Neue Bewohner im Haus Plattenwald

Die Sanierung des ehemaligen Peter-Odenwälder-Hauses an der Backnanger Plattenwaldallee ist abgeschlossen. Mitte der Woche ziehen die 24 psychisch erkrankten Menschen ein, die bisher von der Paulinenpflege auf der Burg Reichenberg in Oppenweiler betreut wurden.

Die letzten Arbeiten im Haus werden in diesen Tagen abgeschlossen, die Außenanlagen werden danach noch angelegt.

© Tobias Sellmaier

Die letzten Arbeiten im Haus werden in diesen Tagen abgeschlossen, die Außenanlagen werden danach noch angelegt.

Von Kristin Doberer

Backnang. Neue Elektrik, neue Rohrleitungen, neue Böden, Fenster und zum Teil sogar neue Wände. Vom einstigen Peter-Odenwälder-Haus – oder Haus Plattenwald, wie es die Paulinenpflege nennt – in der Backnanger Plattenwaldallee ist nicht mehr viel übrig geblieben. In den vergangenen zwei Jahren wurde das Gebäude für insgesamt 3,7 Millionen Euro komplett entkernt und energetisch saniert. Die Arbeiten am Haus Plattenwald sind nun abgeschlossen, das Ergebnis kann sich sehen lassen: offene und freundliche Räume, Fußbodenheizung mit Wärmepumpe und Wohneinheiten mit Platz für 24 Bewohner. Diese werden noch im Laufe der Woche einziehen. Bei den neuen Bewohnern handelt es sich um psychisch erkrankte Menschen, die bisher von der Paulinenpflege auf der Burg Reichenberg in Oppenweiler betreut wurden. Dort können sie aufgrund der neuen Landesheimbauverordnung nicht länger bleiben. Das Haus Plattenwald gehört der Paulinenpflege Winnenden, stand seit 2015 allerdings leer (siehe Infokasten).

Nun wurden 24 Wohnplätze in kleinen Einheiten geschaffen, in der Regel sind dies Dreizimmerwohnungen, zum Teil gibt es auch Einzelzimmer für Menschen, die mehr Rückzug benötigen. Diese Art des Wohnens in kleinen Gemeinschaften verhindere Vereinsamung und ermögliche dennoch den Rückzug in die Privatsphäre, erklärt der Pressesprecher der Paulinenpflege, Marco Kelch. Etwa die Hälfte der Bewohner soll ambulant betreut werden, hier kommt also etwa dreimal pro Woche ein Mitarbeiter der Paulinenpflege in die WG, die andere Hälfte hat eine Betreuung rund um die Uhr. Für die Mitarbeiter der Paulinenpflege gibt es Büroräume mit Übernachtungsmöglichkeit für die Nachtbereitschaft.

Der Umzug ist für viele Bewohner schwer

„Das ist ein wichtiger Schritt in Richtung Selbstständigkeit“, betont Gruppenleiterin Martina Kühne. „Sich in der eigenen Wohnung selbst versorgen, einkaufen und mit Geld haushalten.“ Denn das Ziel bei der betreuten Wohnform im Plattenwald ist es, die psychisch erkrankten Menschen wieder für ein normales Leben und für den ersten Arbeitsmarkt zu qualifizieren. Das gelinge allerdings nur bei einem Teil der Betroffenen, erzählt Kelch aus Erfahrung. Aus diesem Grund habe man beim Umbau schon auf Barrierefreiheit geachtet. „Wer es nicht zurückschafft in ein selbstständiges Leben, kann hier in einer vertrauten Umgebung alt werden“, versichert Kelch.

Und obwohl die Burg Reichenberg sicherlich ihren Charme hat, soll die neue Unterkunft den Alltag doch deutlich erleichtern. Ein Aspekt ist die Nähe zu der „Reha-Werkstatt“ der Paulinenpflege „Im Erlenwäldchen“ in Backnang. Hier gehen einige Bewohner schon einer regelmäßigen Beschäftigung nach. Weitere sollen hierzu noch motiviert werden. Der kürzere Weg zur Werkstatt könne dies günstig beeinflussen, hofft Kelch. „Und die Bushaltestelle ist gleich da vorne“, weiß der zukünftige Bewohner Oezcan Guener bereits und zeigt Richtung Straße. Die Busanbindung war in Oppenweiler deutlich schlechter, die Bewohner sparen sich nach dem Umzug nun nicht nur Zeit auf dem Weg zur Arbeit, auch sei die Nähe zur Stadt positiv für den Inklusionsgedanken, so Kelch.

Und obwohl das Haus noch dazu mit der neuen Einrichtung deutlich moderner ist als die Burg mit Ausstattung im 60er-Jahre-Stil, ist der Umzug ein großer Schritt und für einige Bewohner nicht einfach. „Am Anfang war der Gedanke umzuziehen schwer“, sagt die zukünftige Bewohnerin Carmen Brunn. Auf der Burg Reichenberg hat sie die vergangenen sechs Jahre gelebt. Für viele sei die Burg lange Zeit ein Zuhause gewesen, erklärt Gruppenleiterin Martina Kühne. „Und eine Veränderung ist immer schwer.“ Gerade zu Beginn seien die Bewohner in Bezug auf den Umzug sehr unsicher gewesen. „Jetzt freue ich mich aber“, sagt Kühne. „Auch wenn sich das am Anfang sicher sehr komisch anfühlen wird.“ Bis diese Akzeptanz da war, war es für die Mitarbeiter der Paulinenpflege ein längerer Prozess. „Wir haben alle Bewohner früh miteinbezogen und viel darüber gesprochen“, meint Kühne. Da es zunächst nur die abstrakten Pläne gegeben habe, sei das nicht immer einfach gewesen. Immer wieder gab es deshalb in den vergangenen zwei Jahren Baustellenbesichtigungen in der Gruppe oder auch mit einzelnen Personen. Und auch bei der Einteilung der WGs wurde sich schon sehr lange Gedanken gemacht.

Und nicht nur die Bewohner sollten immer wieder über den Planungsstand im Haus Plattenwald informiert werden, auch für die nähere Nachbarschaft aus der Plattenwaldsiedlung gab es Informationsveranstaltungen. Auch zur Fertigstellung wurden am vergangenen Donnerstag Interessierte eingeladen, Mitarbeiter der Paulinenpflege und zukünftige Bewohner zeigten die neuen Räume und beantworteten Fragen. Und das Interesse war sehr groß, viele Nachbarn ließen sich durch das Haus führen. Zum einen liege das laut Kelch daran, dass in dem Haus jahrelang geistig behinderte Menschen von der Paulinenpflege betreut wurden. „Viele aus der Nachbarschaft haben mit unseren Bewohnern früher gekickt oder ihre Freizeit verbracht“, sagt er. Auf der anderen Seite habe es zunächst auch Bedenken und gewisse Ängste gegeben, als klar war, dass Menschen mit psychischen Erkrankungen einziehen sollen. Die Paulinenpflege habe sich bemüht, hier aufzuklären. „Es handelt sich nicht um Kriminelle, sondern um Menschen mit Angststörungen oder Depressionen“, sagt Kelch. Auch wenn durch Corona wenig informiert werden konnte, habe man die Ängste mittlerweile nehmen können. Somit steht dem Umzug nichts mehr im Weg, die letzten Arbeiten werden im Laufe der Woche abgeschlossen. Lediglich im Außenbereich gibt es dann noch etwas zu tun. Der während des Leerstands verwilderte Garten wurde schon freigeschnitten, hier sollen noch ein Gemüsegarten und ein Kräuterbeet entstehen.

Alles neu, offen und freundlich: Die Gruppenleiterin Martina Kühne (Mitte) sowie die zukünftigen Bewohner Oezcan Guener und Carmen Brunn freuen sich, auch wenn der Umzug viele Veränderungen bedeutet. Fotos: T. Sellmaier

© Tobias Sellmaier

Alles neu, offen und freundlich: Die Gruppenleiterin Martina Kühne (Mitte) sowie die zukünftigen Bewohner Oezcan Guener und Carmen Brunn freuen sich, auch wenn der Umzug viele Veränderungen bedeutet. Fotos: T. Sellmaier

Das Peter-Odenwälder-Haus – das Haus Plattenwald

Haus Plattenwald Ein Backnanger Verein errichtete das Haus Anfang der 70er-Jahre und wollte dort ein Begegnungszentrum betreiben. Die Paulinenpflege hat das Haus Ende der 70er-Jahre erworben. Es diente bis 2015 als Wohnheim für erwachsene Menschen mit Behinderung. Diese zogen 2015 in die alte Post um, um näher an der Innenstadt zu sein.

Verhandlungen Nach dem Umzug wollte die Stadt Backnang auf dem Grundstück geflüchtete Menschen unterbringen. Die Verkaufsverhandlungen waren laut Kelch weit vorangeschritten. Die Paulinenpflege sah sich dann aber gezwungen, die Verhandlungen abzubrechen und das Gebäude selbst zu sanieren und wieder zu nutzen.

Verordnung Grund war zum einen, dass das Kreissozialamt die Paulinenpflege schon vor Jahren zur Aufgabe des Wohnens auf der Burg aufgefordert hatte. Im Sinne der Inklusion sollte eine zentrumsnahe Unterbringung angestrebt werden. Die hierfür geeigneten Wohnungen zu finden, erwies sich aber als unmöglich. Dazu kam 2017 die neue Landesheimbauverordnung, deren Vorgaben die Burg nicht erfüllen kann. Die Sanierung des vorhandenen Hauses wurde dadurch wirtschaftlicher als ein Verkauf des Grundstücks und ein Neubau an einem anderen Ort.

Burg Reichenberg Die Burg soll vorübergehend zum Lehrlingsheim für das Winnender Berufsbildungswerk (BBW) der Paulinenpflege für hörgeschädigte, sprachbehinderte oder autistische Jugendliche werden. Für die Auszubildenden, die die Wohnräume nur vorübergehend nutzen, gilt die Landesheimbauverordnung nicht.

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Erstellt:
19. Oktober 2021, 06:00 Uhr

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