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Neue Heimat Tuttlingen

Rozan und Kamiran Fahro flohen 2014 vor dem IS

Die bemerkenswerte Geschichte einer jungen kurdischen Familie, die nach ihrer Flucht aus Syrien in Tuttlingen Wurzeln geschlagen hat, setzt sich mit guten Nachrichten fort. Ein Hausbesuch vier Jahre nach dem letzten Treffen.

Tuttlingen Natali flattert durch das Wohnzimmer wie ein kleiner Schmetterling. Beim ersten Besuch vor vier Jahren steckte der Schmetterling noch im Kokon. Da war Natali ein Baby, eng an die Mutter geschmiegt. Jetzt streckt sie ihre Arme aus wie Flügel und wirft ihren dunklen Lockenkopf schüchtern-verspielt hin und her. Im Prinzessinnen-Kleid kreist sie um den Besucher und mustert ihn mit durchdringenden Augen, wie es nur Kinder können.

Natali ist eine echte Tuttlingerin. Wie ihr kleiner Bruder Belan auch. Das kann man von ihren Eltern nicht behaupten. Rozan und Kamiran Farho stammen aus Amuda, einer syrischen Stadt an der Grenze zur Türkei, die vor dem Bürgerkrieg 40 000 Einwohner zählte. Als Kämpfer des sogenannten Islamischen Staates (IS) sich der Stadt näherten, hatte das junge Ehepaar bereits die Flucht ergriffen. Rozan, eine gelernte Grundschullehrerin, war zu diesem Zeitpunkt schwanger.

Ihr Weg führte über die Türkei nach Griechenland und weiter ins schwäbische Tuttlingen. Kamiran, der in Amuda als Schneider gearbeitet hatte, blieb in Griechenland. Notgedrungen. Das Ersparte reichte nur für ein Schleuserticket. Am 25. August brachte Rozan in Tuttlingen Natali zur Welt. Ohne Kamiran. Per Handy schickte Rozan ihm Fotos von sich und ihrem Baby.

Ein solches Foto war auch Ausgangspunkt für diese Geschichte. Als der Tuttlinger Oberbürgermeister Michael Beck 2014 die Unterkunft besuchte, in der Rozan anfangs untergebracht war, entstand ein gemeinsames Foto. Dieses Bild ging Beck nicht mehr aus dem Kopf. Weihnachten stand vor der Tür, und der OB fühlte sich beim Anblick der jungen Muslimin und ihres Babys an die biblische Geschichte erinnert: „Wie Maria mit dem Jesuskind . . .“

Davon erzählte er dem Berichterstatter aus Stuttgart, der damals auf Durchreise war. So entstand der Kontakt. Wenige Wochen später kam es zur ersten Begegnung mit der jungen Mutter und ihrem Kind. Rozan erzählte ihre Geschichte. Wiederum einige Wochen später war die junge kurdische Familie vereint – der Oberbürgermeister hatte viele Hebel in Bewegung gesetzt, um die Familienzusammenführung zu erreichen.

Bei einem zweiten Treffen, ein Jahr später, herrschte ungetrübtes Glück. Der Aufenthalt der Familie war gesichert. In einer Siedlung der Tuttlinger Wohnbau aus den fünfziger Jahren hatte sie eine Zweizimmerwohnung bezogen. Kamiran besuchte einen Deutschkurs, Rozan ging mit Natali häufig in die Stadtbibliothek. An Tuttlingen, mit 35 000 Einwohnern fast so groß wie ihre Heimatstadt Amuda, hatten die Farhos vieles schätzen gelernt. Vor allem die Sicherheit.

Auch jetzt, beim dritten Treffen mit der Familie Farho, reißen die guten Nachrichten nicht ab: Vor drei Jahren wurde Belan geboren, auf Deutsch König. Im Schlepptau von Natali flitzt der kleine König quietschend durchs Zimmer, krabbelt unter den Tisch und wieder hervor. Überquellendes Leben!

Kamiran, inzwischen 31, hat Arbeit gefunden. Nicht als Schneider, sondern als Lackierer in einem örtlichen Betrieb. Er wirkt stolz, schon so weit gekommen zu sein. Schneidern tut er zu Hause. Für Rozan. „Schauen Sie“, sagt er und zieht ein Notizbuch mit Kleiderentwürfen hervor. Die 27-Jährige errötet und wirft ihm liebe Blicke zu. Beide sprechen Deutsch, nur noch nicht flüssig. Natali, die in den Kindergarten geht, hat ihnen da etwas voraus. Doch ihre Eltern machen Fortschritte. In jeder Hinsicht. Die Farhos haben sich räumlich vergrößert. Sie wohnen jetzt in einer Drei-Zimmer-Wohnung in einem Mehrfamilienhaus im Osten der Stadt. Und sie haben ein Auto. Im Oktober wird ihr Leben nochmals ein ganzes Stück reicher: Rozan erwartet ihr drittes Kind. Der nächste Tuttlinger.

„Ihre Kinder sind die einzigen Tuttlinger hier im Raum“, sagt der Oberbürgermeister lachend an Rozan und Kamiran gewandt. Er selbst kommt aus Stetten am kalten Markt, Arno Specht, sein Sprecher, den er zu dem Besuch mitgebracht hat, aus dem Rheinland und der Berichterstatter aus Stuttgart. Nur die kleinen Farhos sind von hier.

An diesem Frühlingstag sitzt die Runde bei Tee und Kuchen zusammen, umkreist von der kleinen Prinzessin und dem kleinen König. Ihre Eltern sprechen über ihr neues Leben, berichten von positiven Alltagserfahrungen. Sie fühlen sich angekommen und aufgenommen, auch wenn sie noch wenige persönliche Kontakte geknüpft haben. Für Rozan und Kamiran zählt, „dass die Menschen freundlich zu uns sind“. Ihr Lebensmittelpunkt sind die Kinder. Oft gehen sie zusammen raus in die Natur, fahren Rad, spielen. Gelegentlich besuchen sie Rozans Brüder, die ebenfalls in Deutschland leben.

Für den Oberbürgermeister ist die Familie ein Musterbeispiel gelingender Integration, wissend, dass dieser Prozess nie abgeschlossen ist. „Integration ist eine Daueraufgabe“, sagt Beck mit Blick auf die rund 1000 Flüchtlinge, die in Tuttlingen leben. Darauf hatte er die Bürger frühzeitig eingestellt. „Ãœber eines müssen wir uns im Klaren sein: Viele von denen, die jetzt zu uns kommen, werden bleiben. Es liegt daher an uns, ob wir frühzeitig die Weichen für eine erfolgreiche Integration stellen oder ob wir durch Untätigkeit die Grundlagen für die sozialen Probleme der Zukunft legen“, schrieb er 2014 an die Bürger.

Beck hat Erfahrung. In den 1990er Jahren bearbeitete er als Verwaltungsrichter in Sigmaringen Tür an Tür mit dem heutigen Justizminister Guido Wolf Asylverfahren. 2014 zählte er zu den ersten Kommunalpolitikern, die die Dimensionen des Flüchtlingsthemas erkannten – und Schlussfolgerungen zogen. Sie lauteten: dezentrale Unterbringung der Ankommenden und intensive Integrationsarbeit. Anders, so Becks Ãœberzeugung, würde die Aufgabe nicht zu bewältigen sein. Gleichzeitig folgte der Christdemokrat einem inneren Kompass: „Wir sollten Willkommenskultur leben und nicht nur darüber reden.“ Das gab er den 2014 in Tuttlingen versammelten Delegierten des Grünen-Landesparteitags mit ins Reisegepäck.

Die Stadt selbst versucht, diesem Anspruch gerecht zu werden – nicht nur im Fall der anmutigen Rozan und ihrer Familie. Ehrenamtliche Helfer engagierten sich von Anfang an für die Ankommenden. Vergangenes Jahr haben fünf sogenannte Integrationsmanager die Arbeit aufgenommen. Finanziert werden die drei Vollzeitstellen über den „Pakt für Integration“ des Landes Baden-Württemberg. Sie unterstützen die Neubürger bei Behördengängen, helfen bei der Wohnungs- und Arbeitssuche und beraten Familien bei Fragen rund um Kindergarten und Schule. Mit etwa 100 Geflüchteten sind Integrationspläne vereinbart worden. Darin wird festgelegt, welche Sprachkurse besucht werden und welche Qualifizierungen notwendig sind. In 48 Fällen ist es nach Auskunft der Stadt bereits gelungen, Arbeitsstellen zu vermitteln. Das Konzept ist auf Langfristigkeit ausgerichtet.

Das ist auch der Zeitrahmen, in dem Rozan und Kamiran planen. Zu ihren Verwandten und Freunden in der alten Heimat halten sie Kontakt. An eine Rückkehr denkt die junge kurdische Familie jedoch nicht. „Deutschland ist unser neues Zuhause“, erklärt Kamiran, und Rozan nickt entschlossen. Die Lage in ihrer Heimatstadt Amuda sei derzeit zwar ruhig, sagen sie, sie wollten aber nicht mehr in einer Diktatur leben. Kamiran und Rozan schwärmen von Demokratie. Von Freiheit: „Nach Syrien zurück gehen wir dann, wenn es dort Demokratie gibt wie in Deutschland!“ Natali und Belan kennen ohnehin nur die neue, die Tuttlinger Welt.

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Erstellt:
7. Mai 2019, 02:04 Uhr

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