Noch kein Rezept gegen die Raserfraktion

Bei einem Besuch des Rems-Murr-Kreises hat sich Regierungspräsident Wolfgang Reimer zu wichtigen Themen informiert: Neben Hochwasserschutzprojekten in Murrhardt und dem Autobahnzubringer an der L1115 ging es um Motorradlärm auf der B14.

Regierungspräsident Wolfgang Reimer (Mitte) im Gespräch mit Bürgermeister Christoph Jäger (links) und Bürgermeister Dieter Zahn (rechts), die mit ihm die Problematik rund um Motorradlärm und rücksichtsloses Fahren von Bikern auf der B14 erläuterten. Foto: A. Becher

© Alexander Becher

Regierungspräsident Wolfgang Reimer (Mitte) im Gespräch mit Bürgermeister Christoph Jäger (links) und Bürgermeister Dieter Zahn (rechts), die mit ihm die Problematik rund um Motorradlärm und rücksichtsloses Fahren von Bikern auf der B14 erläuterten. Foto: A. Becher

Von Christine Schick

MURRHARDT/SULZBACH AN DER MURR/ASPACH. Dass das Thema Motorradlärm und Verkehrsgefährdung durch regelrechte Rennen, die sich Biker auf der Bundesstraße14 zwischen Sulzbach an der Murr und Großerlach liefern, die Verantwortlichen vor Ort umtreibt, wurde beim Treffen mit Wolfgang Reimer an der Strecke mehr als deutlich. Landrat Richard Sigel, der den Regierungspräsidenten über die verschiedenen Stationen durch den Kreis mit Mitarbeitern der Kreisverwaltung begleitete, verwies auf die deutlich angewachsene Zahl an Motorradfahrern über die Jahrzehnte und erinnerte an Maßnahmen wie Rüttelstreifen oder Schilder.

Als Verantwortliche und Betroffene vor Ort fanden Sulzbachs Bürgermeister Dieter Zahn und sein Großerlacher Kollege Christoph Jäger nicht nur deutliche Worte für die schwierige Situation, sondern hatten auch eine Reihe von Vorschlägen und Bitten im Gepäck. „Die Unfälle hier haben massiv zugenommen“, sagte Zahn. In den vergangenen drei Jahren seien es über 30 an der Zahl, zu etwa 80 Prozent seien Motorräder beteiligt. Ein zentrales Problem für Zahn: eine bestimmte Gruppe an Bikern, die mutwillig zu schnell fährt, teils 200 Kilometer pro Stunde. Das ziehe auch die Lärmbelästigung nach sich, da das Tal für die Anwohner wie ein Trichter wirke. Bürgermeister Jäger pflichtete ihm bei. Er wolle weder alle Motorradfahrer über einen Kamm scheren, noch sei er für Fahrverbote, die das Problem nur verschieben würden. Trotzdem stelle er fest, dass die bisherigen Maßnahmen nichts gebracht hätten – in Bezug auf die Raserfraktion. Sein Vorschlag: Eine Geschwindigkeitsbegrenzung nicht nur in der unteren Kurve bei Sulzbach, sondern auch weiter oben zwischen Grab und Großerlach. Er glaubt, dass man die Kurven in Kombination sehen muss, sodass sich Unfälle nicht einfach weiter auf die nächste verschieben. Dieter Zahn brachte die Überlegung ins Gespräch, ob man die Strecke nur für Motorradfahrer auf 70 Kilometer pro Stunde begrenzen könne. Das hält Reimer aber, abgesehen davon, dass es sich um eine Bundesstraße handelt, für nicht möglich.

Erst vor einigen Wochen war die Polizei im Schulterschluss mit dem Landratsamt zu Geschwindigkeits- und Motorradkontrollen an der Bundesstraße14 bei Berwinkel vor Ort. Aber das Problem ist nicht so einfach zu lösen. Foto: J. Fiedler

© Jörg Fiedler

Erst vor einigen Wochen war die Polizei im Schulterschluss mit dem Landratsamt zu Geschwindigkeits- und Motorradkontrollen an der Bundesstraße14 bei Berwinkel vor Ort. Aber das Problem ist nicht so einfach zu lösen. Foto: J. Fiedler

Zahn bat um Verständnis – die Bevölkerung habe mittlerweile einfach die Nase voll – und drückte auch seine Sorge aus, „dass sich die Sache aufschaukelt, Leute mit dem Traktor hier hochfahren, um die Biker zu stoppen“. In dem Austausch kamen auch weitere Aspekte beziehungsweise Probleme im Umgang mit der speziellen Klientel zur Sprache wie die Halterhaftung und Fragen der Kontrolle beispielsweise von Geschwindigkeitsbegrenzungen, bei denen wiederum weitere Behörden und Verantwortliche ins Spiel kommen.

Während Landrat Sigel dafür plädierte, bei den Maßnahmen die Rechtssicherheit im Blick zu haben, da dies sonst schnell angegangen werden könne, unterstrich Zahn nochmals seine ausdrückliche Bitte, die Möglichkeiten, die Strecke für Biker unattraktiv zu machen, zu prüfen. Auf seiner Liste stehen neben der Geschwindigkeitsbegrenzung auch bauliche Maßnahmen wie eine Mitteltrennung oder sogenannte Leitboys. Sigel ergänzte, dass das Problem auch an anderer Stelle im Kreis bestehe, man sich auf dem Feld engagiere und experimentierfreudig gezeigt habe, allerdings noch nicht den durchschlagenden Erfolg gehabt habe und dranbleiben müsse.

Christoph Jäger hatte für Wolfgang Reimer noch ein Papier vorbereitet, das er ihm zur Prüfung ans Herz legte: die Idee eines Pilotprojekts zu einem Lärmaktionsplan für Großerlach, bei dem es im Hintergrund um das Problem gehe, dass Laster sehr schnell durch die Gemeinde unterwegs seien.

Thematisch um ein ganz anderes Feld ging es im nicht allzu weit entfernten Murrhardt, nämlich den Hochwasserschutz. Über die Aktualität gerade mit Blick auf Starkregenereignisse in Zusammenhang mit sommerlichen Gewittern und Unwettern waren sich alle einig. Bürgermeister Armin Mößner stellte dem Regierungspräsidenten ein aktuelles Projekt vor, das vom Land mit rund 1,3 Millionen Euro unterstützt wird: die Sanierung eines Regenüberlaufbeckens, die vom Einbau eines Vorflutsicherungpumpwerks flankiert wird.

Im Zuge des Baus des Rückhaltebeckens Gaab soll auch die Landesstraße1149 verlegt werden.

Die Gesamtkosten liegen bei rund 2,8 Millionen Euro. „Allein hätten wir das nicht stemmen können“, sagte Mößner. Das Problem bei dem Becken ist, dass es bereits bei einem zehnjährlichen Hochwasser seine Funktion nicht mehr erfüllen kann, so auch das Kanalnetz betroffen ist und das Wasser abgepumpt werden muss. Daraus ergab sich für Reimer auch die Dringlichkeit der Maßnahme, da die Frequenz solcher Hochwasserereignisse zunehme.

In der Walterichstadt stehen in den nächsten Jahren noch weitere Hochwasserschutzprojekte an: der Bau der Hochwasserrückhaltebecken Mahd und Gaab, den das Land mit bis zu 70 Prozent der Kosten fördert. Letzteres ist vom Investitionsvolumen mit 13,3 Millionen Euro sowie von der Schutzwirkung her das größere und auch für die Mitglieder des Wasserverbands Murrtal bedeutend. Hinzu kommt, dass im Zuge des Realisierung auch die Landesstraße1149 verlegt und zwei Kreisel gebaut werden sollen.

Im Gespräch in der Runde wurde deutlich, dass sich die Planung von solchen Vorhaben mittlerweile extrem lange hinzieht. Als Ursachen ausgemacht wurden die Beteiligung vieler verschiedener gesellschaftlicher Gruppen und der Öffentlichkeit sowie die fachliche Planung, bei der Fachkräftemangel ein präsentes Thema sei. Zumindest ist man 2020 in das Planfeststellungsverfahren fürs Becken eingestiegen, ein Baubeginn ist nach der groben Schätzung aber nicht vor dem Frühjahr 2022 Thema. Von da ab rechnet man mit drei Jahren Bauzeit. Auch Mößner hatte eine Bitte an den Regierungspräsidenten: zu prüfen, ob im Zuge des Becken- und Straßenbaus ein letztes Teilstück der Landesstraße1066 (Eisenschmiedmühle bis Waldseezufahrt) saniert werden könnte.

Die dritte Station für Reimer war ein Treffen an der Landesstraße1115 in der Nähe von Aspach, wo Bürgermeisterin Sabine Welte-Hauff genauso wie Backnangs Oberbürgermeister Maximilian Friedrich dazustießen. Aspachs Bürgermeisterin nutzte die Gunst der Stunde, wie sie es formulierte, um Reimer zwei verkehrsplanerische Vorschläge zu unterbreiten. Vor dem Hintergrund eines hohen Verkehrsaufkommens insbesondere der Schwerlastsparte bat sie zum einen, einen alternativen Verlauf der Trasse zu prüfen, der Vorteile für Anwohner (Lärmschutz) und Gewerbegebiet (Fläche) mit sich bringt. Das zweite Anliegen: eine Abfahrtsrampe an der Krähenbachkreuzung. Maximilian Friedrich unterstrich die starke Verkehrsbelastung und machte klar, dass es Ziel sein müsse, keine Überbelastung bis hin zum Kollaps zu riskieren. Die Frage, die letztlich alle umtreibt – wann eine sogenannte Aufstufung der Landesstraße1115 kommt, die Bedingung für den Ausbau des Autobahnzubringers ist –, musste offenbleiben. Stefan Heß, Leiter der Abteilung Mobilität, Verkehr und Straßen beim Regierungspräsidium Stuttgart, sagte aber, dass seit einem Jahr alle fachlichen Fragen mit dem Bund geklärt seien. Da man nicht wisse, wann die Entscheidung falle, habe man sich nun aber dazu entschlossen, die Fahrbahn auf dem Abschnitt zwischen Krähenbachkreuzung und Hardwaldkreuzung zu sanieren. Denn auch wenn die Aufstufung komme, müsse man mit der Planung noch mal neu beginnen.

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Erstellt:
29. Juni 2021, 06:00 Uhr

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