Neue Machtverhältnisse beim VfB

Porsche stellt vor der anstehenden Aufsichtsratssitzung klar, dass es von Präsident Claus Vogt eine Zusage gibt, den Vorsitz im Kontrollgremium abzugeben. Einen eigenen Führungsanspruch erhebt der neue Investor nicht. Wer könnte an die Spitze rücken?

Von Carlos Ubina

Stuttgart - In den Aufsichtsrat der VfB Stuttgart AG kommt Dynamik. Lutz Meschke und Albrecht Reimold werden das Kontrollgremium des Fußball-Bundesligisten ab diesem Donnerstag offiziell erweitern, und mit den beiden Vorstandsmitgliedern der Porsche AG verändern sich offenbar die Verhältnisse hinter den Kulissen.

Meschke und Reimold treten ihre Aufgabe beim VfB mit dem Anspruch an, sich im Aufsichtsrat aktiv mit ihrer Expertise einzubringen und die Zukunft der Stuttgarter mitzugestalten. Daran haben die Vertreter des neuen Investors zuletzt auf der Klausur des Aufsichtsrates keinen Zweifel aufkommen lassen. Auch, wenn sie dort nur als Gäste am Ball waren.

Wie berichtet, geht es dabei um die Frage, ob die beiden Ämter Vereinspräsident und Aufsichtsratsvorsitzender künftig voneinander getrennt werden. Porsche plädiert dafür, dass Claus Vogt das Kontrollgremium nicht mehr leitet. Droht damit ein neuer Machtkampf unterm roten Clubdach an der Mercedesstraße in Bad Cannstatt?

Nein, heißt es beim Autobauer in Zuffenhausen. „Nach intensiven Gesprächen mit Claus Vogt und den Mitgliedern des Aufsichtsrates möchte Porsche – wie von Claus Vogt zugesagt – einen Neuanfang im Aufsichtsrat mit einem neuen Aufsichtsratsvorsitzenden, der idealerweise aus dem Kreis der vom e. V. gestellten Aufsichtsratsmitglieder stammen sollte. Porsche strebt die Übernahme des Aufsichtsratsvorsitzes nicht an“, sagt ein Porsche-Sprecher auf Anfrage unserer Redaktion.

Damit werden zwei Sachverhalte klar. Erstens: Meschke, der dann ranghöchste Investorenvertreter im Aufsichtsrat, will die Führung nicht übernehmen. Der stellvertretende Vorstandsvorsitzende von Porsche vertraut auf eine gute Lösung aus der Gruppe. Zweitens: Porsche ist dennoch nicht gewillt, so weiterzumachen wie bisher. Vogt gilt nicht als entscheidungsfreudig und die Sitzungsverläufe sollen nicht nur von den Neulingen im Aufsichtsrat kritisch gesehen werden.

Außerdem bestätigt die Erklärung des Sportwagenherstellers zum einen die internen Diskussionen, die kontrovers verlaufen sein sollen, und zum anderen ermöglicht sie durch die gewählten Formulierungen mehrere Szenarien. Aus dem Vereinspräsidium könnten Rainer Adrion oder Christian Riethmüller auf Vogt folgen. Damit wäre zumindest gewährleistet, dass jemand vom Mehrheitseigner an der Spitze des Aufsichtsrates stünde.

Das wäre eine eventuelle Beruhigungspille für die VfB-Mitglieder, denen 2017 bei der Ausgliederung versprochen worden war, dass der Präsident gleichzeitig der Aufsichtsratsvorsitzende sein würde, um die Geschicke zu lenken. Nur: Schriftlich verankert ist die Zusage des damaligen Präsidenten Wolfgang Dietrich nicht.

Inwieweit sich Vogt an das Versprechen seines Vorgängers gebunden fühlt, ist eine der Fragen, die im Moment unbeantwortet bleiben. Auf wiederholte Anfrage heißt es beim Club, dass er sich nicht zu internen Abläufen äußere. Dennoch ist Vogt auch in der organisierten Anhängerschaft unter Druck geraten. Der als „Fan-Präsident“ bekannte 54-Jährige verliert offenbar an Rückhalt.

Verwunderung herrscht derweil bei Porsche, warum Vogt noch nicht mit den Mitgliedern in den Dialog getreten ist, um seine Beweggründe für die erwähnte Zustimmung zu nennen. Denn das Vorhaben ist lange bekannt. Jetzt vergrößert sich die Erklärungsnot, wenn jemand anders als Adrion oder Riethmüller den Vorsitz übernehmen sollte. Rein formal kann der Aufsichtsrat auf einer turnusgemäßen Sitzung wie an diesem Donnerstag jederzeit auch einen Investorenvertreter zum Chef wählen.

Das sind von der Mercedes-Benz-Group bisher Peter Schymon und Franz Reiner beziehungsweise vom Sportartikelhersteller Jako der Marketingvorstand Tobias Röschl. Wahrscheinlich ist das im Fall der Marke mit dem Stern nicht, da sich Mercedes seit dem Rückzug des ehemaligen Personalvorstands Wilfried Porth zurückhält.

Wird damit Tanja Gönner zur Führungsfigur, hinter der sich alle im Aufsichtsrat vereinigen können? Die frühere Landesministerin ist wie Beate Beck-Deharde und Alexander Kläger ebenfalls vom Verein bestellt. Und wie agiert Vogt, der sich zuletzt dagegen gewehrt haben soll, die Doppelfunktion aufzugeben? Trotz der Zusage, die aus dem vergangenen Sommer stammen soll, als das Weltmarkenbündnis präsentiert wurde – mit Porsche, Mercedes und der Porsche-Tochter MHP.

Das ergibt den viel beachteten 100-Millionen-Euro-Deal, an dem sich Porsche nicht nur mit den 41,5 Millionen Euro für die avisierten 10,4 Prozent der VfB-Anteile beteiligt. Die ersten 20 Millionen Euro sind angewiesen. Die zweite Tranche „kann“ im Sommer fließen, wie es in einer Mitteilung von Porsche aus dem Januar dazu heißt. Bedeutet: Die Überweisung des Geldes ist an Voraussetzungen geknüpft. Als Drohkulisse für den VfB will der Sportwagenhersteller das nicht verstanden wissen. Wohl aber als deutlichen Hinweis dafür, dass er sich nicht ausbremsen lassen will, wenn es an die Umsetzung der Vereinbarungen geht. Schließlich soll der VfB auf der Überholspur bleiben.

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Erstellt:
28. Februar 2024, 22:14 Uhr
Aktualisiert:
29. Februar 2024, 21:51 Uhr

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