Neun gute Jahre gehen zu Ende

Differenzen über Sanierungskosten führen zur Schließung des Nah-und-gut-Marktes – Familie Raimund blickt dankbar auf ihre Zeit in Althütte zurück

Wenn sich am kommenden Samstag dieLadentür hinter dem letzten Kunden schließt, geht in Althütte eine Ära zu Ende. Dann gibt es keinen Lebensmittelmarkt in der Gemeinde mehr. Marcus und Cornelia Raimund verlassen Althütte mit Wehmut und Dankbarkeit. Sie hinterlassen eine Lücke in der Versorgung, die vor allem ältere und wenig mobile Kunden schmerzt.

Stefanie Riedner, Marcus und Cornelia Raimund, Melanie Kugler und Hannah Gräter (von links) zwischen den leeren Regalen des Nah-und-gut-Marktes. Fehlen werden sie in Althütte, das haben die Kunden ihnen deutlich gezeigt. Denn der Laden war auch ein Treffpunkt für die Bewohner. Foto: T. Sellmaier

© Tobias Sellmaier

Stefanie Riedner, Marcus und Cornelia Raimund, Melanie Kugler und Hannah Gräter (von links) zwischen den leeren Regalen des Nah-und-gut-Marktes. Fehlen werden sie in Althütte, das haben die Kunden ihnen deutlich gezeigt. Denn der Laden war auch ein Treffpunkt für die Bewohner. Foto: T. Sellmaier

Von Annette Hohnerlein

ALTHÜTTE. „Es gibt Kunden, die sind verzweifelt und wissen nicht, was sie jetzt machen sollen. Manche haben sogar geweint“, erzählt Cornelia Raimund, die seit neun Jahren zusammen mit ihrem Mann Marcus den Nah-und-gut-Markt in der Schulstraße betreibt. Unter ihren Stammkunden gibt es einige, die mit dem Rollstuhl oder dem Rollator kommen. Für manche sei der Einkauf der einzige Anlass gewesen, mal aus den eigenen vier Wänden rauszukommen. Und im Laden traf man auch meistens jemanden, um ein Schwätzchen zu halten. „Hier war ein Treffpunkt und Kommunikationszentrum“, sagt Cornelia Raimund. Als im Sommer bekannt wurde, dass der Markt schließen wird, sei es zu Irritationen und Unverständnis unter den Kunden gekommen. Diese hätten aber in persönlichen Gesprächen ausgeräumt werden können.

„Wir haben tolle Kunden gehabt.Es tut uns weh, hier wegzugehen“

Mit Beginn des Ausverkaufs mit 30 Prozent Nachlass habe ein regelrechter Ansturm eingesetzt, erzählt die Einzelhandelskauffrau, manch einer habe seinen Einkaufswagen bis zum Rand gefüllt. Inzwischen sind die meisten Waren verkauft, die Regale weitgehend leer. Von zeitweise neun Mitarbeitern sind noch zwei übrig geblieben, Stefanie Riedner und Melanie Kugler. Beide haben gleichzeitig mit den Raimunds im Markt angefangen und halten ihnen bis zum Schluss die Treue, genau wie die Minijobberin Hannah Gräter, die immer samstags ausgeholfen hat.

Am Eingang steht auf einer Staffelei das Bild eines Schornsteinfegers, der dem Ehepaar für die Zukunft viel Glück wünscht, darunter ein dickes „Danke“. Viele Kunden haben sich mit ihrer Unterschrift diesen Wünschen angeschlossen. Cornelia und Marcus Raimund arbeiten zusammen, seit sie sich kennen. Teppiche, Wein, Mode, Lebensmittel: Alles haben sie schon verkauft. „Uns liegt Kaufmann immer schon im Blut“, bekräftigt Cornelia Raimund. 2011 übernahmen die beiden den Lebensmittelmarkt von Marianne Bauer, die noch bis zu ihrem Renteneintritt vor rund fünf Jahren im Laden mitgearbeitet hat. „Die Leute waren dankbar, das hat man gemerkt. Wir haben tolle, treue Kunden gehabt. Die neun Jahre in Althütte waren ein Zugewinn für unser Leben. Es tut uns weh, hier wegzugehen“, blickt Cornelia Raimund wehmütig zurück.

Dass die beiden 50-Jährigen ihre Zelte in Althütte abbrechen, hat in erster Linie finanzielle Gründe. Um den Laden weiter zu betreiben, wären große Investitionen notwendig gewesen: eine Klimaanlage, neue Kassen, ein neues Computersystem, ein Vordach für die Anlieferung, Bodensanierungen im Außenbereich. Dazu kamen Mängel am Gebäude, die das Arbeiten erschwerten. So kam es immer wieder zu Wasserschäden durch gebrochene Rohre. Alles in allem wären 200000 Euro aufzubringen gewesen.

Mit der Gemeinde, die die Immobilie 2017 gekauft hatte, um den Fortbestand des Geschäfts zu sichern, war man sich nicht einig geworden, wer welche Kosten zu tragen hat. „Wir sind vom Vermieter nicht unterstützt worden“, klagt Cornelia Raimund. Bürgermeister Reinhold Sczuka dagegen verweist auf den Bestandsschutz, der den Raimunds nach der Unterschriftenaktion Ende 2018 gegeben wurde, und sagt: „Wir sind ihnen weit entgegengekommen.“ Dennoch sind beide Seiten bemüht, im Guten auseinanderzugehen. „Man hat ein gutes Miteinander gehabt. Sie haben den Laden mit Engagement betrieben und hinterlassen eine große Lücke“, so Sczuka. Und Cornelia Raimund versichert: „Wir gehen nicht im Groll, sondern mit Dankbarkeit.“

Zu den Differenzen über die anstehenden Investitionen kam ein weiteres Problem hinzu: Die 300 Quadratmeter des Ladens sind eigentlich zu wenig. „Es kommen immer neue Trends dazu: Super Food, glutenfreie oder vegane Lebensmittel. Dafür fällt aber nichts aus dem Sortiment weg“, berichtet Cornelia Raimund. Die Eröffnung des Edeka-Marktes in Lippoldsweiler hätten sie deutlich gespürt, die Umsatzeinbußen hätten aber durch den Getränkelieferservice und die Aufgabe der Backtheke aufgefangen werden können. Ein Umzug in einen neuen Standort beim Feuerwehrgerätehaus, den die Verwaltung in den nächsten Jahren entwickeln wird, war für die Raimunds keine Option.

Abschiedsfest am Samstagnach Ladenschluss

Wenn am Samstag der letzte Kunde den Laden verlassen hat, wird es ein Abschiedsfest geben, das die Bierfreunde Althütte organisieren. Und wie geht es danach weiter? Zunächst werden Marcus und Cornelia Raimund bis Ende Januar den Laden ausräumen. Danach wird sich alles Weitere finden. „Wir müssen erst mal den Kopf freikriegen und uns dann in Ruhe umschauen. Wir sind offen für alles“, sagt Cornelia Raimund. Angst vor dem neuen Lebensabschnitt hätten sie und ihr Mann nicht; Einzelhandelsfachleute seien gesucht. Allerdings werden sie wohl keine selbstständige Tätigkeit mehr anstreben. Denn nach vielen arbeitsintensiven Jahren wünschen sie sich einen Job, der ihnen mehr Freizeit lässt.

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Erstellt:
9. Januar 2020, 06:00 Uhr

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