„Nicht alle starten vom selben Niveau“

Das Interview: Am Ende eines ungewöhnlichen Schuljahres zieht Schulamtsdirektorin Sabine Hagenmüller-Gehring Bilanz.

„Unsere Schulen bereiten sich auf alles vor.“ Schulamtsleiterin Sabine Hagenmüller-Gehring schließt Fern- oder Wechselunterricht im Herbst nicht aus. Foto: J. Fiedler

© Jörg Fiedler

„Unsere Schulen bereiten sich auf alles vor.“ Schulamtsleiterin Sabine Hagenmüller-Gehring schließt Fern- oder Wechselunterricht im Herbst nicht aus. Foto: J. Fiedler

Das Schuljahr, das jetzt zu Ende geht, ist schon das zweite, das coronabedingt nicht wie geplant ablaufen konnte. Wie haben Sie den erneuten Lockdown an den Schulen ab Mitte Dezember erlebt?

Man hat ihn vorhersehen können, denn die Infektionszahlen waren in den Wochen davor rasant angestiegen. Als es dann so weit war, waren wir erst mal froh, weil wir gemerkt hatten, dass die Schulen so nicht mehr funktionieren. Wir hatten natürlich gehofft, dass sich die Situation in den Weihnachtsferien beruhigt – das war aber leider nicht der Fall. Die Zeit danach war dann wirklich schwierig, weil die Schulen und auch die Eltern permanent in Wartestellung waren.

Im Gegensatz zum ersten Lockdown waren die Schulen diesmal nicht mehr völlig unvorbereitet. Hat der digitale Unterricht besser funktioniert?

Auf jeden Fall. Die Schulen wussten ja schon seit den Sommerferien: Dieses Schuljahr wird nicht normal. Deshalb haben alle ihre Konzeptionen weiterentwickelt, auch die technische Ausstattung wurde verbessert. Dadurch konnte der Unterricht auf Distanz viel geregelter stattfinden. Das Kultusministerium hat dann ja auch Qualitätsstandards für den Fernunterricht definiert.

Welche Vorgaben hatten die Schulen konkret?

Zum Beispiel wurde klar geregelt, wie oft ein Lehrer Kontakt zu seinen Schülern haben muss. Dieses Papier hat Klarheit für alle Seiten gebracht. Das gab uns dann auch die Möglichkeit zu reagieren, etwa wenn es Beschwerden von Eltern gab.

Das Schuljahr hatte im vergangenen September in voller Präsenz begonnen, was aber dazu geführt hat, dass immer wieder ganze Klassen in Quarantäne mussten. Wäre es rückblickend nicht sinnvoller gewesen, von Anfang an auf ein gemischtes Konzept aus Präsenz- und Digitalunterricht zu setzen?

Im Sommer waren ja noch alle hoffnungsvoll, dass die Kinder wieder überwiegend in Präsenz unterrichtet werden können. Und die Schulen hatten auch Konzepte, wie das mit Corona funktionieren könnte. Mit steigenden Infektionszahlen wurde es dann allerdings immer schwieriger, diese Konzepte noch umzusetzen.

Im Herbst kam die Maskenpflicht im Unterricht hinzu. Einige Eltern sind dagegen Sturm gelaufen, von Körperverletzung an den Kindern war die Rede. Wie sind Sie damit umgegangen?

Einzelne Eltern haben uns und vor allem die Schulleiter sehr beschäftigt. Wir durften ein Kind, das keine Maske trägt, ja nicht nach Hause schicken. Gleichzeitig haben die Eltern der anderen Kinder eingefordert, dass die Maskenpflicht eingehalten wird. Manchmal ließ sich das Problem lösen, indem die Kinder etwas abseits gesetzt wurden. Und es gab ja auch die Möglichkeit, sein Kind von der Präsenzpflicht befreien zu lassen. Letztlich haben die Schulleiter vor Ort Lösungen gefunden.

Kinder sind keine Studenten, die ihren Lernalltag ohne Weiteres selbst organisieren können. Wo die Unterstützung der Eltern fehlte, war es deshalb schwierig, den Anschluss zu behalten. Wie groß schätzen Sie die Lücken ein, die durch Corona entstanden sind?

Wir haben dazu keine gesicherten Daten, ich glaube aber, dass die Bandbreite sehr groß ist. Es gibt Kinder, die wunderbar weitergelernt und so gut wie keine Lücken haben. Dann gibt es diejenigen, die sich selbst überlassen waren, sich aber durchgekämpft haben. Die haben sicher Lücken, die sie aber wieder schließen können. Und dann gibt es solche, die von den Schulen im Lockdown kaum noch erreicht wurden. Da sind die Lücken natürlich riesig. Das wird die große Herausforderung: Die Lehrerinnen und Lehrer können nicht mehr davon ausgehen, dass alle auf demselben Niveau starten. Sie müssen deshalb vom ersten Schultag an sehr differenziert arbeiten.

Im vergangenen Jahr gab es keine Sitzenbleiber, doch diese Schonzeit ist vorbei. Müssen nun mehr Kinder eine Ehrenrunde drehen?

Es gibt zwar nicht mehr Sitzenbleiber, aber viel mehr freiwillige Wiederholer. Und es gibt auch viele Schulwechsel, etwa von den Gymnasien auf die Real- oder Gemeinschaftsschulen. Das ist in vielen Fällen sicher auch sinnvoll, erschwert uns allerdings die Planung, weil dadurch in manchen Fällen der Klassenteiler überschritten wird. Dann brauchen wir mehr Lehrer, um die Unterrichtsversorgung zu gewährleisten.

In den Sommerferien wird es wieder sogenannte Lernbrücken geben, in denen Schüler Versäumtes nachholen können. Wie wird dieses Angebot organisiert und wie wollen Sie sicherstellen, dass es auch die Richtigen erreicht?

Die Klassenlehrer haben die Kinder für die Lernbrücken empfohlen. Der Fokus lag dabei auf denjenigen, die in Mathe, Deutsch und Englisch größere Lernrückstände haben. Die Eltern konnten diese Kinder dann zur Lernbrücke anmelden. Im Rems-Murr-Kreis nutzen 1895 Kinder an 95 Schulen das Angebot. In zwei Wochen kann man natürlich nicht die Lücken eines ganzen Schuljahrs schließen, aber mit Beginn des neuen Schuljahrs schließt sich das Programm „Lernen mit Rückenwind“ an. Über zwei Jahre bietet es die Möglichkeit, schwächere Schüler entweder im Unterricht oder auch mit Zusatzangeboten zum Beispiel nachmittags oder samstags zu fördern.

Haben Sie genügend Lehrkräfte für diese Zusatzangebote?

Bei 14 Lernbrücken steht es noch auf der Kippe, aber wir sind zuversichtlich, dass wir es auch dort hinbekommen. Neben regulären Lehrkräften, die sich freiwillig gemeldet haben, setzen wir auch Studierende, Lehramtsanwärter, Pensionäre und Vertretungslehrkräfte ein. Das ist ein großes Spektrum.

Blicken wir voraus aufs nächste Schuljahr. Inzwischen sind große Teile der erwachsenen Bevölkerung geimpft. Ausgerechnet bei den Schülern ist die Impfquote aber noch sehr gering. Müssen wir im Herbst oder Winter mit den nächsten Schulschließung rechnen?

Das Kultusministerium geht davon aus, dass nach den Sommerferien wieder Präsenzunterricht stattfinden wird. Wir hoffen natürlich, dass dieser lange aufrechterhalten werden kann. Nach den Erfahrungen, die wir gemacht haben, muss man aber schon davon ausgehen, dass es im Herbst wieder einschränkende Maßnahmen geben wird. Unsere Schulen bereiten sich auf jeden Fall auf alles vor. Wichtig ist mir, dass wir komplette Schließungen vermeiden. Ich wäre deshalb dafür, bei steigenden Infektionszahlen früher in den Wechselunterricht zu gehen, der ja sehr gut funktioniert hat.

Der Biontech-Impfstoff ist ab 12 Jahren zugelassen, eine Impfempfehlung gibt es aber nur für Kinder mit Vorerkrankungen. Bräuchten wir jetzt nicht eine Impfoffensive für Kinder und Jugendliche, damit das nächste Schuljahr wieder halbwegs normal ablaufen kann?

Ich bin keine Medizinerin und kann Eltern, die unsicher sind, durchaus verstehen. Ich wünsche mir natürlich eine hohe Impfquote, aber solange die Ständige Impfkommission eine Impfung für Kinder und Jugendliche nicht generell empfiehlt, tue ich mich schwer damit, dafür zu werben.

Wenn wir mal optimistisch davon ausgehen, dass die Pandemie im Lauf des nächsten Jahres abklingt, wird an den Schulen dann wieder alles so sein wie vorher oder werden sich digitale Unterrichtsformen dauerhaft etablieren?

Vieles wird bleiben, etwa die neuen Lernplattformen. Alleine die Kommunikation zwischen Schülern, Lehrern und Eltern ist dadurch viel einfacher geworden. Auch das gemeinsame Lernen auf digitalen Plattformen wird es sicher weiterhin geben. Das ist das Positive an dieser Pandemie: Wir haben dadurch bei der Digitalisierung einen Schritt nach vorne gemacht, den wir sonst so schnell sicher nicht geschafft hätten.

Das Gespräch führte Kornelius Fritz.

Sabine Hagenmüller-Gehring

Ausbildung Sabine Hagenmüller-Gehring ist in Auenwald-Ebersberg aufgewachsen. Nach dem Abitur am Backnanger Max-Born-Gymnasium studierte sie an der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg für das Lehramt an Grund- und Hauptschulen.

Berufliche Stationen Als Lehrerin unterrichtete sie unter anderem an der Mörikeschule in Backnang, 1998 wechselte sie dann als Schulrätin an das Staatliche Schulamt in Waiblingen. Ab 2005 war sie als Referentin zunächst im Regierungspräsidium und dann im Kultusministerium tätig.

Amtsleiterin Seit 2011 leitet Sabine Hagenmüller-Gehring das Staatliche Schulamt in Backnang, das für 133 Schulen im Rems-Murr-Kreis zuständig ist. Die 55-Jährige ist verheiratet und Mutter von zwei Kindern.

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Erstellt:
28. Juli 2021, 06:00 Uhr

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