Nachbesserung bei der Pflegeausbildung

Weil die praktische Ausbildungsphase nicht den Bestimmungen des neuen Pflegeberufgesetzes entsprechend für alle Auszubildenden gewährleistet werden konnte, gibt es neue Möglichkeiten der Kooperationen in der Kinder- und Jugendpflege für Auszubildende.

Nachbesserung bei der Pflegeausbildung

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Von Ingrid Knack

Backnang. Das neue Pflegeberufgesetz, welches das bisherige Altenpflege- und Krankenpflegegesetz ablöste, wird seit Anfang des Jahres 2020 umgesetzt. Damit verbunden ist eine umfassende Neugestaltung der bisherigen Pflegeausbildung mit dem Ziel, die Ausbildungen zu modernisieren, attraktiver zu gestalten und auf diese Weise den Berufsbereich der Pflege insgesamt aufzuwerten.

In der neuen generalistischen Pflegeausbildung wurden die ehemaligen Ausbildungsberufe der Altenpflege, der Gesundheits- und Krankenpflege sowie der Gesundheits- und Kinderkrankenpflege zusammengefasst. Dies bedeutet aber auch, dass Praktikumsplätze in allen Bereichen für alle Auszubildenden erforderlich sind. Das hat Folgen. Im vergangenen Jahr wurde wegen zu weniger Praktikumsplätze in der Pädiatrie, also in der Versorgung von Kindern und Jugendlichen, befürchtet, dass auch insgesamt weniger Ausbildungsplätze angeboten werden könnten. Was mit einem Defizit bei der pflegerischen Versorgung in allen Bereichen einherginge. Und dies in einer Zeit, in der es eher darum geht, angesichts demografischer Entwicklungen zusätzliche Ausbildungsplätze zu schaffen. Die Pflegeschulen, die sich um die Praktikumsplätze der Auszubildenden kümmern, schlugen Alarm.

Der Landkreis war nach Aussagen von Andreas Grau, dem beim Landratsamt angesiedelten Koordinator für die generalistische Pflegeausbildung, an sieben Pflegeschulstandorten zwar mit 250 Ausbildungsplätzen gut aufgestellt, doch fehle es nach wie vor an Einsatzplätzen in der ambulanten und pädiatrischen Versorgung. Die Engpässe bei den praktischen Ausbildungsteilen in der Pädiatrie beschäftigten auch Landrat Richard Sigel. Der Kreischef wandte sich deshalb im vergangenen Jahr an Sozialminister Manfred Lucha (wir berichteten). In seinem Schreiben bat er darum, dringend neue Einrichtungsarten im pädiatrischen Bereich zuzulassen.

Mittlerweile hat sich tatsächlich etwas getan. Andreas Grau: „Das Land hat inzwischen nachgesteuert und geregelt, welche Einrichtungen prinzipiell zur Pflegeausbildung zugelassen sind.“ Sonderpädagogische Bildungs- und Beratungszentren (SBBZ) einschließlich sonderpädagogischer Kindergärten seien nun ebenfalls für den Pädiatrieeinsatz von Auszubildenden als geeignet eingestuft worden. Minister Lucha habe überdies erwähnt, Kinderarztpraxen zumindest übergangsweise als geeignete Einrichtungen aufzunehmen. „Stand heute ist dieser Einsatz jedoch unbefristet möglich, da sich Vertreter der Berufsgruppe, der Pflegeschule, Berufsverbände sowie die Koordinationsstellen immer wieder für die Verbesserung des Sachverhalts eingebracht haben“, weiß Andreas Grau.

Die Einrichtungen sind in einer Liste aufgeführt, die es vor einem Jahr noch nicht in dieser ausführlichen Form gab. Darauf finden sich auch Kinderkrippen (U-3-Bereich). In diesem Jahr sieht es nach den Worten des Koordinators so aus: „Von 250 Ausbildungsplätzen konnten wir zu Ausbildungsbeginn 240 belegen, die Anzahl an Bewerbungen ist hoch. Die Zahlen nach Bestehen der Probezeit sprechen mit 201 Personen im Positiven für sich. Die in der Praxis Beschäftigten sowie die Lehrkräfte an den Schulen haben hierbei vollen Einsatz geleistet. Sieben sonderpädagogische Bildungs- und Beratungszentren konnten für die generalistische Pflegeausbildung gewonnen werden.“ Überdies gebe es im Landkreis 20 Kinderarztpraxen, die generalistische Auszubildende aufnehmen könnten. Grau: „Davon konnte die Koordinationsstelle bislang fünf akquirieren. Die übrigen Praxen lehnen eine Kooperation trotz hohen finanziellen Ausgleichs ab. Im Bereich der Kindertagesstätten gibt es insgesamt 222 potenzielle Einrichtungen, diese müssen jedoch am stärksten an das Thema Pflege und Pflegeausbildung herangeführt werden. Insgesamt unterstützen bereits zwölf Träger mit ihren angegliederten Einrichtungen die Ausbildung. Häufig sind diese aber auch in einer Pilotphase und nehmen noch keine größere Anzahl an Auszubildenden auf.“

Während des ersten oder des zweiten Ausbildungsjahres einer Pflegeausbildung nach dem Pflegeberufegesetz (PflBG) ist laut Grau ein pädiatrischer Pflichteinsatz im Umfang von mindestens 60 bis höchstens 120 Stunden zu absolvieren. Die Art der Einrichtung regelt den Stundenumfang. „Befristet bis zum 31. Dezember 2024 kann dieser Pflichteinsatz – mit Ausnahme des Einsatzes in Kinderkrippen – auf 60 Stunden verkürzt werden. In Kinderkrippen muss ein Einsatz mindestens 100 Stunden umfassen.“ Die Ausbildung erfolge nach einem strikt vorgegebenen Ausbildungsplan über drei Jahre. Praxiseinsätze sowie Berufsschuleinsätze wechselten sich blockweise ab. „Die Praxiseinsätze haben dabei innerhalb festgesetzter Zeitpunkte in der Ausbildung zu erfolgen und sind nicht vertauschbar. Hier baten wir um eine Möglichkeit der Fristverlängerung zur Absolvierung der Einsätze, welche bis heute nicht eingeräumt wurde.“

Und wie sieht es bei einer der Pflegeschulen konkret aus? Sabine Laible, stellvertretende Geschäftsführerin im Pflegeheim Staigacker, erklärt auf Anfrage unserer Zeitung: Für die Evangelische Pflegeschule Backnang im Staigacker gebe es weiterhin keine Pädiatrieplätze im Rems-Murr-Klinikum, dafür aber einige Praktikumsplätze im Diakonieklinikum in Schwäbisch Hall. Und: „Das Land hat vorerst die möglichen Einsatzstellen auf Kindergärten erweitert, dort haben wir nun im U-3-Bereich für das erste Ausbildungsjahr, das schon läuft, genügend zusätzliche Praxisplätze.“ Ihre persönliche Einschätzung zu dem Thema: „Es ist sehr positiv, dass die Schülerinnen und Schüler Plätze in den Kindergärten bekommen, und die ersten Erfahrungen sind ebenfalls sehr positiv. Wir sind den Kindergärten für die Bereitschaft, Praxisplätze zur Verfügung zu stellen, sehr dankbar, und die Zusammenarbeit gestaltet sich sehr gut. Trotzdem ist es schade, dass es nicht möglich ist, in einer generalistischen Pflegeausbildung Einblick in die Pflege kranker Kinder zu bekommen.“

Andreas Grau (Landratsamt),
Koordinator generalistische Pflegeausbildung „Das Land hat inzwischen nachgesteuert und geregelt, welche Einrichtungen prinzipiell zur Pflegeausbildung zugelassen sind.“
Die Koordinierungsstelle und Pflegeschulen im Kreis

Andreas Grau, Koordinator für die generalistische Pflegeausbildung beim Landratsamt, ist in Kontakt mit allen an der Ausbildung beteiligten Akteuren und ist bestrebt, die dringendsten Probleme zu lösen: zum Beispiel hoher bürokratischer Aufwand, Akquise fehlender praktischer Einsatzstellen, Klärung von Fragen im Bereich der Finanzierung, Umsetzung gesetzlicher Bestimmungen sowie Einsatzstellenabfragen.

Im Rems-Murr-Kreis gibt es folgende Pflegeschulstandorte: 1. die Evangelische Pflegeschule Backnang im Staigacker, 2. die Ludwig-Schlaich-Akademie in Waiblingen, 3. die anthroposophische Berufsfachschule für Pflege in Fellbach (Camphill Ausbildungen gGmbH), 4. die Maria-Merian-Schule in Waiblingen, 5. die Berufsfachschule für Pflege Lorch des Diakonischen Instituts für Soziale Berufe (aufgrund der Kreisnähe setzt die Schule zur Hälfte auch Auszubildende im Rems-Murr-Kreis ein), 6. Evangelische Pflegeschule Weinstadt der Großheppacher Schwesternschaft, 7. das Bildungszentrum für Gesundheitsberufe Rems-Murr (Pflegeschule der Rems-Murr-Kliniken sowie des Zentrums für Psychiatrie in Winnenden). Eine Sonderstellung hat die Pflegeschule am Jakobsweg der Paulinenpflege Winnenden. Andreas Grau: „Die Schule beteiligt sich nicht an der regelmäßigen Gremienarbeit der Berufsfachschulen für Pflege, zu welchen das Landratsamt einlädt.“

Innerhalb der neuen Pflegeausbildung ist es auch möglich, eine Vertiefung in der stationären Langzeitpflege (Alten- und Pflegeheim) und in der pädiatrischen Versorgung (Kinder- und Jugendliche) anzustreben. Der Unterschied zur allgemeinen Ausbildung ist, dass bei diesem Weg nur in diesen Versorgungsbereichen gearbeitet werden kann. Im Landkreis wird die Vertiefung in der Pädiatrie angeboten, verkompliziert jedoch die Umsetzung der Ausbildung für alle Beteiligten.

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Erstellt:
8. September 2021, 06:00 Uhr

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