden, machte die Sache leichter. Jetzt ist die St.-Johannes-Kirche das Hauptmotiv, die beiden anderen Jubiläen werden nur genannt.

Es war 1984, als das erste Mal ein Verein mit dem Bierkrug-Motiv gewürdigt wurde. Damals ging es um 100 Jahre Heimat- und Kunstverein. „Seither gilt die Faustegel: 100-Jährige nehmen wir mit drauf.“ Mehrere Jubiläen gestalterisch unter einen Hut zu bekommen, ist eine echte Herausforderung. „1998 war die Hölle los“, bemerkt Bomm schmunzelnd. 150 Jahre Turmbläser, 150 Jahre Gewerbeverein Backnang, 150 Jahre Schützengilde. In diesem Zusammenhang wird noch die demokratische Revolution 1848/49 thematisiert. Bomm: „Die Schützengilde ist aus der Bürgerwehr entstanden. Die Turmbläser berufen sich auch darauf.“ Zudem galt es, an das zehnjährige Bestehen der Partnerschaft zwischen Bácsalmás und Backnang zu erinnern. Entstanden ist ein echter, tief- und hintersinniger Bomm-Entwurf, der Geschichte und Gegenwart miteinander verbindet und auf dem sogar die Backnanger Stadtsilhouette noch Platz fand.

Backnang-Motive eignen sich für Souvenirs

Die Partnerschaftsjubiläen gaben ebenso stets Anlass für ein Motiv. In Jahren ohne Vorgaben konnte Bomm seiner Fantasie freien Lauf lassen. „Da habe ich versucht, ein Backnang-Motiv zu machen, das für ein Souvenir taugt.“ Wie in den ersten drei Jahren. 1976 war die Premiere eines Bierkrugs mit einem speziellen Thema: 100 Jahre Murrbahn. Bomm zeichnete dafür eine historische Lokomotive. „Am Freitagabend war der Krug schon so gut wie ausverkauft. Es war der erste, der bereits während des Fests ratzebutz weg war. Von da an haben wir eine größere Auflage gemacht.“

Eine besondere Geschichte steckt auch hinter der Illustration des Straßenfestkrugs 2017. Backnang war im 950-Jahre-Fieber. Zwei adlige Herrschaften sollten den Straßenfestkrug zieren. Doch was hat man vor 950 Jahren angezogen? Inspirieren ließ sich Bomm von den Abbildungen in einem Buch von David M. Wilson über den „Teppich von Bayeux“. Dabei handelt es sich um eine in der zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts entstandene Stickarbeit auf einem Tuchstreifen. Der Teppich von Bayeux zählt zu den bemerkenswertesten Bilddenkmälern des Hochmittelalters. Wer sich für die unterschiedlichsten Aspekte mittelalterlichen Lebens interessiert, kann hier auf Entdeckertour gehen.

Inspirationen gibt der Teppich von Bayeux

Der Teppich gibt auch Aufschluss über Tracht und Schmuck der Menschen aus dieser Zeit. Er ist seit 1982 im extra dafür gebauten Centre Guillaume-le-Conquérant in Bayeux in der Normandie zu sehen. Seit 2007 gehört er zum Unesco-Programm „Memory of the World“. Beim Durchblättern des Buchs entdeckte Bomm eine stark verhüllte Frau, mit Kopftuch und langem Gewand. Dieses Bild hatte er vor Augen, als er die weibliche Figur für den Straßenfestkrug entwarf. So switcht Bomm von einem Jahrtausend ins andere, hier die Revolution, dort das Backnang vor 950 Jahren, einmal kommt das an den Gänsekrieg erinnernde Federvieh groß raus, dann sind es neu gestaltete Plätze wie der Annonaygarten oder die Murrtreppen.

Der Straßenfestkrug 2019 kommt retro daher und erinnert an den Zeitgeist der 1970er-Jahre. Alle bisherigen Straßenfestbierkrüge zeigen die unverwechselbare Handschrift von Hellmut G. Bomm. Besonders interessant findet er heute, wie sich die Arbeitsweise mit den Jahren entwickelt hat – vom rein Handwerklichen hin zum Digitalen. „Sie hat sich fundamental verändert. Von der grafischen Sprache her sind die Motive aber total ähnlich.“

Reminiszenz an die Anfänge in den 1970er-Jahren: Das aktuelle Motiv für Festkrug und Postkarte.

Reminiszenz an die Anfänge in den 1970er-Jahren: Das aktuelle Motiv für Festkrug und Postkarte.

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Erstellt:
21. Juni 2019, 06:00 Uhr

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