Neue Schüsse im Stadtbezirk – und die Opfer schweigen
Die Reihe von bewaffneten Überfällen unter jungen Männern in Stuttgart-Weilimdorf setzt sich fort. Die meisten Fälle sind ungeklärt.
Von Wold-Dieter Obst
Stuttgart - Wieder hat es geknallt im Stadtbezirk Weilimdorf – mutmaßlich Schüsse aus einer Schreckschusswaffe. Bei einem Straßenraub oder einer Auseinandersetzung unter jungen Leuten in der Engelbergstraße im Weilimdorfer Stadtteil Giebel am Wochenende hat ein 17-Jähriger eine Kopfplatzwunde und Schürfungen erlitten. Geht das neue Jahr gerade so weiter, wie das alte geendet hatte? Die meisten Vorfälle sind bis heute ungeklärt geblieben.
Stecken Drogendeals dahinter?
Trotz eines großen Aufgebots von mehreren Streifenwagenbesatzungen und trotz Einsatz eines Polizeihubschraubers ist nicht viel herausgekommen bei der Fahndung nach einer unbekannten Gruppe, die am vergangenen Sonntag gegen 21.45 Uhr in der Engelbergstraße zugeschlagen hat. Ein 17-Jähriger war ins Visier der Angreifer geraten, die es auf dessen Bauchtasche mit mehreren Hundert Euro Bargeld abgesehen hatten. Das Opfer blieb mit einer blutenden Wunde am Kopf und Aufschürfungen an Armen und Beinen zurück. Ohrenzeugen hatten während des Vorfalls auch Schüsse wahrgenommen.
Die Beamten der Kriminalpolizei haben nicht gerade viele Ermittlungsansätze. Das Opfer selbst konnte oder wollte keine genaueren Angaben zu den Angreifern machen – womöglich hatte auch der 17-Jährige etwas zu den Hintergründen zu verbergen. Nicht ausgeschlossen wären beispielsweise Drogendeals.
Ein neu aufgetauchtes Video zeigt die Festnahme eines jungen Mannes durch die Polizei. Dabei handelt es sich aber um keinen Tatverdächtigen, sondern um einen 19 Jahre alten Begleiter des 17-Jährigen. Auch er gilt als Opfer. Weil er sich anscheinend aggressiv gebärdet, muss er sich auf den Boden legen, seine Hände werden hinter den Rücken gefesselt.
Auch die Angaben des 19-Jährigen zu den flüchtigen Tätern sind eher vage. Keine objektiven Spuren gibt es auch hinsichtlich der Schüsse. Hinweise auf eine scharfe Waffe gibt es laut Polizei nicht. Die Beamten haben überhaupt keine Patronenhülsen gefunden, auch nicht für Schreckschusswaffen. „Was auch nicht unbedingt der Fall sein muss“, sagt Polizeisprecher Tobias Kutter, „bei einem Revolver würden die Hülsen in der Trommel bleiben.“
Es ist nicht der einzige Zwischenfall in Weilimdorf, der ein Rätsel geblieben ist. Am 5. Februar gegen 22.45 Uhr war ein 22-Jähriger in der Thaerstraße von Passanten entdeckt worden. Er saß verletzt auf einem Stein nahe der Sporthalle der Wolfbuschschule und bat um Hilfe. Er hatte leichte Schnittverletzungen am Hinterkopf und im Gesicht. „Der Geschädigte gab an, dass sein Handy fehlt“, sagt Polizeisprecher Kutter, „ansonsten hat er sich nicht geäußert.“
Ungeklärt sind auch zwei Vorfälle, die sich am 15. Dezember vergangenen Jahres in der Engelbergstraße abgespielt hatten. Zwei 18 und 19 Jahre alte Männer waren gegen 16.50 Uhr von einer größeren Gruppe angegriffen, geschlagen, getreten und ausgeraubt worden. Die Täter entkamen mit Mobiltelefon, Sportjacke, Schmuck und etwas Bargeld. Die Unbekannten sollen 20 bis 30 Jahre alt, dunkel gekleidet und teilweise dunkelhäutig gewesen sein. Bei ihren Ermittlungen stieß die Polizei außerdem auf einen 15-Jährigen, der ebenfalls von einer größeren Gruppe angegriffen und verletzt worden war.
Immerhin: Bei der schlimmsten Auseinandersetzung am 6. Dezember auf einem Spielplatz an der Straße Beim Esel nahe der Solitudestraße konnten zwei Tatverdächtige ermittelt werden. Ein 16-Jähriger war bei einem Streit gegen 22.45 Uhr mit einem Bauchdurchschuss schwer verletzt worden. Wenige Tage später saßen zwei 16 und 18 Jahre alte Verdächtige aus Feuerbach und Gerlingen in Untersuchungshaft. Zeitweise war auch ein dritter Verdächtiger im Visier. Dagegen gibt es zu einer Bedrohung mit einer Schusswaffe am 29. November keine neuen Erkenntnisse.
Streetworker sind verstärkt im Einsatz
Doch lassen sich alle Jugendlichen über einen Kamm scheren? Die Streetworker der Mobilen Jugendarbeit sehen die Lage differenzierter – und sind seit Dezember verstärkt im Einsatz. „Sowohl im öffentlichen als auch im halböffentlichen Raum, etwa in Bars und Gaststätten, werden junge Menschen aufgesucht“, sagt Laura Reichert, stellvertretende Bereichsleiterin der Mobilen Jugendarbeit bei der Evangelischen Gesellschaft, die zusammen mit der Caritas Träger ist. Dabei sei bereits mit einer Vielzahl von Jugendlichen aus Weilimdorf, anderen Stadtbezirken und angrenzenden Kommunen gesprochen worden – über Gewalt und die einzelnen Vorfälle der zurückliegenden Zeit. Ob das geholfen hat, soll noch bilanziert werden, so Laura Reichert: „Zur Auswertung städtischer Ad-hoc-Maßnahmen ist die Teilnahme an einem runden Tisch mit Anwohnenden geplant.“
