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Passion für alte Motorräder und Roboter

Neuer Festo-Chef schraubt gerne an alten Maschinen – 57-Jähriger bringt viel Erfahrung aus anderen Familienunternehmen mit

Porträt - Festo-Chef Oliver Jung ist seit fünf Monaten bei dem Esslinger Automatisierungsspezialisten im Amt. Er hat insbesondere China im Visier. Dort will er bis 2025 den Umsatz verdoppeln.

hannover Oliver Jung ist begeisterungsfähig. Wer ihn auf Motorräder anspricht, erntet ein strahlendes Lächeln. „Eine Handvoll“ älterer Motorräder besitzt der neue Chef des Esslinger Automatisierungsspezialisten Festo. Und wenn er an den Maschinen schrauben kann, „ist das ein Hochgefühl für einen Ingenieur“, wie Jung erzählt. Er hat sogar selbst ein Motorrad gebaut. Als sein Sohn 18 Jahre geworden sei, erzählt Jung im Gespräch mit unserer Zeitung, habe er ihm den Vorschlag gemacht, ein eigenes Motorrad zu basteln. Verwendet wurde, was an Ersatzteilen im Hause Jung vorrätig war; den Rest hat der gebürtige Berliner im Internet ersteigert. Nach sechs Monaten war es geschafft; Tüv und Zulassung wurden erteilt. Seit zwei Jahren fährt der Sohn nun dieses Zweirad – und auch bei ihm ist die Begeisterung geweckt, wie Jung erzählt. Nun studiert der Sohn Maschinenbau, den gleichen Studiengang, den sein Vater Jahre zuvor absolviert hat.

Seit fünf Monaten ist Oliver Jung nun Vorstandschef bei Festo. Der Kontakt zu dem Unternehmen kam über Aufsichtsratschef Klaus Wucherer zustande; dieser habe ihn angerufen, erzählt der 57-Jährige. Recht zügig habe er dann die Gesellschafter kennengelernt. Jung hat Erfahrung mit Familienunternehmen: Er startete seine Karriere bei Bosch, wechselte zu den Familienunternehmen Schmitz Cargobull, einem Hersteller von Sattelaufliegern, und anschließend zum Autozulieferer Schaeffler. „Ich habe mein Berufsleben in Familienunternehmen zugebracht“, sagt Jung. Was er bei dem Esslinger Familienbetrieb kennengelernt hat, könnte ihn ähnlich begeistern wie Motorräder.

Etwa eine Roboterhand, die Festo derzeit auf der Hannover-Messe vorstellt. Jetzt kann man dem elektronischen Mitarbeiter auch die Hand schütteln. Die Softhand fühlt sich weich an. Sie besteht ja auch nicht aus Knochen, sondern aus flexiblen Balgstrukturen mit Luftkammern, die mit einem speziellen Textilmantel umschlossen sind. Somit kann genau bestimmt werden, an welchen Stellen die Hand sich ausdehnt und damit Kraft erzeugt. Dank ausgeklügelter Technik kann sie etwa einen zwölfseitigen Würfel aufheben. Und sie kann jeden Finger einzeln bewegen. Damit schafft sie es, den Würfel zu drehen – und zwar so lange, bis die vorher festgelegte, blaue Seite oben liegt.

Die bionische Hand ist ein Publikumsmagnet in Hannover – genauso wie viele Innovationen zuvor, die die Esslinger der Natur abgeschaut haben. Festo hat bereits Flughunde, Kängurus oder Chamäleons nachgebaut – und so effiziente Lösungen, um zu greifen oder sich zu bewegen, entwickelt. „Da werde ich mich einbringen“, sagt Jung zuversichtlich. Wenn er denn die Zeit dazu hat. Festo ist zwar auch im vergangenen Jahr gewachsen, aber deutlich langsamer als im Jahr zuvor. Um drei Prozent auf 3,2 Milliarden Euro ist der Umsatz gestiegen; plus zwölf Prozent waren es ein Jahr zuvor. Auch die Zahl der Mitarbeiter ist gestiegen – um 100 auf 21 000 Beschäftigte. 9200 sind in Deutschland tätig. „2018 war für uns ein erfolgreiches Jahr, trotz zunehmendem Gegenwind von der globalen Konjunktur und negativen Währungseffekten“, sagte Jung. Doch der internationale Wettbewerb sei härter geworden. Und um die Innovationskraft zu verteidigen, müsse Festo nicht nur seine Kostenstrukturen verbessern; das Unternehmen, das Gesellschaften in 61 Ländern hat, müsse auch Innovationen noch schneller in den Markt bringen. Die Investitionen in Forschung und Entwicklung (F&E) sollen nicht überproportional steigen. Die F&E-Quote liegt bei acht Prozent.

Und Festo müsse noch globaler werden. Vor allem China hat Jung im Visier. Zehn Prozent des Umsatzes erzielt das Unternehmen in der Volksrepublik. 2000 Mitarbeiter sind dort beschäftigt. Bis 2025 soll sich der China-Umsatz verdoppeln. Anfang 2019 wurde ein neues Werk im chinesischen Suncun in Betrieb aufgenommen. 2018 wurden zudem Werke in Mason/USA und in Budapest/Ungarn ausgebaut. Und Festo hat im Herbst 2018 ein Technikzentrum in Boston eröffnet. Damit sei das Unternehmen nun an einem der weltweit wichtigsten Entwicklungsstandorte für Life-Science – Automatisierung in der Medizin- und Diagnosetechnik – angekommen.

Jung drückt offensichtlich aufs Tempo. Ihm macht die Arbeit Spaß, sagt er. Work-Life-Balance interpretiert er auch etwas eigenwillig. „Work is life“, sagt er – Arbeit ist Leben. Viel Zeit für seine Motorräder, die allesamt in Fürth stehen – dort wohnt die Familie –, dürfte nicht bleiben. Dass er 300 000 Kilometer mit einer Maschine fährt, dürfte wohl auch der Vergangenheit angehören. Als Student hat er gemeinsam mit seiner späteren Frau viel Zeit auf dem Motorrad verbracht.

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Erstellt:
3. April 2019, 14:19 Uhr

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