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Ohne Bremse auf der moralischen Rutschbahn

Ethikrat hält Eingriffe ins Erbgut nicht prinzipiell für unverantwortlich – ein bedrückendes Ergebnis

Berlin /NWA - Auf den ersten Blick wirktdie Stellungnahme des Deutschen Ethikratszu inzwischen medizinisch möglichen Eingriffen in die menschliche Keimbahn wie eine wuchtige Warnung: Das Gremium fordert ein Moratorium, also die Anwendung weiter aufzuschieben, es verlangt verbindliche internationale Vereinbarungen und hält die Technologie derzeit für ethisch unverantwortlich. Tatsächlich wäre ein starkes Stopp-Signal gegenüber einer sich in rasendem Tempo entwickelnden Methode zur Veränderung des menschlichen Erbguts eine wichtige Botschaft gewesen. Der Ethikrat sendet sie aber nicht.

Ausdrücklich erklären die Ethiker die menschliche Keimbahn „nicht für unantastbar“. Und die ethische Bedenklichkeit gilt eben keineswegs grundsätzlich, sondern leitet sich aus den gegenwärtig noch gegebenen unabsehbaren Risiken der Technik ab. Ihre Anwendung gilt nicht als prinzipiell verwerflich, sondern lediglich als „verfrüht“, weil die Verfahren nicht hinreichend sicher sind. Es ist wahr, dass die Zuverlässigkeit der Methode und ihre erwiesene Ungefährlichkeit für die Ethiker nur notwendige und keine hinreichenden Bedingungen darstellen. Sie geben weitere Orientierungsmaßstäbe an die Hand, die von der Menschenwürde bis zur Gerechtigkeit reichen. Aber dennoch ist das Ergebnis in einer Hinsicht kristallklar: Bei beherrschbarem Risiko kann die Veränderung des Genoms durchaus akzeptabel sein. Das ist ein bedrückendes Ergebnis.

Die Stellungnahme, die sich doch für ein Moratorium ausspricht, kann einen genau gegenteiligen Effekt auslösen. Wenn die neue Technik dann moralisch unbedenklich ist, wenn die Risiken und Gefahren beherrschbar geworden sind, wird ein solches Urteil für die Forscher als Ermutigung zur Beschleunigung ihrer Arbeit wirken. Denn sind erst einmal die Verfahren zuverlässig genug, gilt die ethische Unbedenklichkeit. So hat die Kommission es zwar durchaus nicht gemeint, denn nicht alles,was man darf, sollte man auch sinnvollerweise tun. Aber in der Praxis wird es zu diesem Effekt kommen.

Damit geht ein bedenklicher Prozess ungebremst weiter: Pränataldiagnostik und vorgeburtliche Bluttests sind bereits Standard. Schon mit ihnen sind komplizierte Fragen aufgeworfen. Zum Beispiel die, woher wir das Recht nehmen, bestimmten Lebensformen das Recht auf Sein abzusprechen. Die Keimbahn-Eingriffe gehen noch einen Schritt weiter. Je besser und zuverlässiger die Verfahren funktionieren, desto mehr wird die Grenze zwischen der Therapie einer Krankheit und dem Umsetzen von Wünschbarkeiten verwischt – ein Rutschbahn-Effekt. Warum denn sollte nur die Veranlagung zu einem Leiden für alle Zukunft aus dem Familienstammbaum getilgt werden, warum nicht gleich bestimmte positive und herstellbare Merkmale für alle Nachkommen realisieren? Der Weg zum Designer-Kind ist geebnet. Ethiker werden dann Kriterien aufstellen, was gehen soll und was nicht. Aber dem gesellschaftlichen Druck werden auch sie sich nicht entziehen können, ist erst der entscheidende Schritt getan, die Technik im Prinzip als ethisch verantwortbar zu etablieren.

Die Ethik-Kommission ist kein Gremium moralischer Richter. Ihre Mitglieder wollen das auch gar nicht sein. In ethischen Dingen gibt es kein Expertenwissen. Jeder Mensch muss für sich selbst entscheiden, was er für ethisch verantwortbar hält. Das kann er nicht delegieren. Kommissionen können nur Anstöße geben. Deshalb ist nun eine breite gesellschaftliche Selbstverständigung nötig. Ein Moratorium, da hat die Kommission sicher recht, muss dafür die Zeit schaffen.https://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.ethikrat-vorsitzender-dabrock-genmanipulierte-babys-sind-super-gau.63b86c6f-e81a-4306-9fa7-4c9af75eccc0.htmlhttps://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.unabsehbare-risiken-ethikrat-eingriffe-in-erbgut-von-nachkommen-unzulaessig.a42b125c-d5e8-4b5f-96fd-a60986ede4e6.html

norbert.wallet@stzn.de

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Erstellt:
10. Mai 2019, 02:04 Uhr

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