Risiko für Heißzeit auf der Erde steigt
Nahe Kipppunkte: Jetzt geht das Klimachaos erst richtig los
Kipppunkte im Klimasystem: Droht der Erde eine unumkehrbare Hitzephase? Forscher warnen vor unbeherrschbaren Kettenreaktionen und zeigen auch, wie wir den Crash-Kurs noch ändern können.
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Warum? Der Planet glüht und brennt, doch die Menschheit schaut nur teilnahmslos auf das Geschene, das sie selbst in den Untergang treiben wird.
Von Markus Brauer/dpa
Ein internationales Forscherteam warnt eindringlich vor einer beschleunigten Erderwärmung, die zu einer dauerhaften Hitzephase führen könnte. „Das Klima der Erde entfernt sich gerade von den stabilen Bedingungen, die die menschliche Zivilisation über Jahrtausende hinweg getragen haben“, die Wissenschaftler im Fachjournal „One Earth“. Mehrere Teile des Erdsystems könnten bereits näher an einer Destabilisierung sein als angenommen.
Several Earth system components may be closer to destabilisation than previously thought. Crossing key temperature thresholds could trigger feedback loops, pushing the planet toward a “Hothouse Earth” trajectory. Study by @OregonState, @IIASAVienna, PIK. https://t.co/oAxgJrk5kppic.twitter.com/ZdFvcKxTpW — Potsdam Institute for Climate Impact Research PIK (@PIK_Climate) February 11, 2026
Ungehörte Warnungen
Es ist nicht die erste dringliche Warnung von Klimaforschern. In den vergangenen Jahren haben sie schon vor den drastischen und teils irreversiblen Folgen einer weiteren Erwärmung gewarnt – in der Regel vergeblich.
- Im Jahr 2018 warnten Forscher davor, dass schon 2030 ein Klima herrschen könnte wie zuletzt vor drei Millionen Jahren.
- 2019 riefen sie den „Klima-Notstand“ aus.
- 2022 deklarierte ein Team sogar den „Code Red“ für die Erde. Denn 16 von 35 „Vitalzeichen“ unseres Planeten hatten bereits nie zuvor gemessenen Extremwerte erreicht.
Neue Heißzeit: Destabilisierung viel näher als befürchtet
Jetzt schlagen die Klimaforscher erneut Alarm. Nach Angaben eines Teams um William Ripple von der Oregon State University in den USA und des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK) sind gleich mehrere Stellschrauben des Klimasystems einer Destabilisierung näher als bisher angenommen.
Von 16 bekannten Kippelementen im Klimasystem stehen demzufolge gleich mehrere an der Schwelle zum Umkippen oder haben diese bereits überschritten. Wenn dies geschehen sollte, könnte das Erdklima in einen neuen, nach menschlichen Zeitmaßstäben nicht mehr reversiblen Zustand eintreten. Eine neue Heißzeit.
Klimawandel schreitet schneller voran als erwartet
„Die Überschreitung von Temperaturgrenzen wird üblicherweise anhand von 20-Jahres-Durchschnitten bewertet“, erläutert Co-Autor Christopher Wolf von den Terrestrial Ecosystems Research Associates (Tera) in Corvallis (Oregon).
Doch der jüngste zwölfmonatige Überschreitungszeitraum könne darauf hindeuten, dass auch der langfristige durchschnittliche Temperaturanstieg bereits bei oder nahe 1,5 Grad liege. „Es ist wahrscheinlich, dass der Klimawandel schneller voranschreitet, als viele Wissenschaftler vorhergesagt haben.“
Ein Teil des jüngsten Temperaturanstiegs sei auf den Rückgang der Aerosole zurückzuführen, schreibt das Team. Zu den Schwebeteilchen zählt etwa Ruß. Der Rückgang der Aerosole habe möglicherweise Einfluss auf die Wolken, die dann weniger Sonnenlicht ins All abstrahlten.
Was erwartet die Menschheit in der Zukunft?
Für die Menschheit wäre diese Entwicklung fatal. Wir verdanken unsere kulturelle und zivilsatorische Entwicklung einer weitgehend optimalen, gleichmäßigen Klimaphase, die mit dem Ende der letzten Eiszeit vor rund 12.000 Jahren begonnen hat.
„Erst diese stabile Phase ermöglichte es der Landwirtschaft, komplexen Gesellschaften und Ökosystemen, sich zu entwickeln und zu gedeihen“, erklären Ripple und sein Team. Doch inzwischen ist dieses stabile Klima akut in Gefahr.
Teufelskreis durch positive Rückkopplungen
Ursache dafür sind zum einen die weiter steigenden Treibhausgaswerte und die dadurch angeheizte Erwärmung. Zum anderen kommen jedoch zunehmend natürliche Wechselwirkungen im Klimasystem zum Tragen. Diese positiven Rückkopplungen verstärken die Erwärmung zusätzlich und treiben auch die Kippelemente näher an ihren Kipppunkt.
Das Resultat ist ein Teufelskreis, in dem jedes einzelne Glied die anderen weiter destabilisiert. „Zum Beispiel können schmelzendes Eis und Schnee, das Auftauen von Permafrost, das Absterben von Wäldern und der Verlust von Bodenkohlenstoff die Empfindlichkeit des Klimasystems gegenüber Treibhausgasen beeinflussen. – und so die Erwärmung weiter verstärken“, erläutert Ripple.
Kipppunkte: Dominoeffekt des Weltklimas
Beim Konzept der Kipppunkte geht man davon aus, dass einige Teilsysteme des Klimasystems bestimmte kritische Schwellenwerte haben, bei deren Überschreiten es zu starken und teils unaufhaltsamen und unumkehrbaren Veränderungen kommt. Deswegen sollte ein Überschreiten der Kipppunkte unbedingt vermieden werden.
Unter Kipppunkten versteht man in der Klimaforschung, wenn durch kleine Veränderungen ein Domino-Effekt ausgelöst wird, dessen Folgen unter Umständen nicht mehr rückgängig gemacht werden können. Werden mehrere Kipppunkte überschritten, besteht zudem das Risiko eines katastrophalen Verlusts der Fähigkeit, Pflanzen für Grundnahrungsmittel anzubauen.
Das Konzept der Kipppunkte und damit verbundene Unsicherheiten werden unter Wissenschaftlern weltweit intensiv und zum Teil konträr diskutiert.
Schwere Wetterextreme nehmen zu
Schon jetzt, zehn Jahre nach dem Pariser Klimaabkommen, hat das Erdklima zwölf Monate in Folge die Schwelle von 1,5 Gad Erwärmung gegenüber präindustriellen Werten überschritten und schwere Wetterextreme nehmen zu.
Mit jedem Zehntelgrad mehr steigt das Risiko, dass die Rückkopplungen im Klimasystem eine ganze Kaskade von Destabilisierungen nach sich ziehen. „Wenn ein Element kippt, schiebt es auch andere Systeme über ihre Schwellen und löst so die Kaskade aus“, beschreiben die Klimaforscher die derzeit ablaufenden globalen Entwicklungen.
Die Gefahr dabei: Eine solche Kaskade von Kipp-Prozessen heizt den Klimawandel noch weiter an und bringt das Erdsystem auf einen kaum noch umkehrbaren Weg in Richtung einer „Treibhaus“-Erde.
„Dies wäre ein Entwicklungspfad, in dem sich gegenseitig verstärkende Feedbacks das Klimasystem über einen Punkt ohne Wiederkehr bringen“, betont das Team. „Dies bringt den Planeten in ein Regime mit substanziell höheren Langzeittemperaturen.“
Diese Heiz-Prozess könne auch durch spätere Emissionsminderungen nicht mehr rückgängig gemacht werden – zumindest nicht im Laufe menschlicher Zeitskalen.
Was kommt es zu Kipp-Punkten?
Die eigentliche Gefahr besteht darin, dass für viele dieser Elemente nicht klar ist, bei welcher Temperatur genau sie kippen. „Die Risiken, die wir beschreiben, sind nicht nur wegen ihres Ausmaßes besorgniserregend, sondern auch wegen ihrer Unsicherheit“, betonen Ripple und sein Team. S chon in unmittelbarer Zukunft könnten dadurch entscheidende Klimaelemente umkippen und die Erde unaufhaltsam einer Heißzeit entgegenbringen.
Trotz der bestehenden Unsicherheiten mehren sich zudem die Modelle und Analysen, die ein Umkippen für einige Elemente schon bei einem Überschreiten von 1,5 Grad Erwärmung voraussagen. „Die Modellergebnisse deuten darauf hin, dass schon ein vorübergehendes Überschreiten dieses Werts das Kipp-Risiko um bis zu 72 Prozent erhöht im Vergleich zu einem Einhalten dieser Grenze“, konstatieren die Forscher.
Wo die Erde aus dem Gleichgewicht gerät
Einige der Klima-Stellschrauben könnten schon jetzt in ein neues Gleichgewicht gekippt sein. „Dies ist der Fall bei den Eisschilden Grönlands und der Westantarktis, für den borealen Permafrost und die Berggletscher“, berichten die Forscher. Auch der Amazonas-Regenwald stehe kurz vor dem Umkippen.
Nach Ansicht der Forscher sollten daher gerade die Unsicherheiten der Klimaprognosen als Signal dafür gesehen werden sollten, dass Strategien zur Eindämmung und Anpassung an den Klimawandel dringend Fahrt aufnehmen müssen. „Wir müssen schnell handeln, um die sich rasch verringernden Chancen zu nutzen und gefährliche sowie unkontrollierbare Klimaauswirkungen zu verhindern“, schreiben die Experten.
Was jetzt zu tun ist
Die Unsicherheit darüber, wo genau Kippschwellen liegen, sei kein Grund zum Zögern, „sondern vielmehr ein zwingender Grund für sofortiges vorsorgliches Handeln“, schreibt das Team. „Kurz gesagt könnten wir uns einem gefährlichen Schwellenbereich nähern, bei gleichzeitig rapide schwindenden Möglichkeiten, gefährliche und nicht mehr beherrschbare Klimaentwicklungen zu verhindern.“
Bestehende Klimaschutzmaßnahmen, wie der Ausbau erneuerbarer Energien und der Schutz Kohlenstoff-speichernder Ökosysteme, seien entscheidend, um den Anstieg der globalen Temperaturen zu begrenzen. Nötig sind nach Ansicht des Teams eine vorausschauende Regierungsführung, stärkere politische Rahmenwerke zur Minderung der Emissionen, die auch Kipppunktrisiken berücksichtigen, und eine koordinierte globale Überwachung von Kipppunkten.
