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„Ohne Lesen wäre ich ein armer Mann“

Als Gründer und langjähriger Hüter des Archivs der Gemeinde Allmersbach im Tal hat sich Erich Bauer um das historische Erbe seiner Heimatregion verdient gemacht. Körperlich muss er mittlerweile kürzertreten, aber geistig ist er mobil wie eh und je.

„Ohne Lesen wäre ich ein armer Mann“

Von Carmen Warstat

ALLMERSBACH IM TAL. Erich Bauer ist ein sachlicher Mensch. Sentimentalität scheint seine Mentalität nicht zu charakterisieren, zumindest zeigt er es nicht. Heute, im Alter von fast 90 Jahren, ist, wie er selbst es ausdrückt, „der Bewegungsapparat eingeschränkt“, weshalb er eine 24-Stunden-Betreuung benötigt. Geistig aber ist er topfit.

Seinem Augenarzt, einem Professor in Stuttgart, ist Erich Bauer zutiefst dankbar dafür, dass er ihn vom grauen Star kuriert hat und er demzufolge wieder lesen kann. „Ohne das Lesen wäre ich ein armer Mann“, sagt er und dass er Bücher immer geliebt hat. Er schwört auf Ulla Hahns Prosa und die Literatur des Nobelpreisträgers Ivo Andric. Er verschlingt Bestseller, „soweit erreichbar“, und natürlich gehört die Lektüre seiner Tageszeitung zur täglichen Routine.

Es waren immer die sozialen Fragen, die ihn interessiert haben.

Aber Erich Bauer ist nicht nur ein fleißiger Leser, sondern auch Spiritus Rector der Buchreihe „Geschichte und Geschichten aus unserer Heimat Weissacher Tal“. Bis 2011 ist 25 Jahre lang je ein Band erschienen, und immer war mindestens ein Artikel von Erich Bauer drin, der außerdem jeweils die Konzeption und Gliederung verantwortete. 2006 erschien die „Weissach Chronik“ über Weissach im Tal, inspiriert vom damaligen Bürgermeister Deuschle. Als Geschichtslehrer und Allmersbachs ehrenamtlicher Archivar war Erich Bauer der geeignete Ansprechpartner für ein solches Vorhaben. Er nahm die Sache in die Hand, suchte und fand verschiedene Verfasser und gab die Chronik heraus. Bereits Jahrzehnte zuvor hatte der rührige Geist damit begonnen, eingestaubte Akten von den Speichern der Gemeinde Allmersbach im Tal zu holen. Er hat sie gereinigt, geordnet und archiviert. Dieses Altarchiv hat heute im alten Rathaus von Heutensbach sein Domizil.

Eindeutig fällt die Antwort auf die Frage aus, welche Themen ihn beim Recherchieren historischer Prozesse besonders interessiert und bewegt haben: Es waren dies immer die sozialen Fragen. Die Auswanderung der Bürger nach Amerika und Russland, die NS-Zeit in seiner Heimatregion, die Auswirkungen des Dreißigjährigen Krieges auf das Weissacher Tal. 1931 in Backnang geboren und als Kind überzeugtes Mitglied der Hitlerjugend („Wir waren viel zu jung!“), ist Erich Bauer stolz darauf, der erste Baden-Württemberger zu sein, der ein Buch über die Verbrechen an den Juden geschrieben hat.

Das war bereits in den 60ern, als ihn das Kultusministerium nach dem Lehrerstudium ins Taubertal beordert hatte. „Ich war die Hälfte meines Lebens Lehrer, und die andere Hälfte war ich in der Schulverwaltung tätig.“

Seine Fächer: Geschichte, Religion und Mathematik, seine Konfession evangelisch. Er besuchte nach dem Krieg ein kirchliches Aufbaugymnasium und studierte danach an der Pädagogischen Hochschule Stuttgart. 1954 heiratete er: Seine Auserkorene war ebenfalls Lehrerin und vor allem kirchlich engagiert. Gertrud Bauer war in der Landessynode in Stuttgart aktiv und, wie ihr Mann auch, eine begeisterte Reisende. Gemeinsam unternahmen sie Bildungsreisen in die Sowjetunion, nach Israel und nach Skandinavien. Mit der Transsibirischen Eisenbahn waren sie unterwegs bis nach Irkutsk. Durch seine Frau, die im ukrainischen Teil Bessarabiens aufgewachsen war, fand Erich Bauer Zugang auch zu diesem Aspekt deutscher Geschichte.

2017 durfte er in Teplitz in der Ukraine anlässlich des 200. Jahrestags der Auswanderung einen Festvortrag vor Ukrainern und ehemaligen Bewohnern aus Deutschland halten, der simultan übersetzt wurde. Seine Frau Gertrud erlebte diesen Höhepunkt nicht mehr, aber die Kinder waren alle dabei. Drei Töchter und einen Sohn haben die Bauers sowie sieben Enkelkinder und eine Urenkelin. Der Vater, Großvater und Urgroßvater ist glücklich darüber, dass „die Kinder auf unseren Spuren unterwegs“ sind und auch die Enkel sich beispielsweise für die Herkunft der Mutter interessieren.

Nicht zuletzt ist Erich Bauer auch ein SPD-Urgestein. Sein Vorbild und der Antrieb für seinen Parteieintritt: Willy Brandt. Erich Bauer hat die SPD-Ortsgruppe im Weissacher Tal mitbegründet und die Gemeinde auch auf Kreisebene vertreten.

Mit ähnlicher Leidenschaft pflegte der Pädagoge und Hobbyhistoriker früher leidenschaftlich seinen Garten. „Wir hatten Blumen, Gemüse und Obst, haben jahrzehntelang aus dem Garten gelebt.“ Bodenständig ist er geblieben trotz seiner vorzüglichen Bildung. Er ist Ehrenbürger der Gemeinde Allmersbach im Tal. Für seinen unermüdlichen gesellschaftlichen Einsatz hat Erich Bauer bereits 1990 das Bundesverdienstkreuz erhalten.

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Erstellt:
14. Juli 2020, 11:30 Uhr

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