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Nur weg aus Neapel

Europas Jugend In Süditalien findet fast die Hälfte der jungen Menschen keine Arbeit – Viele wollen deshalb weggehen – und geben der EU eine Mitschuld an ihrer Situation

Europas Jugend - Die Zukunft Europas liegt in den Händen der jungen Menschen – doch wie ticken diese überhaupt, was beschäftigt sie? Ein Besuch in der süditalienischen Stadt Neapel.

Neapel Das Thema an diesem Freitagnachmittag sind Schlafstörungen. „Wer will vorlesen?“, fragt Lisa D’Esposito. Sie ist Deutschlehrerin, vor ihr in einem Raum mit hohen Decken und dunklem Parkett sitzen neun zumeist junge Italiener. Hier, gegenüber dem Castel Nuovo, Neapels imposanter Festung am Hafen, unterrichtet D’Esposito einen Deutschkurs. „Jeden Morgen dasselbe“, liest eine junge Frau vor. „Der Wecker klingelt, doch Sie sind müde.“ Danach übersetzen sie den Text ins Italienische.

D’Espositos Schüler wollen ihre Jobchancen verbessern: Sechs Wochen lang täglich vier Stunden Deutsch für ein besseres Leben. Denn gerade in Süditalien haben viele junge Menschen keine Arbeit. In Neapel ist es die Hälfte aller 18- bis 29-Jährigen. Dabei gehören auch sie zu der Generation, die die Zukunft Europas mitgestalten soll. Wie gehen junge Italiener mit der Situation um? Wie blicken sie vor der Europawahl auf den Kontinent und die EU?

Nach dem Kurs nimmt Valentina Nunneri auf einer Couch in der Sprachschule platz. Die 23-Jährige ist arbeitslos. 2012 war Nunneri mit der Schule fertig, dann jobbte sie eine Weile als Verkäuferin. „Man verdient im Monat 400 Euro und muss zwölf Stunden am Tag arbeiten, eher noch mehr“, erzählt sie. Das reicht selbst in Neapel kaum für ein selbstbestimmtes, erwachsenes Leben mit eigener Wohnung. Und Italien bietet ihr keine Aussicht, dass sich das bald ändert.

Ob Portugal, Spanien, Griechenland oder Italien: Infolge der Schuldenkrise von 2007 wandern nach wie vor viele Südeuropäer auf der Suche nach Arbeit aus. Laut der kirchlichen Stiftung Fondazione Migrantes stieg die Zahl der im Ausland registrierten Italiener zwischen 2006 und 2018 von drei auf fünf Millionen. 2017 war der größte Teil aller Auswanderer zwischen 18 und 34 Jahren.

Im September will auch Valentina Nunneri mit ihrem Freund nach Deutschland ziehen und dort wieder als Verkäuferin arbeiten. Schwer fällt ihr das nicht. Klar, sie müsste die Familie zurücklassen, sagt sie. „Aber ich will eine bessere Lebensqualität.“ Für Nunneri könnte die EU die Lösung ihrer Probleme sein. Sie gibt ihr die Freiheit, leben und arbeiten zu können, wo sie möchte.

Für Giulio Gisondi ist die EU ein Teil des Problems. Der 33-Jährige sitzt auf der Piazza San Domenico Maggiore in Neapels Altstadt und rührt Zucker in seinen Espresso. „Durch die Sparpolitik der EU kann der Staat nicht investieren“, sagt er. Nur so würden aber Arbeitsplätze für junge Menschen entstehen. Erst Ende 2018 war die Regierung mit der EU in Streit geraten: Sie wollte mehr Schulden machen, als die EU es erlaubt. Am Ende ruderte Italien zurück. Gisondi ist ein drahtiger junger Mann mit Dreitagebart, er ist promovierter Philosoph und arbeitet für ein privates Forschungsinstitut. Davor war er ein Jahr lang arbeitslos. Bald läuft sein Vertrag aus – wie es weitergeht, weiß er nicht, für seine Stelle ist kein Geld mehr da. Von seinen Freunden ist Gisondi einer der wenigen, die noch in Neapel sind, die meisten sind nach Mitteleuropa gegangen.

Die Gründe für die Arbeitslosigkeit sind vielschichtig. Neben den Sparauflagen der EU sind auch Korruption und ein maroder Wohlfahrtsstaat Teil des Problems. Das Geld versickert etwa in überteuerten Infrastrukturprojekten. Wegen hoher Steuern und Abgaben setzen viele Firmen auf Schwarzarbeit. Auch gibt es kaum Absicherung: Alte Menschen können oft nicht in Rente gehen, weil das Geld nicht reicht. So werden keine Stellen für jüngere Nachfolger frei.

Im Gespräch mit jungen Italienern wird deutlich, dass die Schuldenkrise Narben hinterlassen hat. Besonders die Sparpolitik der EU, die den italienischen Staatshaushalt wieder ins Gleichgewicht bringen soll. Aus Sicht der Italiener hat das nichts gebracht. Sie leben immer noch im Krisenmodus. Und für die junge Generation ist kaum Besserung in Sicht: Neapels Jugendarbeitslosenquote ist in den letzten Jahren sogar gestiegen.

Er fühle sich als Europäer, betont Giulio Gisondi. „Doch wir sprechen viel über Migration nach Europa, aber wer spricht über die vielen Italiener, die das Land schon verlassen haben?“, fragt er und schüttelt den Kopf. Er wünsche sich ein „normales Leben“: ein Haus, eine Familie. Mit 33 wohnt er in einer Wohngemeinschaft. Etwas anderes kann er sich nicht leisten. Weil immer mehr Touristen kommen, steigen die Mieten. „Ich bin es wirklich leid“, sagt er.

Ilaria Pareti gehört zu den wenigen Glücklichen, die eine Stelle gefunden haben. Die 30-Jährige hat Übersetzung und Fremdsprachen studiert, heute behebt sie Softwareprobleme. „Das habe ich mir nicht ausgesucht“, sagt Pareti. „Im Jahr 2019 sollte es doch normal sein, dass man sich seinen Job aussuchen kann“, sagt Pareti und wirkt resigniert. Auch sie will weg wegen der Familienplanung. Ihr Mann arbeitet im Vereinigten Königreich, in Italien hat er keine Stelle gefunden. Er will auch nicht mehr zurück. „Wenn ich schwanger werde, bin ich meinen Job los“, sagt Pareti. Elternzeit gibt es nicht. „Es ist wirklich traurig, dass wir gezwungen sind, wegzugehen.“

Es sind vor allem die gut ausgebildeten jungen Leute, die Italien verlassen – wenn auch widerwillig. Sie haben im Rest der EU noch die besten Chancen auf eine Zukunft. Inzwischen versucht auch der Staat, die klügsten Köpfe zu halten. Das Rathaus in Neapel teilt mit, für neue Jobs setze man auf die Gründerszene. Außerdem fördere man mithilfe der EU Praktika und arbeite eng mit den Universitäten zusammen. Früchte trägt diese Strategie bisher kaum.

Die letzten Sonnenstrahlen treffen auf die Hafenfestung, Valentina Nunneri verabschiedet sich ins Wochenende. Für sie spielen die politischen Debatten in der EU und die Wahl zum EU-Parlament kaum eine Rolle. Bald will sie den Neuanfang wagen. Ob Nunneri es schafft, weiß sie nicht. Doch sie weiß, sie könnte immer nach Italien zurück. Auch das macht Europa möglich.

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Erstellt:
25. April 2019, 03:14 Uhr

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