Online-Training und Seilhüpfwettbewerb

Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt mindestens eine Stunde Bewegung am Tag für Kinder. Das wirke sich positiv auf das Gewicht und auf die psychische Gesundheit aus. Doch wie motiviert man den Nachwuchs zur Bewegung, wenn der Sportunterricht ausfällt und die Vereine pausieren?

Liegestütze und Sprungübungen: Jasmin Piesch (unten) aus Kirchberg an der Murr und Tochter Maylin treiben zu Hause Sport. Foto: A. Becher

© Alexander Becher

Liegestütze und Sprungübungen: Jasmin Piesch (unten) aus Kirchberg an der Murr und Tochter Maylin treiben zu Hause Sport. Foto: A. Becher

Von Simone Schneider-Seebeck

BACKNANG. Seit Monaten sind Sportstätten für den Breitensport geschlossen, der Schulsport muss ruhen. Und auch wenn die Schulen ab Ende Februar wieder ihre Tore – zumindest für die Grundschüler – öffnen dürfen, liegt der Fokus zunächst auf Deutsch, Mathematik und Sachunterricht. Wichtige Fächer, zweifellos. Doch die körperliche Ertüchtigung und besonders der Mangel daran darf nicht vergessen werden. War es im letzten Jahr in den warmen Monaten noch besonders einladend, sich draußen auszutoben, ist bei regnerischem und kaltem Wetter die Motivation dazu nicht unbedingt gegeben. Ein Glück, wenn Schnee und Sonne zum Schlittenfahren oder zur Schneeballschlacht einladen. Doch das reicht natürlich nicht aus, um das aufgestaute Bewegungsdefizit auszugleichen.

Sie lacht nur kurz auf, die Mutter des 13-Jährigen, bei der Frage, wie es denn mit der sportlichen Betätigung des Juniors in den letzten zwei Monaten ausgesehen habe. Nur die Daumen seien ausgesprochen aktiv gewesen, nämlich beim Computerspielen. Ganz anders bei der Mutter mit drei jüngeren Kindern. Die stürmen bei jeder Gelegenheit raus, vor allem der Älteste, 3. Klasse Grundschule, muss nach dem Erledigen seiner Schulaufgaben erst mal eine Runde kicken oder Rad fahren zum Ausgleich. „Mir tut das richtig weh“, so Silke Olbrich vom Regionalteam Sport des Schulamts Backnang, wenn sie an die Kinder im sportlosen Lockdown denkt. Sie unterrichtet selbst an einer Grundschule und für sie ist Bewegung unverzichtbar – gerade auch in der Schule. So gibt es in Olbrichs Unterrichtsstunden immer wieder kleine Bewegungspausen. „In der Grundschule kann man viel machen“, erklärt sie.

Sich nicht ausreichend zu bewegen, das fehle den Kindern. Doch wie kann man sie in Zeiten des Lockdowns dazu motivieren? Es komme auch darauf an, was zu Hause vorgelebt werde, so die Sportlehrerin. Seien die Eltern aktiv, falle es ihnen leichter, auch ihre Kinder dazu zu bewegen, sich aufzuraffen und etwas zu machen. Doch sind die Eltern etwa voll berufstätig und dann noch durch die Unterstützung der Kinder daheim mit Schulaufgaben gefordert, ist die eigene Motivation vielleicht nicht mehr unbedingt vorhanden, sich auch noch körperlich zu betätigen. Und wenn es gerade keine Möglichkeit gibt rauszugehen und die Wohnung nicht so groß ist, könnte auch das ein Hinderungsgrund sein. Dabei ist Bewegung nicht nur wichtig, um sich körperlich fit zu halten. Auch die Konzentrationsfähigkeit profitiert davon.

„Durch Bewegung werden Glückshormone ausgeschüttet“, erklärt Isabel Ebinger, Sportfachkraft der AOK Ludwigsburg/Rems-Murr. Außerdem verknüpfen sich die Nervenbahnen dadurch engmaschig, sodass die „Datenübertragung“ im Gehirn schneller funktioniert.

Positiver Effekt: Das Gehirn ist leistungsfähiger, Gelerntes prägt sich besser ein. Doch wie schafft man es, den inneren Schweinehund zu besiegen und aktiv zu werden? Auch Ebinger sieht hier einerseits das Vorbild der Eltern, erkennt allerdings auch die Schwierigkeiten: „Die Eltern sind sowieso schon sehr gefordert durch das Homeschooling. Das ist für alle eine extreme Doppelbelastung.“ Doch gerade in dieser Situation bestehe in der gemeinsamen Bewegung eine echte Chance: Denn Sport hilft beim Stressabbau. Daher empfiehlt sie gemeinsame Freizeitaktivitäten – am besten an der frischen Luft. Einerseits motiviert es die Kinder, wenn die Eltern mitmachen, und andererseits ist das eine gute Gelegenheit, generationsübergreifend Spaß und Erfolge miteinander zu teilen.

Die Vereine tun einiges, damit der Breitensport nicht zum Erliegen kommt.„Eine solche bewusste, gemeinsam positiv erlebte Zeit trägt ganz wesentlich zur Familiengesundheit bei.“ Auch durch die Schulen könne über das Homeschooling vieles erreicht werden. Viele Lehrer legten sich da richtig ins Zeug, um ihren Schülern daheim die Bewegung mit altersgerechten Trainingsangeboten oder Challenges schmackhaft zu machen. Der Wettbewerbsgedanke ist hierbei ein guter Motivator. Zudem bieten auch Vereine Online-Trainings an, schicken Trainingspläne an ihre Mitglieder und tun so einiges, um zu verhindern, dass der Breitensport komplett darniederliegt. Dazu gehört auch Jasmin Piesch. Die dreifache Mutter mit Kindern im Kindergarten- und Grundschulalter ist Jugendleiterin in der Abteilung Turnen der Sportvereinigung Kirchberg an der Murr. Als die Sportstätten während des ersten Lockdowns im vergangenen Frühjahr geschlossen hatten, schickte sie Bewegungsideen des Stuttgarter Turnerbunds weiter in ihre Kinderturngruppe.

Allerdings gab es dazu nur wenige Rückmeldungen. „Etwas Persönliches kommt besser an“, hat sie festgestellt und erstellt seit November jede Woche ein kleines Bewegungsvideo, das in die verschiedenen Gruppen weitergegeben wird. Die werden gern genutzt, wie sie erfahren hat. Sogar ihre Kinder sind manchmal mit dabei. „Es ist wichtig, dass alle mitmachen und auch Spaß dabei haben“, ist ihr Tipp. Ein sportlicher Wettkampf unterstützt dabei. So gab es beispielsweise eine Familienseilhüpfchallenge, bei der Kinder und Eltern eifrig teilnahmen. Jeden Abend wurde gehüpft. Die Kinder haben sich gegenseitig angestachelt. Der Ehrgeiz war geweckt. „Man hat sich ausgepowert“, so Piesch.

Zudem hat sie die Erfahrung gemacht, dass Bewegung im Freien eigentlich von alleine funktioniert. Ist man einmal draußen, fällt den Kindern immer etwas ein. Auch ein einfacher Spaziergang kann zum Abenteuer werden, indem man Naturmaterialien sammelt, Spuren liest, sich eine Abenteuergeschichte dazu überlegt, Rätsel löst. Eine Geschichte um die Aktivitäten draußen erfinden oder sich ein Ziel setzen, damit hat es bei ihrer Familie gut geklappt. „Im Sommer sind wir oft nach Steinheim zur Eisdiele geradelt“, lacht Piesch. Da war die Motivation natürlich besonders groß.

Elternbefragung

Gut jeder fünfte Befragte (22 Prozent) sagt, dass sein Kind in der Freizeit keinen Sport treibt – dies trifft erwartungsgemäß vor allem auf Kinder von ein bis drei Jahren zu, aber auch rund ein Viertel der 15- bis 18-Jährigen treibt privat keinen Sport.

40 Prozent der 15- bis 18-Jährigen verbringen inzwischen ebenso viel Zeit vor dem Bildschirm wie in der Schule.

Knapp die Hälfte der befragten Eltern (44 Prozent) bemerken laut Forsa-Befragung bei ihrem Kind mindestens eine der folgenden Beschwerden oder Verhaltensweisen: Konzentrationsprobleme (14 Prozent), ungesunde Ernährung oder unregelmäßiges Essen (13 Prozent), Schlafprobleme (11 Prozent) und Kurzsichtigkeit (10 Prozent).

Im Internet finden sich zahlreiche Bewegungsangebote für Kinder, beispielsweise unter www.aok.de/pk/magazin/familie/jolinchen/jolinchens-bewegungsspiele, auf YouTube „Henriettas bewegte Schule“, www.swr.de/sport/fitnessuebungen-fuer-zuhause-100.html.
(Quelle: Umfrage des Forsainstituts)

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Erstellt:
25. Februar 2021, 11:30 Uhr

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