Buch mit früheren Reden erschienen
Option für die Armen: Papst Leo XIV. wurde früh von der Befreiungstheologie geprägt
Bevor Leo XIV. Bischof, Kardinal und später Papst wurde, leitete er den weltweiten Augustiner-Orden. Seine Reden von damals zeigen einen Priester, der stark von Ideen der lateinamerikanischen Befreiungstheologie geprägt ist.
© Imago/Abacapress
Eine Sammlung von Beiträgen aus der Zeit, als Leo XIV. noch nicht Papst war, sondern Generalprior des Augustinerordens (2001–2013), hat der Vatikan nun als Buch herausgegeben.
Von Markus Brauer/KNA
Im Mittelpunkt der „teología de la liberación“, wie die lateinamerikanische Befreiungstheologie auf spanisch heißt, steht die „Option für die Armen“. Sie entstand aus der Erfahrung von Elend und Unterdrückung, in der die Mehrheit der Bevölkerung Lateinamerikas leben muss.
Wichtige Vertreter
Zu ihren bekanntesten Vertretern zählen die Brüder Leonardo und Clodovis Boff aus Brasilien, der nicaraguanische Dichter Ernesto Cardenal (1925-2005), der brasilianische Erzbischof Helder Camara (1909-1999) und der Peruaner Gustavo Gutierrez (1928-2004). Sein Buch „Teologia de la liberacion“ von 1971 gab der Bewegung ihren Namen. Auch der 1980 ermordete salvadorianische Erzbischof Oscar Romero (geboren 1917, heiliggesprochen 2015) wird wegen seiner Hinwendung zu den Armen dazu gezählt.
Option für die Armen und Kritik aus dem Vatikan
Die Befreiungstheologie reagierte auf die politische und soziale Situation Lateinamerikas in den 1960er und 1970er Jahren. Angesichts der Massenarmut hatte 1968 die Versammlung der Lateinamerikanischen Bischöfe im kolumbianischen Medellin einen Weg empfohlen, der als „Option für die Armen“ beschrieben wurde. Es entstanden Tausende kirchlich und sozialpolitisch engagierter „Basisgemeinden“.
Der Vatikan kritisierte, dass bestimmte Vertreter der Befreiungstheologie in ihrer Gesellschaftsanalyse marxistische Deutungsmuster verwendeten und zur Revolution aufriefen. Zahlreiche Theologen und Priester wie Leonardo Boff wurden mit Lehr- und Schreibverboten belegt oder suspendiert. Dennoch breiteten sich Theorien der Befreiungstheologie auch in Afrika und Asien aus.
Die Glaubenskongregation unter Kardinal Joseph Ratzinger, dem späteren Papst Benedikt XVI. (2005-2013), stellte in den Jahren 1984 und 1986 in zwei Instruktionen die Unvereinbarkeit einer marxistisch verstandenen Befreiungstheologie mit der kirchlichen Lehre fest. Diese Form der Theologie missverstehe die Idee des Gottesreiches und verrate den Glauben zugunsten revolutionärer Projekte.
Einfluss von Papst Franziskus
Nach dem Scheitern des Kommunismus in Europa nahm das Medieninteresse an der Befreiungstheologie zunehmend ab. In der Sozialverkündigung der Kirche ist die „vorrangige Option für die Armen“ bis heute ein tragendes Element.
Mit der Wahl des Argentiniers Jorge Mario Bergoglio (1936-2025) zum Papst im Jahr 2013 rückten die Themen Armut und Ausgrenzung wieder verstärkt in den Fokus der katholischen Weltkirche.
Leo XIV.: Neues Buch mit alten Reden
Auch Franziskus’ Nachfolger, Papst Leo XIV., wurde in seinen Überzeugungen stark von Ideen und Begriffen der lateinamerikanischen Befreiungstheologie geprägt. Das geht aus älteren Ansprachen hervor, die in einem am Montag (4. Mai) erschienenen Buch veröffentlicht worden sind.
Wie das Portal „Vatican News“ berichtet, haben die Augustinerpatres Rocco Ronzani, Miguel Ángel Martín Juárez und Michael Di Gregorio das Buch gemeinsam mit der vatikanischen Verlagsbuchhandlung herausgegeben. Der italienische Titel lautet „Liberi sotto la grazia“ (Frei unter der Gnade) von Robert Francis Prevost (Verlag Libreria Editrice Vaticana, 560 Seiten, 26,43 Euro).
Einblick in das Denken des heutigen Papstes
Das Buch soll in zahlreichen Sprachen – auch auf Deutsch – erscheinen. Das Buch mit Reden von Robert Francis Prevost gibt Einblicke in das theologische, aber auch in das politische und kirchenpolitische Denken des späteren Papstes.
Darin wird unter anderem eine Rede dokumentiert, die der damalige Generalprior des Augustiner-Ordens am 2. März 2002 in der peruanischen Amazonas-Stadt Iquitos hielt. Damals sagte Prevost: „Die Realität der ungerechten Armut und der Marginalisierung ist eines der drängendsten Probleme der heutigen Welt, und das nicht nur in der ‚Dritten Welt’.“
Papst Leo XIV. hat ein Buch mit eigenen Texten aus seiner Zeit als Generalprior des Augustinerordens erhalten. Der Sammelband "Liberi sotto la grazia. Alla scuola di Sant’Agostino di fronte alle sfide della storia", ist ab Montag auf Italienisch erhältlich.⬇️©️VaticanMedia pic.twitter.com/jP25xSNLIN — Vatican News (@vaticannews_de) May 3, 2026
Leo XIV. und die Option für die Armen
Weiter sagte er: „Niemand kann heute Christ sein und sich vom ‚Schrei der Armen’ und dem Kampf für Gerechtigkeit entziehen. Die Verelendung von Millionen von Menschen ist ein wahres ‚Sakrament’ der Sünde in der Welt“.
An anderer Stelle seiner Rede heißt es: „Die Entwicklung ist ein integraler Bestandteil der Evangelisierung, die Tätigkeit der Seelsorge überschreite die Grenzen dessen, was bloß ‚religiös’ ist, in Übereinstimmung mit der Soziallehre der Kirche und der Dringlichkeit der besonderen Option für die Armen. Diese muss nicht nur bei den Indigenen zum Zug kommen, die oft die Ärmsten der Armen sind . . . , sondern auch angesichts jeder Form von Ausgrenzung, die gegen die Menschenwürde geht.“
