Praktische Erfindung
Neue Zahnpasta stoppt Parodontitis-Erreger
Parodontitis ist weit verbreitet und kann gravierende Folgen für die Gesundheit haben. Forscher haben eine Substanz entdeckt, die gezielt nur die Keime ausbremst, welche Parodontitis auslösen.
© © PerioTrap
Porphyromonas gingivalis (orange), der Inhaltsstoff (blau) und gesundes Mikrobiom am Übergang von Zahnfleisch zu Zahn.
Von Markus Brauer
Die Mund- und Rachenregion des Menschen beherbergt mehr als 700 verschiedene Bakterienarten. Einige wenige können Parodontitis verursachen, die innerhalb der Plaque vor allem am Zahnfleischrand haften und dort Entzündungen (Gingivitis) verursachen.
Eine daraus möglicherweise resultierende chronische Parodontitis führt nicht nur dazu, dass sich das Zahnfleisch zurückzieht und die Zähne locker werden. Gelangen die Bakterien in den Blutkreislauf, kann das auch die Entstehung von Diabetes, Rheuma, Arthritis, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, chronisch entzündliche Darmerkrankungen und sogar Alzheimer begünstigen.
Wenn die Mundflora aus dem Gleichgewicht gerät
Herkömmliche Mund-Pflegeprodukte – etwa als Mundspülungen mit Alkohol oder mit dem Antiseptikum Chlorhexidin – töten zwar die Pathogene, aber auch alle anderen Keime.
Wenn sich die Mundflora nach der Behandlung wieder aufbaut, haben pathogene Keime wie Porphyromonas gingivalis einen Startvorteil, weil sie sich auf entzündetem Zahnfleisch besonders gut vermehren können. Die gesunden Keime hingegen wachsen langsamer, und die Mundflora kippt schnell wieder aus dem natürlichen Gleichgewicht in eine Dysbiose: Die Krankheit kehrt immer wieder zurück.
Guanidinoethylbenzylamino Imidazopyridine Acetat: Was ist das?
Forscher aus dem Fraunhofer-Institut für Zelltherapie und Immunologie IZI am Standort Halle haben eine Substanz identifiziert, die gezielt schädliche Erreger wie Porphyromonas gingivalis blockiert, die anderen Keime aber verschont.
Stephan Schilling, Leiter der Fraunhofer-IZI-Außenstelle Molekulare Wirkstoffbiochemie und Therapieentwicklung, erklärt die besondere Wirkweise der Substanz mit dem Namen Guanidinoethylbenzylamino Imidazopyridine Acetat: „Sie tötet die Gingivitis-Erreger nicht einfach ab, sondern blockiert nur deren Wachstum. Sie können ihre giftige Wirkung nicht entfalten, und die gesunden Keime können ihnen sonst verwehrte Nischen besetzen. So hilft der Stoff im Einklang mit den gesunden Bakterien, das mikrobielle Gleichgewicht im Mund sanft aufzubauen und stabil zu halten.“
Vom Wirkstoff zur Zahnpasta
Ersten Studien zufolge verringern sich durch die hemmende Substanz die Biofilmbeläge auf den Zähnen um rund 25 Prozent, auch die bakterielle Aktivität dieser Biofilme geht zurück. Außerdem kann der Erreger laut der Forscher das Eindringen von Porphyromonas gingivalis in das Zahnfleischgewebe hemmen und auch die Entzündungsmarker sinken.
Doch um aus der Substanz eine wirksame und marktreife Zahnpasta zu entwickeln, war noch einiges an Arbeit nötig. Denn das Produkt muss die unerwünschten Keime blockieren, darf aber nicht toxisch sein. Es darf nicht vom Organismus absorbiert werden und ins Blut gelangen, auch sollte es keine Verfärbungen auf den Zähnen erzeugen.
Hochwertiges Zahnpflegeprodukt in medizinischer Qualität
Um diese Untersuchungen durchzuführen und die Zahnpasta fertigzustellen, haben einige Fraunhofer-Forschende im Jahr 2018 die Firma PerioTrap Pharmaceuticals gegründet.
In enger Zusammenarbeit mit dem Fraunhofer IZI und dem Fraunhofer-Institut für Mikrostruktur von Werkstoffen und Systemen IMWS entstand seither die PerioTrap-Zahnpasta. „Das Produkt dient der Vorbeugung von Parodontitis. Wie eine normale Zahnpasta enthält es aber auch Putzstoffe und Fluorid zur Vorbeugung von Karies“, erklärt Mirko Buchholz, einer der Gründer des Fraunhofer-Spin-offs.
Schilling ergänzt: „Wir haben nicht einfach eine gute Zahnpasta mit einer neuen Substanz entwickelt, sondern ein hochwertiges Zahnpflegeprodukt in medizinischer Qualität.“
Sogar Haustiere könnten in Zukunft in den Genuss dieser speziellen Zahnpflege kommen. Da die Paradontitis-Erkrankung bei Hunden und Katzen ganz ähnliche Ursachen hat, stehen auch Produkte für die Pflege von Haustieren auf der Agenda.
