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Neue Förderung für Vielfaltspuzzlerinnen

Seit März fährt das „Brunnomobil“ immer mittwochs alle Weissacher Teilorte an. Auf dem dazugehörigen kleinen Verkaufsstand werden in der Hauptsache regionale Lebensmittel angeboten. Aber die Hauptsache ist, miteinander ins Gespräch zu kommen.

Mit dem Brunnomobil in Weissach unterwegs: Die Vielfaltspuzzlerinnen Silke Müller-Zimmermann (hinter dem Verkaufsstand) und Sabine Löchelt (rechts daneben) möchten mit ihren Angeboten ein neues Miteinander schaffen und suchen den Kontakt zu den Menschen. Foto: J. Fiedler

© Jörg Fiedler

Mit dem Brunnomobil in Weissach unterwegs: Die Vielfaltspuzzlerinnen Silke Müller-Zimmermann (hinter dem Verkaufsstand) und Sabine Löchelt (rechts daneben) möchten mit ihren Angeboten ein neues Miteinander schaffen und suchen den Kontakt zu den Menschen. Foto: J. Fiedler

Von Hans-Christoph Werner

WEISSACH IM TAL. An Engagement fehlt es nicht in Weissach. Seit Jahren ist die Gemeinde dafür bekannt, dass in Sachen Klimawandel und Umweltschutz besondere Anstrengungen unternommen werden. Ein eigener Verein wurde deswegen gegründet: Weissach Klimaschutz konkret. Das Wort „Klima“ wird dabei mit Großbuchstaben geschrieben. Viele sollen bei den Aktionen und Unternehmungen des Vereins beteiligt werden. Denn das Klima geht nun mal alle an.

Aber auch dies war in der Arbeit des Vereins bald klar: Es braucht jemanden, der vorangeht, der die Aktionen in Gang setzt. Und so hoch geschätzt das ehrenamtliche Engagement ist, es geht nicht alles ehrenamtlich: jede Woche zu bestimmten Zeiten im Klima-Kultur-Zentrum in der Welzheimer Straße anwesend zu sein, für Gespräche und Beratung zur Verfügung zu stehen und die Projekte zu koordinieren. Sabine Löchelt tut dies. Woche für Woche. Und sie bekommt Geld dafür. Das muss natürlich irgendwoher kommen. So hat man sich nach Projektunterstützern umgesehen und Anträge gestellt. Von Mai 2018 bis Mai 2019 gewährte die Baden-Württemberg-Stiftung einen Zuschuss.

Aus alten Stoffresten entstehen neue Atemschutzmasken.

Aber die Stiftung unterstützt nur einmalig, und es ist auch keine Verlängerung möglich. So war ein neuer Geldgeber gefragt. Man fand ihn in der Deutschen Postcode-Lotterie. Im Januar wurde der Antrag gestellt. Zum 1. Mai wurden 30000 Euro bewilligt, das Geld auch gleich überwiesen. Natürlich will die Deutsche Postcode-Lotterie wissen, wofür es verwendet wird. Sabine Löchelt wird dem Geldgeber darüber berichten.

An Ideen zum Einsatz der Finanzen in der Vereinsarbeit mangelt es den Weissachern nicht. So hat man schon vieles in die Tat umgesetzt. Es sind einzelne Aktionen, die eine Weile laufen und dann auch wieder beendet werden. Denn nicht alles lässt sich als Daueraktion aufrechterhalten. Zudem sind die Bedürfnisse unterschiedlich. Da war zum Beispiel die Aktion „Happy Birthday“. An Senioren wurden Geburtskarten verschickt. Damit verbunden war eine Einladung zu Kaffee und Kuchen im Klima-Kultur-Zentrum.

Auf diesem Weg lernten die Senioren das Zentrum kennen und erfuhren, was damit beabsichtigt ist. In das Zentrum wird nämlich auch zu Nähkursen eingeladen. Denn das textile sogenannte Upcycling ist ein anderes großes Thema des Vereins. Die Absurditäten des Textilmarkts sind zur Genüge bekannt. Billigstmode, in Asien zu Hungerlöhnen gefertigt, zu Tiefstpreisen in Deutschland erworben, nach dem dritten Mal Tragen in der Tonne entsorgt. Dem wollte man was entgegensetzen. Warum wegwerfen, wenn die Hose, das T-Shirt noch umgearbeitet oder zu etwas anderem verarbeitet werden kann? Aus Stoffresten wurden dann zu Beginn der Coronazeit Atemschutzmasken genäht. In mehr als 600 Stunden ehrenamtlicher Arbeit 1300 Stück. Und die wurden verkauft.

Eine andere Zielgruppe hatte die Aktion „Happy Learning“ im Blick. Junge Leute unterzogen sich einem Bewerbungstraining. Ein Fotograf machte Bewerbungsfotos. Andere Helfer sahen sich mit den jungen Leuten die Bewerbungsmappen durch und gaben hilfreiche Tipps. Wieder um etwas anderes ging es bei „Happy Eating“. Ein Koch des Ortes mit eigener Gastwirtschaft erklärte sich bereit, an seinem Ruhetag wohlgemerkt, für andere zu kochen. Er tat dies eine Zeit lang für die Kinder der örtlichen Grundschule und eine Gruppe von Senioren, die dazu eingeladen wurden. Allerdings scheiterte dann die Fortsetzung der Aktion am Preis des Mittagessens. Aber ohne Zutaten kein Mittagessen.

Deutsche sollen Menschen aus anderen Ländern treffen.

Aber dieses Projekt zeigt, worum es den Hauptakteuren um Sabine Löchelt und Silke Müller-Zimmermann geht. Sie wollen verknüpfen, verbinden. Menschen sollen einander begegnen. Alte sollen die Jungen treffen. Menschen, die haben, die, die weniger haben. Deutsche sollen Menschen aus anderen Ländern treffen. Gern bemüht man das Bild des Puzzles. „Jeder ist wie ein Puzzleteil“, sagt Sabine Löchelt, „man passt nicht überall. Aber dann ergibt es sich, dass man doch irgendwo andocken kann.“ Viele aneinandergelegte Teile ergeben das ganze Bild. Und so nennen sich die Damen gerne auch die „Vielfaltspuzzlerinnen“.

Seit März dieses Jahres fährt Silke Müller-Zimmermann immer mittwochs durch alle Weissacher Ortsteile. „Brunnomobil“ nennt sie scherzhaft ihr eigenes Auto, weil sie die Brunnen in den Orten aufsucht. Die Brunnen, so sagt sie, waren in früheren Zeiten Treffpunkte. Jetzt, wo jeder eine eigene Wasserleitung im Haus hat, sind sie verwaist. Aber Treffpunkt könnten sie doch wieder werden. So packt sie einmal die Woche ihren Wagen. Mit Lebensmitteln in der Hauptsache, aber auch anderem Nützlichem. In Weissach gebrautes Bier ist dabei, Saisonfrüchte aus dem Ungeheuerhof, Kräutertee in kleinen, selbst gebastelten Papiertüten. Eine Freundin aus Stuttgart hat sie damit versorgt. Ein Sack Reis ist dabei, aus dem Lebensmittelgeschäft von syrischen Flüchtlingen in Backnang. Wer Reis haben will, muss selbst ein Behältnis mitbringen. Denn auch diese Idee wird mit der Aktion verknüpft: Die angebotene Ware ist unverpackt. Ein Sack Kaffee kommt aus einer Rösterei in Hertmannsweiler. Warum die Waren aus Süditalien, Spanien oder holländischen Gewächshäusern herankarren, wenn es das eine oder andere auch in nächster Nähe gibt. Und aus einem Eimer Waschpulver aus Winnenden kann die benötigte Portion geschöpft werden.

Im jeweiligen Teilort angekommen, stellt Silke Müller-Zimmermann erst mal einen einfachen Tisch auf. Dann werden die Waren arrangiert. Ein Schild weist auf die Preise hin und die Orte, die sie anfährt. Die Aktion ist ein Geduldspiel. Aber Silke Müller-Zimmermann ist von ihrer Idee überzeugt. Von der Idee, dass sie eine Massenbewegung auslösen könnte, hat sie sich verabschiedet. Wenn da der eine oder die andere hält und ein kurzes Gespräch in Gang kommt, sie über die Beweggründe ihres Handelns aufklären kann, ist die Aktivistin schon zufrieden.

Unaufhörlich brandet der Verkehr durch die Heutensbacher Straße in Cottenweiler. Der Brunnen steht vor dem Dorftreff, dem ehemaligen Feuerwehrgerätehaus. Von den Autofahrern hält keiner an. Eine Radlerin bleibt stehen. Sie kommt aus Allmersbach im Tal und hat den Stand mehr zufällig entdeckt. Sie erwirbt ein Schälchen Erdbeeren. Und dann kommt noch der Landwirt von gegenüber. Er kennt Silke Müller-Zimmermann und ihr Anliegen. Sofort sind die beiden in ein Fachgespräch vertieft. Es gibt inzwischen Automatenschränke, in denen an Straßen Lebensmittel zum Verkauf angeboten werden. Ob das für Weissach auch etwas wäre?

Man kennt sich von früheren Begegnungen her.

Kaum hat Silke Müller-Zimmermann in Wattenweiler aufgebaut, kommt schon eine Frau mit vier Kindern. Man kennt sich von früheren Begegnungen her. Die Frau erkundigt sich nach dem, was im Angebot ist. Die Erdbeeren sind begehrt. In Oberweissach dann niemand. Und in Bruch wäre es auch so gelaufen, wenn nicht zwei Bekannte der Unterweissacherin, auf dem Weg zum Joggen, mit ihrem Auto gehalten hätten. Ein lebhaftes Gespräch entspinnt sich, und wieder wechseln Erdbeerschalen den Besitzer. Schließlich Unterweissach am Rathaus. Auch hier ist der ständig vorbeiziehende Autoverkehr das Hintergrundgeräusch. Zwei Kundinnen stellen sich dann ein. Beide kennen bereits den Mittwochsstand und kommen bewusst dazu. Und wieder ist der Einkauf nicht die Hauptsache, sondern das Gespräch.

Es geht ihr nicht darum, so sagt Silke Müller-Zimmermann, nur etwas für das Klima zu tun. Alle Bemühungen, den Klimawandel aufzuhalten, können nur, so ihre Überzeugung, durch ein neues Miteinander gelingen.

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Erstellt:
15. Juli 2020, 06:00 Uhr

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