Neue Sorten für Sulzbachs Schauwald

Die im Frühjahr geplante Feierstunde angesichts der Pflanzungen am Baumlehrpfad wurde nun nachgeholt. Einmal mehr weisen die Experten darauf hin: Angesichts des Klimawandels haben die heimischen Wälder einen schweren Stand.

Sie alle wollten „eine Schaufel voll“ zum Gelingen der Pflanzungen beitragen (von links): Förster Axel Kalmbach, Christian Lange (MdB, SPD), Leiterin Forstamt Backnang Dagmar Wulfes, Landrat Richard Sigel, Sulzbachs Bürgermeister Dieter Zahn und der Leiter des Forstbezirks Schwäbisch-Fränkischer Wald Martin Röhrs. Foto: J. Fiedler

© Jörg Fiedler

Sie alle wollten „eine Schaufel voll“ zum Gelingen der Pflanzungen beitragen (von links): Förster Axel Kalmbach, Christian Lange (MdB, SPD), Leiterin Forstamt Backnang Dagmar Wulfes, Landrat Richard Sigel, Sulzbachs Bürgermeister Dieter Zahn und der Leiter des Forstbezirks Schwäbisch-Fränkischer Wald Martin Röhrs. Foto: J. Fiedler

Von Ute Gruber

SULZBACH AN DER MURR. Auch am Sulzbacher Baumlehrpfad am Utschberg, dem sogenannten Arboretum, sind die vergangenen heißen und trockenen Sommer nicht folgenlos vorbeigegangen. Zahlreiche der in den 70er-Jahren hier zu Anschauungszwecken beschilderten 30 vorhandenen einheimischen und gepflanzten exotischen Baumarten sind in den letzten Jahren abgestorben und mussten nun ersetzt werden. Und das nicht aus Altersschwäche, wie Bürgermeister Dieter Zahn in seiner Ansprache zur jetzt nachgeholten Feierstunde betonte: „Bei einer Lebenserwartung von oft mehreren Hundert Jahren waren die nach 50 Jahren ja sozusagen noch in der Kinderschule.“

In Anbetracht des sich wandelnden Klimas hat die Gemeinde bei der Wiederbepflanzung des trockenen Südhanges bewusst auf Baumarten gesetzt, die den Ruf haben, mit trocken-heißer Witterung besser zurechtzukommen als die bisher im Schwäbischen Wald vorherrschenden Baumarten Fichte, Buche und Tanne. Elsbeere und Speierling zum Beispiel, die hierzulande vor allem in Eichenwäldern vorkommen, seither aber nicht konkurrenzfähig waren gegen die genannten wüchsigen Arten. Auch Esskastanien wurden gepflanzt – diese um das Mittelmeer heimische Art gedeiht schon lange in der sonnigen Pfalz und anderen süddeutschen Weinbaugebieten. Dazu kommen mit Baumhasel und Tulpenbaum zwei Exoten aus dem Balkan, beziehungsweise aus Nordost-Amerika, die sich aber schon als dekorative Parkbäume in deutschen Städten bewährt haben. Diese fünf Arten wurden von Kommunalförster Axel Kalmbach unter dem Gesichtspunkt der Klimastabilität ausgewählt.

Bei den Pflanzungen handelt es sich um ein Versuchsprojekt.

Somit handelt es sich bei dieser Pflanzung zugleich um ein Versuchsprojekt, denn wohin sich unser Wald in Zukunft entwickeln wird, ist selbst den Fachleuten noch nicht klar. So schaut Dagmar Wulfes, die als neue Leiterin des Kreisforstamtes auch für den Sulzbacher Gemeindewald zuständig ist, traurig auf die drei verbliebenen Libanon-Zedern im Arboretum, die inzwischen fast ohne Nadeln dastehen. Als dürreresistente Bäume aus dem Vorderen Orient waren auch sie Hoffnungsträger im Klimawandel gewesen. „Wir müssen mal sehen, was denen gefehlt hat“, meint die Fachfrau betrübt, „wenn sie dann gefällt sind.“

Von jeder neuen Art wurde ein Grüppchen von fünf schon mehrjährigen Pflanzen gesetzt und zwar bereits im Frühjahr. Damals war eine öffentliche Feierstunde allerdings aus den bekannten Gründen unmöglich. Dies wurde nun nachgeholt – bei bestem Waldwetter – nämlich Nieselregen – und, wie Landrat Richard Sigel augenzwinkernd anmerkte, bei einer Schaufellänge Abstand. Also ganz coronakonform.

Rund 25 Gäste aus Einrichtungen mit Waldbezug wie ForstBW, Kreisforstamt, SDW, Albverein, Schwäbischer Wald Tourismus machen sich mit Gemeinderat, Bürgermeister, katholischem Pfarrer und Landrat an die feierliche Pflanzung des letzten Baumes, einer Esskastanie. Landrat Richard Sigel hat dabei eine besondere Funktion: Aus dem Landratsamt kommt nämlich die Finanzierung dieses Projektes, das nicht nur der Erholung, sondern auch der Aufklärung und Bildung in der waldreichen Gemeinde dienen soll. „4000 Euro stammen aus der Rems-Murr-Stiftung“, erläutert er in seiner Ansprache. Die seien hier pädagogisch sinnvoll angelegt.

Azubis spenden ihr Preisgeld vom Klimawettbewerb.

„Was mich aber ganz besonders freut, sind die 1000 Euro, die unsere Azubis Melanie Maier und Nils Pillkann gespendet haben. Das war nämlich ihr Preisgeld beim bundesweiten Wettbewerb um das beste ‚Kommunale Klima- und Energiescout-Projekt‘. Das haben die hier gleich wieder klimafreundlich investiert.“ Die beiden jungen Leute aus ganz verschiedenen Bereichen des Landratsamts, nämlich Kreissozialamt und Straßenbauamt, hatten beim Bundesumweltministerium ihr Papiersparprojekt „AZUB1S GO D1G1TAL – Papiereinsparung durch Digitalisierung“ eingereicht und einen der ersten Preise gewonnen. „Das Projekt ist ein Musterbeispiel, das zeigt, dass junge Menschen Ideen für Veränderungen haben und schon in der Ausbildung mitgestalten können“, so der Landrat weiter.

Mit dem Geld wurden nicht nur die Bäume gekauft, sondern auch gleich die Schautäfelchen erneuert und Flyer als Kurzführer zum Arboretum neu gestaltet. Auch soll die Aktion bei der Initiative des Gemeindetags „1000 Bäume für 1000 Gemeinden“ aufgenommen werden, mit der Kommunen in Baden-Württemberg einen Beitrag zur Artenvielfalt einerseits und CO2-Bindung andererseits leisten wollen. Laut Bürgermeister Dieter Zahn wird die Gemeinde Sulzbach bis Ende des Jahres an die 8000 Jungbäume gepflanzt haben. Dabei handelt es sich freilich um gängige und viel jüngere Forstpflanzen, die deutlich billiger sind als die Exemplare im Schauwald. Dennoch: Das Soll von 1000 hat man dann bei Weitem überschritten.

Und während die drei Forstwirte der Gemeinde sicherheitshalber den Boden um das neu gepflanzte Bäumchen nochmals fachmännisch festträppeln, entdeckt eine Gemeinderätin bereits die ersten Früchte an den Heilsbringern: „Oh, da hast’s ja schon Maroni! Da müssen wir mal vorbeikommen“, plant sie. „Da müssen Sie sich aber beeilen“, wirft ein Waldarbeiter daraufhin ein, und weist auf das umgewühlte Laub am Waldboden: „Die Schwarzkittel war’n auch schon da.“

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Erstellt:
16. Oktober 2020, 11:30 Uhr

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