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Nach der Arbeit in die Schule

Kolping-Abendgymnasium in Backnang bietet Chance auf höheren Bildungsabschluss – Einrichtung hat noch Kapazitäten

Larissa Zirnstein hat sich ein straffes Programm auferlegt: Tagsüber arbeitet die Einzelhandelskauffrau in ihrem Job. Anschließend wird gebüffelt. Seit drei Jahren besucht die Allmersbacherin das Abendgymnasium in Backnang. Die Bildungsstätte des Kolpingwerks, die 2015 eröffnet hat, bietet jungen Menschen die Chance, neben dem Beruf her einen höheren Bildungsabschluss bis hin zum Abitur zu erwerben.

Verknüpfen große Hoffnungen mit dem eingeschlagenen Weg: Larissa Zirnstein (links) und Ebru Turgut mit Französisch-Lehrerin Lena Nothacker. Die beiden jungen Frauen besuchen das Kolping-Abendgymnasium in Backnang und stehen jetzt kurz vor der Fachhochschulreife. Foto: A. Becher

© Pressefotografie Alexander Beche

Verknüpfen große Hoffnungen mit dem eingeschlagenen Weg: Larissa Zirnstein (links) und Ebru Turgut mit Französisch-Lehrerin Lena Nothacker. Die beiden jungen Frauen besuchen das Kolping-Abendgymnasium in Backnang und stehen jetzt kurz vor der Fachhochschulreife. Foto: A. Becher

Von Armin Fechter

BACKNANG. Am Backnanger Abendgymnasium sind, wie die Leiterin der Einrichtung, Regina Nolte, berichtet, zurzeit 14 Schüler eingeschrieben. Sie besuchen zwei verschiedene Klassen: die Einführungsstufe, die auf die mittlere Reife aufbaut, und die daran anschließende Kursstufe 1, in der die Fachhochschulreife erworben werden kann. Nicht besetzt sind momentan der Vorkurs, der zur mittleren Reife führt, und die Kursstufe 2, die mit dem Vollabitur abschließt.

Abendgymnasium – das ist keine Schule wie jede andere, wie Nolte auch bei einer Präsentation im Backnanger Gemeinderat deutlich machte. Das Angebot richtet sich explizit an berufstätige Erwachsene. Anders gesagt: Die Teilnehmer müssen berufstätig sein, und zwar seit mindestens zwei Jahren. Das Mindestalter ist dabei 19 Jahre. Das Abendgymnasium als Vollzeitschule zu besuchen, geht nicht, erklärt Regina Nolte. Der Unterricht beginnt montags bis freitags um 17.30 Uhr und umfasst bis zu sechs Schulstunden, er dauert also zum Beispiel in der Kursstufe 1 zweimal in der Woche bis 22.15 Uhr. Freitags ist dafür kurz vor 20 Uhr Schluss.

Arbeiten und Büffeln unter einen Hut zu bringen, stellt freilich eine gewaltige Herausforderung dar. Erst recht, wenn man zusammen mit dem Partner, der beruflich ebenfalls eingespannt ist, einen eigenen Haushalt führt und daheim auch noch zwei Hunde zu versorgen sind. „Man muss extrem viel managen. Alles muss organisiert sein“, erzählt die 26-jährige Larissa Zirnstein. Beispielsweise das Einkaufen: Wenn der Unterricht um 21.30 Uhr aus ist und der Supermarkt um 22 Uhr schließt, bleibt nicht viel Zeit, um die nötigen Lebensmittel zu besorgen, da braucht es einen klaren Plan, eine Liste, die flott abzuarbeiten ist.

Einen riesigen Schritt näher am großen Ziel Grundschullehrerin

Dennoch bereut es die junge Frau aus Allmersbach im Tal ganz und gar nicht, den Weg in Richtung Abitur eingeschlagen zu haben. In diesem Jahr kann sie zum Abschluss der Kursstufe 1 die Fachhochschulreife erwerben, und wenn sie dann noch ein Jahr lang in der Kursstufe 2 dranbleibt, winkt ihr das Zeugnis der allgemeinen Hochschulreife. Damit käme sie ihrem großen Ziel einen riesigen Schritt näher: Sie möchte Deutsch studieren, Lehrerin werden und Kinder an einer Grundschule unterrichten.

Einen ähnlichen Plan verfolgt Ebru Turgut, mit der sich Larissa Zirnstein im Kurs angefreundet hat. Die 22-jährige Backnangerin, die als medizinische Fachangestellte arbeitet, wollte nach der zehnten Klasse „erst mal was in der Tasche haben“ und „Berufserfahrung sammeln“. Das sei wichtig, bestätigt Larissa Zirnstein: Der Besuch des Abendgymnasiums stellt ja doch eine zusätzliche Belastung dar – da brauche man im Hintergrund eine Sicherheit.

Ebru Turgut hat deshalb nach dem Schulabschluss rasch eine Ausbildung angetreten, daneben aber den Wunsch, sich noch weiter zu bilden, nicht aus dem Auge verloren. Jetzt peilt sie die Fachhochschulreife und dann das Abitur an und arbeitet gleichfalls auf das Ziel Lehramt hin, allerdings mit dem Fach Biologie, und sie möchte – anders als die Kollegin – lieber an einer weiterführenden Schule unterrichten.

Der Entschluss, noch einmal die Schulbank zu drücken, ist bei Larissa Zirnstein erst nach und nach gereift. Ursprünglich hatte sie am Weissacher Bildungszentrum den Hauptschulabschluss gemacht, war dann auf die Anna-Haag-Schule in Backnang gegangen, um an der hauswirtschaftlichen Schule einen mittleren Bildungsabschluss zu erreichen, und hatte danach eine Ausbildung zur veterinärmedizinischen Fachangestellten in Angriff genommen. Doch das entpuppte sich als falsche Wahl: Die häufige Begegnung mit dem Tod, die es in der Tierarztpraxis auszuhalten galt, ging der jungen Frau an die Nieren. Sie orientierte sich neu, trat eine Ausbildung zur Einzelhandelskauffrau an und arbeitet seit dem Abschluss in diesem Beruf. Daneben spielte zunehmend der Gedanke, sich Richtung Lehramt weiterzuentwickeln, eine Rolle – dies auch, weil Larissa Zirnstein in ihrer Freizeit schon erste pädagogische Aufgaben mit Kindern gemeistert hat. Freilich, seit sie den Kurs besucht, ist mit Freizeit nicht mehr viel drin. Denn die Stunden an der Schule allein reichen nicht, um den Stoff aus dem Unterricht zu verarbeiten: „Man muss daheim auch noch was tun“, erklärt Larissa Zirnstein. Vielleicht liegt es ja mit daran, dass nicht alle, die das Abendgymnasium anfangen, durchhalten. Die beiden jungen Frauen haben jedenfalls schon den einen oder anderen Mitschüler kommen und wieder gehen sehen.

Wie unterschiedlich die Werdegänge und Hintergründe sein können, die die Teilnehmer des Abendgymnasiums mitbringen, erfährt die Leiterin Regina Nolte immer wieder. Viele Faktoren können eine Rolle spielen, wenn junge Menschen Zeit brauchen, um den für sie richtigen Weg zu finden. Nolte fasst dies mit den Worten zusammen: „Manchmal verändert sich auch das Leben.“

Ob die beiden jungen Frauen ihr Abitur wie erhofft in Backnang machen können, steht noch nicht fest. Es kommt darauf an, ob sich genügend Interessenten am Ende der Kursstufe 1 dafür melden. Aber auch wenn der Kurs am Standort Backnang nicht zustande kommt, können Larissa Zirnstein und Ebru Turgut beim Kolpingwerk weitermachen: Sie müssen dann allerdings für das letzte Jahr bis zum Abitur zum Unterricht nach Stuttgart fahren. Diese Lösung konnte Regina Nolte auch im vergangenen Jahr zwei interessierten Schülern anbieten.

Info
Ausbildung zum Physiotherapeuten stark nachgefragt

Das Kolpingwerk ist mit zwei Angeboten in Backnang vertreten. Neben dem Abendgymnasium wird seit 2016 auch die dreijährige Ausbildung zum Physiotherapeuten im Rahmen einer Berufsfachschule angeboten. Die ersten Abschlüsse stehen im Herbst dieses Jahres an. Überlegt wird, ob neue Kurse weiterhin nur einmal im Jahr im Herbst beginnen sollen oder ob eventuell auch noch ein zweiter Starttermin ermöglicht werden kann.

Die Nachfrage nach dieser Ausbildung ist enorm. Laut Regina Nolte ist bislang jeder Jahrgang voll besetzt – im Gegensatz zum Abendgymnasium, wo es noch Kapazitäten gibt. Die starke Resonanz hängt auch mit den guten Berufsaussichten für Physiotherapeuten zusammen. Regina Nolte: „Die Absolventen kommen erst gar nicht auf den Arbeitsmarkt.“ In der Regel haben sie schon vor dem Abschluss ihren Vertrag in der Tasche – dank der Praktikumsstellen.

Neben der Ausbildung können die angehenden Physiotherapeuten auch ein Bachelor-Studium in Physiotherapie absolvieren. Die Kurse in diesem auf vier Jahre angelegten Studiengang finden in Stuttgart statt. Den Teilnehmern bieten sich dabei auch Gelegenheiten zu Exkursionen, um internationale Luft zu schnuppern und andere Perspektiven für ihren Beruf kennenzulernen, so im vergangenen Jahr bei einer Studienreise nach Andalusien.

Während dieses Studiums kann auch die Ausbildung zum Athletiktrainer absolviert werden. Es bestehen Kooperationen mit dem Olympiastützpunkt Leichtathletik und mit der Sporthochschule Stuttgart. Dadurch ist es beispielsweise möglich, Themen aus den Bereichen Physik und Biomechanik im Labor zu erproben.

Weitere Informationen gibt es im Kolping-Bildungszentrum, Bahnhofstraße 4 (Bildungshaus) in Backnang, telefonisch unter 07191/49347-0 oder per E-Mail an cornelia.schulz@kbw-gruppe.de sowie auf www.abendgymnasium-backnang.de oder www.physioschule-backnang.de.

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Erstellt:
4. März 2019, 06:00 Uhr

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