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Noch lange keine Ladenhüter

Hauptrednerin Angelika Schindler-Obenhaus zeigt Überlebensstrategien für den stationären Einzelhandel auf

Seit 2010 verliert der Einzelhandel in Deutschland etwa 1000 Händler im Jahr. Die Prognosen gehen davon aus, dass sich dieser Trend sogar noch beschleunigt. „Was müssen Einzelhändler tun, um keine Ladenhüter zu werden?“, fragte Festrednerin Angelika Schindler-Obenhaus daher die Gäste der 17. Backnanger Wirtschaftsgespräche. In ihrem Vortrag gab sie dazu Anregungen.

In Sachen Service und Beratung müsse der Einzelhandel überragend sein, wenn er gegen die Online-Versandriesen bestehen will, sagte Angelika Schindler-Obenhaus. Fotos: A. Becher

© Pressefotografie Alexander Beche

In Sachen Service und Beratung müsse der Einzelhandel überragend sein, wenn er gegen die Online-Versandriesen bestehen will, sagte Angelika Schindler-Obenhaus. Fotos: A. Becher

Von Lorena Greppo

BACKNANG. Die besten Shows des Verkaufssenders QVC laufen von 0 bis 3 Uhr nachts – für Angelika Schindler-Obenhaus aus dem Vorstand der Bielefelder Katag AG Anlass, die anwesenden Männer im Pavillon vor der alten Spinnerei in Backnang zu fragen: „Was ist bei Ihnen zu Hause los, dass Ihre Frauen da nichts Besseres zu tun haben, als zu shoppen?“ Ihre Frage erntete Gelächter, machte gleichzeitig aber das Kernproblem des Einzelhandels deutlich: Die Kaufkraft geht den Innenstädten verloren und verschiebt sich zunehmend in Richtung Online- und Versandhandel. Was aber können die Händler tun, um zu überleben? Weitermachen ja, forderte Schindler-Obenhaus, aber nicht wie bisher. „Wir müssen aus unserer Komfortzone heraus.“

Online-Aktivitäten müssen gezielt ausgebaut werden

Das bedeute für die Händler konkret vor allem den gezielten Einstieg in die Digitalisierung. Der Handel müsse sich fragen: Wie komme ich auf Ihr Sofa? „Heutzutage muss niemand einen defizitären Online-Shop eröffnen“, erklärte sie. Stattdessen empfahl die gelernte Einkäuferin, in einer Art digitalem Schaufenster einsehbar zu machen, welche Artikel auf Lager sind. „Die Kunden können mit einem Klick den gewünschten Artikel reservieren und wissen: Ich fahre nicht umsonst in die Stadt, mein Traumkleid ist da.“ Zudem müsse heutzutage jeder auf den gängigen Plattformen wie Facebook und Instagram vertreten sein, wobei sich Schindler-Obenhaus diesbezüglich für einen guten Marketing-Mix aussprach. „Prospekte sind nicht tot“, stellte sie klar. Obwohl die Online-Versandriesen wie Amazon und Zalando als Feindbild vieler Händler betrachtet werden, regte die Festrednerin auch eine Zusammenarbeit mit den Großkonzernen an. „Fishing where the fish are“ (zu Deutsch: Angeln, wo die Fische sind) nannte sie dieses Vorgehen. Denn den Online-Versandhändlern sei daran gelegen, Lieferungen zeitnah auszuführen, insofern seien auch sie für eine Zusammenarbeit aufgeschlossen. „Es ist eine Win-win-Situation.“

Aber nicht nur online sollten die Einzelhändler gut aufgestellt sein, auch dem Frequenzverlust in den Filialen könne man gezielt entgegenwirken, so Schindler-Obenhaus. Es gelte, dafür zu sorgen, dass der Einkauf wieder zum Erlebnis wird. Gefragt seien an dieser Stelle auch Akteure wie die Verantwortlichen in der Verwaltung oder die Immobilienbesitzer. Denn die Stadt müsse attraktiv sein und Flair haben. Hinzu müssten besondere Events kommen. „Modenschauen sind das allprobate Mittel“, befand Schindler-Obenhaus, zudem seien Märkte attraktiv oder exklusive Veranstaltungen eines Händlers, wie ein Kundenfrühstück. Zudem müsse sich der stationäre Einzelhandel auf seine Stärken besinnen. „Nehmen Sie ein klassisches Warenhaus und subtrahieren Sie alles, was Amazon besser kann. Das, was übrig bleibt, darin muss der Einzelhandel überragend sein.“ Neben dem Ambiente und dem Einkaufserlebnis als Ganzem hob die Festrednerin an dieser Stelle vor allem Beratung und Service hervor – „das, was ein Algorithmus nicht vermag“. In der Textilbranche gehöre dazu beispielsweise eine Schneiderei im eigenen Haus, die passgenaue Änderungen ohne Mehrkosten vornimmt. „Das ist Service!“

Nicht zuletzt habe der Einzelhandel auch die Aufgabe, die jüngeren Generationen für sich zu gewinnen, denn „Marken werden mit ihren Kunden älter“, so Schindler-Obenhaus. Um neue Zielgruppen anzusprechen, müsse man Themen, die diese beschäftigen, aufgreifen. Das sei momentan vor allem die Nachhaltigkeit. „Wir, die Textilindustrie, sind der zweitgrößte Umweltverschmutzer nach Erdöl“, räumte sie unumwunden ein. Deswegen müsse der Trend von Wegwerfartikeln weg und hin zu recycelbaren Produkten gehen. Bisher seien Vorreiter dieser Philosophie darauf angewiesen gewesen, dass der Handel die Produkte annimmt. Und das sei nur äußerst widerwillig passiert. Das habe sich unter anderem durch die Fridays-for-Future-Bewegung grundlegend geändert. „Jetzt kann es gar nicht genug sein.“ Und auf lange Sicht profitiere von diesem Trend jeder. „Auf einem toten Planeten kann auch niemand Geschäfte machen.“

Der etwas spätere Termin als sonst sorgte dafür, dass die Gäste der Wirtschaftsgespräche einen lauen Sommerabend erlebten.

© Pressefotografie Alexander Beche

Der etwas spätere Termin als sonst sorgte dafür, dass die Gäste der Wirtschaftsgespräche einen lauen Sommerabend erlebten.

Mit bunten, beweglichen Scheinwerfern wurde das imposante Backsteingebäude der ehemaligen Spinnerei Adolff angestrahlt und war so Kulisse eines tollen Lichtschauspiels.

© Pressefotografie Alexander Beche

Mit bunten, beweglichen Scheinwerfern wurde das imposante Backsteingebäude der ehemaligen Spinnerei Adolff angestrahlt und war so Kulisse eines tollen Lichtschauspiels.

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Erstellt:
28. August 2019, 06:00 Uhr

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