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Neuseeland hat seine Unschuld verloren

Zahl der Toten steigt auf 50 – Seehofer sieht auch religiöse Einrichtungen in Deutschland als mögliche Terrorziele

Christchurch Linwood ist nicht schön, schon gar nicht an solch einem grauen Tag. Die Geschäfte sehen noch schäbiger aus als sonst. Der Salon, der Schönheit, künstliche Fingernägel und Körperbehandlungen verkauft, der Alkohol-Laden und die Spielhalle, alles in einer Reihe. Alles billig. Hier will niemand wohnen, der Wert auf Sicherheit legt. Schlägereien, Einbrüche, Drogen sind an der Tagesordnung. Doch an diesem Tag lungert niemand herum. Ein quer stehender Polizeibus blockiert die Fahrbahn, auf dem begrünten Mittelstreifen stehen mit Gewehren bewaffnete Polizisten. Der Terror hat das selbst ernannte Paradies Neuseeland eingeholt, das Land, titelt die in Christchurch erscheinende Tageszeitung „The Press“, „hat seine Unschuld verloren“.

An vielen Orten in der 350 000-Einwohner-Stadt wird jetzt der 50 Todesopfer des rechtsextremistischen Anschlags auf zwei Moscheen gedacht: vor den Gotteshäusern und vor den Krankenhäusern, wo mehr als 30 Leute immer noch in Behandlung sind. Die Furcht ist groß, dass nicht alle durchkommen.

Die Opfer kommen aus Einwandererfamilien. Viele Flüchtlinge sind darunter. Die Familie von Khaled Mustafa aus Syrien zum Beispiel hatte gehofft, nach all dem Leid zu Hause eine sichere neue Heimat gefunden zu haben. Jetzt ist der Vater tot. Hamza, einer der Söhne, gilt offiziell als vermisst. Zaid, ein anderer Sohn, musste sechs Stunden lang operiert werden. Nach einer – noch inoffiziellen – Liste der Behörden ist das jüngste Todesopfer drei Jahre alt, das älteste 77. Mit großer Wahrscheinlichkeit sind alle muslimischen Glaubens. Noch aber sind nicht alle identifiziert.

Das Massaker geht allem Anschein nach auf das Konto eines Rassisten. Dem 28-jährigen Australier, der seit mehreren Jahren in Neuseeland lebte, droht nun lebenslange Haft wegen vielfachen Mordes. Kurz vor der Tat stellte er eine 74-seitige Kampfschrift mit rechtsextremen Parolen ins Internet und verschickte sie auch per E-Mail. Muslime und Immigranten nennt er darin „Invasoren“, sich selbst bezeichnet er als Rassisten. Die Polizei geht inzwischen davon aus, dass der Täter allein unterwegs war.

Am Sonntag stellte die Premierministerin Jacinda Ardern klar, dass er in Neuseeland vor Gericht kommen wird – und nicht etwa in seiner Heimat Australien, wie spekuliert wurde. Ardern bestätigt auch, dass in ihrem Büro neun Minuten vor der Tat eine E-Mail des ehemaligen Fitnesstrainers einging, mit seiner Kampfschrift im Anhang. Sie wertet den Angriff als „Terrorakt“. In der Mail habe es aber keine Hinweise auf den Tatort gegeben. Nichts, womit man das Massaker noch hätte verhindern können.

Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) hat auch religiöse Einrichtungen in Deutschland als mögliche Ziele von Terroristen bezeichnet. Auf die Frage, ob Moscheen in Deutschland künftig ähnlich geschützt werden müssten wie Synagogen, sagte er der „Bild“-Zeitung: „Wenn es Anhaltspunkte für Gefahren gibt, wird der Schutz verstärkt.“ Bei akutem Bedarf würden auch Moscheen mit erhöhtem Personalaufwand geschützt, sagte der CSU-Politiker. „Die Polizeibehörden der Länder beraten gefährdete Einrichtungen, wo nötig und gewünscht.“ Mit großem personellem Aufwand werde Objektschutz geleistet, zudem gebe es, wenn erforderlich, auch Personenschutzmaßnahmen.

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Erstellt:
18. März 2019, 03:04 Uhr

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