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Neuer Vorstoß beim Nordostring

Rüdiger Stihl möchte die ganze Strecke unterirdisch führen und so die Interessen von Autofahrern und Naturschützern zugleich wahren

Der Nordostring ist tot, es lebe das „Landschaftsmodell Nordostring“? Ist dieser Plan die Eier legende Wollmilchsau, der große Wurf, der Autofahrer und Naturschützer versöhnen kann? Mit einer kühnen Idee tritt Rüdiger Stihl an die Öffentlichkeit: Er wirbt für eine vierspurige Straße von der B10/B27 bei Kornwestheim bis zur B14/B29 bei Waiblingen – die aber nicht die Landschaft zerschneiden, sondern auf rund elf Kilometern Länge nahezu komplett als Tunnel verlaufen soll.

Die vierspurige Straße soll von der B14/B29 bei Waiblingen zur B10/B27 bei Kornwestheim führen.

© Architekturbüro Grub + Lejeune

Die vierspurige Straße soll von der B14/B29 bei Waiblingen zur B10/B27 bei Kornwestheim führen.

Von Peter Schwarz

WAIBLINGEN. Das Thema Nordostring ist ein (kommunal-)politischer Dauerbrenner. Seit Jahrzehnten werden Vorschläge gemacht, diskutiert und wieder verworfen. Nun also kommt ein weiterer Vorschlag von Rüdiger Stihl.

Wie kommt Stihl auf die Idee?

Die Debatte um den Nordostring ist seit Jahrzehnten festgefahren. Die einen sagen: Wir ersticken im Stau, wir brauchen diese Straße! Die anderen sagen: Es ist ökologischer Wahnsinn, eine der letzten großen Freiflächen im Großraum Stuttgart auch noch zu verbauen! Die einen sagen zu den anderen: Ihr seid Verkehrsverhinderer und Spargelanbeter! Die anderen sagen zu den einen: Ihr seid Naturvernichter und Asphaltanbeter! Rüdiger Stihl will die verhärteten Fronten aufbrechen.

Könnte das die Lösung sein?

Einerseits: Der Nordostring „in offener Trassenführung zerschneidet die Landschaft“, sagt Stihl – es sei „sehr verständlich, dass viele Menschen sich dagegen wehren. Intakte Landschaften dürfen nicht der Verkehrsoptimierung zum Opfer fallen.“ Andererseits: Im Großraum Stuttgart stehe der Autofahrer pro Jahr im Schnitt 40 Stunden im Stau, der volkswirtschaftliche Schaden liege bei fast einer Milliarde Euro pro Jahr – „wir brauchen eine Entlastung“. Also was denn nun? „Die Landschaft retten“? Den Stau auflösen? Stihl will aus diesem Entweder-oder ein Sowohl-als-auch machen – „der Verkehr verschwindet in den Tunnelröhren“. Das könne ein „Modell für alle Ballungsräume Europas“ werden.

Wie ausgegoren ist der Plan?

„Um die Idee zum Tragen zu bringen, brauchen wir eine richtig gute Machbarkeitsstudie“ – das war Rüdiger Stihl früh klar. Deshalb hat er 250000 Euro aufgetrieben bei den Firmen Bosch, Daimler, Kärcher, Lapp, Mahle, Stihl und Trumpf. Die bundesweit renommierte Münchner Planungsgesellschaft Obermeyer wurde beauftragt, ein detailliertes Konzept zu erarbeiten – es ersetze zwar keine konkrete Planung, tauge aber als „vertiefte Machbarkeitsstudie“, sagt Helmuth Ammerl vom Büro Obermeyer.

Wie sieht die Straße im Detail aus?

Siehe Grafik. Die vierspurige Straße verläuft auf fast elf Kilometern weitestgehend unterirdisch, nur ab und zu erblickt der Autofahrer das Tageslicht, wenn er die Anschlussstellen bei Waiblingen, Hegnach und Remseck passiert. Die Tunnel sollen teilweise in offener, teilweise in bergmännischer Bauweise angelegt werden. Offen, das heißt: Die Trasse wird nur leicht tiefergelegt und dann mit einem Gründeckel versehen. Bergmännisch, das heißt: Hier wird richtig ins Erdreich hineingebohrt. Der spektakulärste Abschnitt ist die Neckar-Unterquerung bei Remseck: Die Strecke soll in 30 bis 40 Metern Tiefe unter dem Fluss hindurchführen. Charmantes Detail: Der nordwärts führende Teil der Waiblinger Westumfahrung soll ebenfalls versenkt werden. Hier würde also ein etwa einen Kilometer langes Stück Straße quasi renaturiert, aus Grau würde Grün.

Was soll das kosten?

Knapp 1,2 Milliarden Euro. Macht etwa 110 Millionen Euro pro Kilometer Straße. Zum Vergleich: Der Nordostring oberirdisch wurde bisher mit gut 200 Millionen Euro ausgepreist. Es geht also etwa um eine Versechsfachung der Kosten.

Was steht dem als Nutzen entgegen?

Die Machbarkeitsstudie rechnet mit Zeiteinsparungen im Personen- wie Güterverkehr und weniger Abgas- und Lärmbelastung für die umliegenden Gemeinden. Der „Nutzen-Barwert“ sei höher als die Baukosten. Kernbotschaft: Es lohne sich.

Ist Stihls Vorgehen legitim?

Sagen jetzt schon Wirtschaftsbosse der Politik, was gebaut wird? Diese böse Frage wird sicher aufgären – der Vorwurf ist in diesem Falle aber ungerecht. Stihl hat nicht den Weg des Hinterzimmer-Gekungels gewählt – er legt eine Diskussionsgrundlage öffentlich auf den Tisch. Um „gleichen Informationsstand“ zu schaffen, habe er auch die ringkritische Initiative Arge Nordost angeschrieben. „Wir sind offen für den Dialog. Wir suchen einen konsensfähigen Weg, um die Diskussion voranzubringen.“

Entsteht hier eine Ersatzautobahn?

Wenn der Nordostring – egal, ob ober- oder unterirdisch – kommt, kann man vierspurig von Kornwestheim über Waiblingen und Schorndorf bis Gmünd fahren; und hinter Gmünd ist der Abschnitt bis Aalen auch schon teilweise autobahnähnlich ausgebaut. So entsteht Puzzlestück um Puzzlestück eine für den Fernverkehr attraktive Alternative zu A6 und A8. Und dann werde die B29 endgültig zugemüllt mit Lastwagen, sagen Kritiker. Helmuth Ammerl vom Planungsbüro Obermeyer räumt dazu sympathisch ehrlich ein: Ja, der Nordostring werde „verkehrsanziehende Wirkung haben“. Genaue Aufschlüsse könne nur eine „weitere Untersuchung“ geben.

Wird das wirklich kommen?

Falls die Politik „heute beschließen“ würde, diese Straße so zu bauen – dann, schätzt Rüdiger Stihl, würden immer noch „zehn Jahre bis zum ersten Spatenstich“ vergehen. Aber das ist graue Theorie. Erst mal müsste der Bund – zuständig für die Finanzierung – mit Brief und Siegel bestätigen: Ja, wir machen 1,2 Milliarden statt 200 Millionen locker. Dann müsste das Land – zuständig für die Planung – sagen: Ja, das packen wir jetzt gerne an. Wird es je dazu kommen? „Ich bin vorsichtig optimistisch“, sagt Rüdiger Stihl.

Wo gibt es mehr Infos?

www.landschaftsmodell-nordostring.de.

Info
IHK begrüßt die Initiative der Unternehmen

Die Industrie- und Handelskammer (IHK) Region Stuttgart bewertet den Vorstoß einiger Unternehmen aus der Region für eine verbesserte Straßenverbindung der Landkreise Rems-Murr und Ludwigsburg positiv.

Die von einer privatwirtschaftlichen Initiative aus der Mitte der im betroffenen Raum ansässigen Unternehmerschaft vorgelegte neue Variante kann die Diskussion über die Verbindung zwischen dem südlichen Kreis Ludwigsburg und dem Rems-Murr-Kreis positiv beleben, so die Präsidenten der IHK-Bezirkskammern Ludwigsburg und Rems-Murr, Albrecht Kruse und Claus Paal.

Die Präsidentin der IHK Region Stuttgart, Marjoke Breuning, betont, dass die Frage, ob und wie die Verbindung zwischen den beiden wirtschaftsstarken Teilbereichen der Region verbessert werden soll, auch innerhalb der Mitgliedsunternehmen der IHK Region Stuttgart ein kontrovers diskutiertes Thema sei.

Nach Ansicht von Breuning, Kruse und Paal sollte die Chance genutzt werden, einen Prozess anzustoßen, der transparent und ergebnisoffen eine konsensfähige Lösung für eine gute Verbindung der beiden Teilräume Ludwigsburg und Waiblingen sucht.

Claus Paal ergänzt, die Filderauffahrt sollte als echte Entlastung der Stuttgarter Innenstadt wieder wesentlich mehr in den Fokus der Diskussionen gerückt werden.

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Erstellt:
22. Januar 2020, 06:00 Uhr

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