Nur 15400 Wohnungen im Landkreis sind altersgerecht
Das Topkriterium fürs Wohnen im Alter: gut begehbare Duschen. Boomer-Zuschüsse für den altersgerechten Umbau von Wohnungen gefordert.
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Im Alter hat man andere Ansprüche an Wohnraum. Symbolfoto: Alexandra Palmizi
Rems-Murr. Längst nicht alle Wohnungen sind fit fürs Alter: Von den 211000 Wohnungen im Rems-Murr-Kreis sind nur rund 15400 so gebaut, dass ältere Menschen darin ideal klarkommen. Gerade dann, wenn sie auf einen Rollator oder Rollstuhl angewiesen sind. „Damit bieten nur rund sieben Prozent aller Wohnungen im Rems-Murr-Kreis den Standard, der nötig ist, um mit körperlichen Einschränkungen oder auch als Pflegefall darin alt zu werden“, sagt Matthias Günther. Er ist Leiter des Pestel-Instituts. Dessen Wissenschaftler haben im Auftrag des Bundesverbands Deutscher Baustoff-Fachhandel (BDB) eine regionale Wohnungsmarktanalyse gemacht.
Im Fokus der Untersuchung: die Alterstauglichkeit der Wohnungen. „Gerade die ist auch für den Rems-Murr-Kreis wichtig: Immerhin gehen hier in den nächsten zehn Jahren rund 70000 Menschen in Rente – die Babyboomer nämlich“, sagt Katharina Metzger vom Bundesverband Deutscher Baustoff-Fachhandel. Ziel müsse es deshalb sein, möglichst schnell für mehr Seniorenwohnungen im Kreis zu sorgen. „Denn die werden früher oder später gebraucht. Und auf Dauer ist jede altersgerechte Sanierung günstiger als ein Umzug ins Heim.“
Schon rein volkswirtschaftlich müsse der Staat also ein Interesse daran haben, mehr Seniorenwohnungen zu schaffen. „Vor allem aber geht es um den Wunsch der Menschen selbst. Die meisten wollen in den eigenen vier Wänden alt werden und zu Hause bleiben, solange es geht“, sagt Metzger.
Das funktioniert aber nur, so das Pestel-Institut, wenn gerade Altbauwohnungen fürs Wohnen im Alter umgebaut werden: „Wichtig sind wenig Barrieren – also möglichst keine Schwellen, Stufen oder ganze Treppen. Aber auch breite Türen und viel Platz, um sich mit einem Rollator oder Rollstuhl frei bewegen zu können. Vor allem im Bad und in der Küche ist das wichtig. Genau die sind aber oft zu klein gebaut.“ Doch das Problem fängt häufig schon ganz vorne an – beim Eingang: „30 Prozent aller Hausflure im Rems-Murr-Kreis sind nicht breit genug, um mit dem Rollstuhl wirklich gut durchzukommen. Das betrifft immerhin rund 63800 Wohnungen“, sagt Matthias Günther. Oft seien sogar schon die Haustüren zu schmal.
Entscheidend wird es, so das Pestel-Institut, dann aber in den Wohnungen – vor allem in der Küche und im Bad: „Immerhin haben zwar 69 Prozent der Wohnungen im Rems-Murr-Kreis eine Küche, die groß genug ist. Das bedeutet umgekehrt aber auch: In rund 66100 Küchen können Menschen mit einem Rollstuhl nicht wenden“, so Günther. Bei den Bädern im Landkreis seien 96500 und damit 46 Prozent zu klein.
Der wichtigste Punkt beim Badezimmer sei allerdings nicht unbedingt dessen Größe, sondern eine begehbare, also bodengleiche Dusche: „Die gibt es aktuell nur in rund 56800 Wohnungen im Rems-Murr-Kreis“, so der Wissenschaftler. Damit erfüllen lediglich 27 Prozent der Wohnungen „das A-und-O-Kriterium, um in der eigenen Wohnung alt werden zu können“, so Günther. Der Chefökonom des Pestel-Instituts rät, beim altersgerechten Umbau von Wohnungen „unbedingt das Bad anzupacken“.
Enormer Nachholbedarf, um Wohnungen fit fürs Alter zu machen
Probleme könne es allerdings bei älteren Gebäuden geben: „Gerade bei Wohnhäusern aus den 50er-Jahren ist oft die Decke zu dünn, um eine bodengleiche Dusche einzubauen“, sagt Günther.
Grundsätzlich habe der Rems-Murr-Kreis einen „enormen Nachholbedarf, um den Wohnungsbestand fit fürs Alter zu machen“, so der Leiter des Pestel-Instituts. Genau hier sieht auch die Präsidentin des BDB ein Problem: „Der Bedarf an Seniorenwohnungen, den der Rems-Murr-Kreis in den kommenden Jahrzehnten haben wird, ist enorm. Neubau kann da zwar helfen. Aber die Lösung liegt ganz klar im seniorengerechten Umbau der Wohnungen, in denen die Boomer heute wohnen“, sagt Metzger.
Der altersgerechte Umbau sei jahrzehntelang zu kurz gekommen. Daher sei jetzt eine Seniorenumbauoffensive dringend notwendig. Die Wissenschaftler vom Pestel-Institut fordern dazu, der Bund müsse einen Großteil der Umbaukosten übernehmen – und zwar als Zuschuss. „Denn wer kurz vor der Rente seine Wohnung altersgerecht umbauen will, der scheut sich, dafür noch einen Kredit aufzunehmen. Und die heute gängige staatliche Unterstützung von zehn Prozent beim Badumbau ist nichts anderes als ein Placebo-Zuschuss. Der reicht auf keinen Fall, um eine effektive Umbauwelle fürs Seniorenwohnen loszutreten“, sagt Institutsleiter Matthias Günther.
Auch der Bundesverband Deutscher Baustoff-Fachhandel erteilt dem „bestehenden Mix aus Fördertöpfen“ für den altersgerechten Umbau eine klare Absage. pm
