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„Oft schwierig und herzzerreißend“

Bürgerpreis-Kandidaten: Die Bürgerinitiative in Aspach bietet geflüchteten Menschen seit 2015 Unterstützung etwa beim Erlernen der deutschen Sprache und bei der Suche nach Job oder Ausbildung. Auch die Wohnungssuche ist ein wichtiger Aspekt.

Auf Einladung eines Bundestagsabgeordneten stand 2016 ein Besuch in Berlin für die Aspacher Initiative auf dem Programm. Fotos: privat

Auf Einladung eines Bundestagsabgeordneten stand 2016 ein Besuch in Berlin für die Aspacher Initiative auf dem Programm. Fotos: privat

Von Bernhard Romanowski

ASPACH. Als sich vor fünf Jahren im Februar 2015, angestoßen durch die Gemeinde Aspach, die Bürgerinitiative Awia (Asylbewerber willkommen in Aspach) gründete, war noch gar nicht abzusehen, wie groß die Anzahl der Geflüchteten sein wird, die der Gemeinde zugewiesen werden würde. „Bis dahin waren gerade mal ein Dutzend Menschen untergekommen, vorwiegend aus Afrika“, erinnern sich die Gründungsmitglieder der Initiative. Die Monate bis zur Ankunft weiterer Asylbewerber vom Balkan, aus Syrien, Irak, Iran und aus Afghanistan nutzte die Initiative, um sich eine Arbeitsstruktur zu geben. Zudem galt es, sich mit dem komplizierten Asylrecht auseinanderzusetzen, das einem ständigen Wandel unterworfen ist. Es galt, Ideen für Integrationsprojekte zu sammeln, um sich schließlich mit verschiedenen Multiplikatoren, Vereinen und der Gemeindeverwaltung zu vernetzen. „Sehr viele Bürger haben dann die Ärmel hochgekrempelt und mit angepackt, damit die Menschen ihre ersten Schritte hier gehen können“, heißt es aus den Reihen der Bürgerinitiative.

Die Awia-Helfer bieten den Geflüchteten bis heute persönliche Gespräche und Beratungen an. Dabei helfen ein offenes Herz und ein offenes Ohr, die emotionale Ausnahmesituation zu verarbeiten, die geprägt ist von Krieg, Flucht und Trennung von den daheimgebliebenen Familienangehörigen. Paten kümmern sich um Familien und einzelne Kinder, begleiten sie bei Arztbesuchen und Behördengängen, unterstützen sie bei der Schulanmeldung und beim Elternsprechtag, beraten in Alltags- und Gesundheitsfragen. Die Bürgerinitiative betreute 2016 und 2017 bis zu 120 Kriegsflüchtlinge und Asylbewerber, darunter auch Familien mit Kindern und Senioren.

„Ziel war es, ihnen Hilfe zur Selbsthilfe anzubieten und sie bei ihrer Integration in das Gemeinwesen tatkräftig zu unterstützen“, erläutert Natascha Hosseini, die von Anfang an bei der Hilfsgruppe dabei ist. Die Aufgaben gestalteten sich sehr abwechslungsreich, während die Herausforderungen durch weitere Zuweisungen von Geflüchteten nicht nachließen, so Hosseini weiter.

Sobald die notwendigen Sprachkenntnisse vorhanden sind, geht es auf Jobsuche.

Zu Begegnungen zwischen Einheimischen und den Geflüchteten kam es bis ins Jahr 2017 in dem Come-together-Café oder bei besonderen Veranstaltungen wie etwa beim Awia-Sommerfest, bei Musikkonzerten oder bei Ausstellungen von Kunstwerken eines aus Syrien geflüchteten Malers im Aspacher Rathaus. Hosseini: „Gerade in den aktuellen turbulenten Zeiten ist die Arbeit der Awia sehr hilfreich.“ Sogenannte Sprachpaten vertiefen die im Unterricht von Sprachschulen erworbenen Kenntnisse der deutschen Sprache mit den Geflüchteten und verbessern deren Kommunikationsfähigkeit. Sobald die notwendigen Sprachkenntnisse vorhanden sind, assistieren andere Helfer bei der Jobsuche. Wenn die Asylbewerber und Kriegsflüchtlinge ein dauerhaftes Bleiberecht erhalten haben, ist das Suchen und Finden einer bezahlbaren Mietwohnung das größte Problem. „Damit sie nicht obdachlos werden, sprechen wir Wohnungseigentümer an und werben dafür, Wohnraum nicht leer stehen zu lassen, sondern an Bedürftige zu vermieten“, beschreibt Hosseini diesen Part ihres Engagements.

Die Helfer konnten auf diese Weise bereits 22 Einzelpersonen und vier Familien in Wohnungen in Aspach und Umgebung unterbringen. Bei all dieser Arbeit mit und für die Geflüchteten hat Awia nicht vergessen, dass auch die einheimische Bevölkerung auf diesem Weg mitgenommen wird. In den Jahren 2016 und 2017 wurden in regelmäßigen Abständen Informationsveranstaltungen durchgeführt und es wurde nahezu wöchentlich im Aspacher Mitteilungsblatt über die Arbeit mit den Geflüchteten berichtet. Awia richtete zudem eine Service-Telefonnummer eigens für die Anwohner von Unterkünften der Geflüchteten ein, wo diese den Awia-Mitarbeitern ihre Sorgen mitteilen, Fragen stellen und Hinweise geben konnten.

Susanne Ahlert (von links), Natascha Hosseini, Simone Erchinger und Sonja Jahnert sind vier von acht Helfern, die die Sprechstunde für Geflüchtete in Aspach anbieten.

Susanne Ahlert (von links), Natascha Hosseini, Simone Erchinger und Sonja Jahnert sind vier von acht Helfern, die die Sprechstunde für Geflüchtete in Aspach anbieten.

Von den zeitweise bis zu 80 Mithelfern ist heute noch ein Kern von acht Personen geblieben, der das Engagement weiterführt. Die Aktivitäten bestehen in der Einzelfallhilfe, der Sprachförderung, der Vermittlung von Arbeits- und Ausbildungsplätzen und in der Wohnraumbeschaffung. „Es wurden leider immer weniger Menschen, die das Hilfeangebot mittragen“, so Hosseini nachdenklich. Anfangs sei es einfacher gewesen, den nötigen Enthusiasmus zu entwickeln, wenn es etwa galt, ein Kind einzukleiden oder Decken zu besorgen und dergleichen. Den Geflüchteten beim Spracherwerb, bei einer Bewerbung oder Wohnungssuche beizustehen, sei indessen eine langwierigere Angelegenheit – und oft schwierig und herzzerreißend, wie Hosseini weiß: „Und jetzt in der Coronakrise sitzen die Menschen in ihren Containern ohne alles da.“ Es gebe aber immer wieder auch glückliche Umstände zu verzeichnen. Etwa der Neuzugang unter den Helfern – eine Person, die mit ihrer Dreisprachigkeit gute Dienste leistet. Der regelmäßige Sprachkursus Deutsch in Aspach wurde von den Geflüchteten bis dato, also bis Mitte März, gut angenommen. Das Angebot musste coronabedingt vorerst eingestellt werden. Hosseini: „Erst hatten wir überlegt, das mit Einzelterminen zu regeln. Aber dann war uns das gesundheitliche Risiko für alle Beteiligten zu hoch.“ Die Awia bekomme auch oft Besuch von Migranten, die einfach auf eine Tasse Tee vorbeikommen und den Kontakt pflegen wollen. Die 40 Leute aus der ersten Hallenbelegung dort vor fünf Jahren seien alle auf einem guten Weg, wie es Hosseini formuliert und dann auf einige Beispiele zu sprechen kommt: „Es ist schön zu sehen, wenn die geflüchteten Menschen hier Fuß fassen, eine Ausbildung beginnen, ihren Master in Tübingen machen oder einen Friseursalon eröffnen.“

Für sie sei es eine unvergessliche Lebenserfahrung gewesen, als sie seinerzeit den ersten Geflüchteten aus Syrien in Aspach begegnete: „Mein Mann ist Iraner. Aber von Syrien hatte ich keine Ahnung. Da stiegen junge Männer aus dem Bus, die aussahen wie mein Sohn, mit einer kleinen Plastiktüte in der Hand, mit Flipflops an den blau gefrorenen Füßen, weil ihnen die Schuhe geklaut worden waren, einfach erbarmungswürdig.“


In einer Serie stellen wir die Kandidaten aus unserem Verbreitungsgebiet vor, die beim Bürgerpreis Rems-Murr für den Leserpreis der Backnanger Kreiszeitung und der Murrhardter Zeitung nominiert sind.

„Oft schwierig und herzzerreißend“

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Erstellt:
26. Mai 2020, 06:00 Uhr

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