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Paten helfen auch in Coronazeiten

Bürgerpreis-Kandidaten 2020: Der Arbeitskreis Integration der Gemeinde Weissach kümmert sich mit seinen ehrenamtlichen Helfern um die Schutzsuchenden vor Ort. Ziel der persönlichen Begleitung ist es, eine gute Integration zu schaffen.

Gemeinsames Backen mit geflüchteten Kindern: Vorne links ist Believe, dann die Patin Heike Kaupp sowie Sara und Bilsan. Foto: privat

Gemeinsames Backen mit geflüchteten Kindern: Vorne links ist Believe, dann die Patin Heike Kaupp sowie Sara und Bilsan. Foto: privat

Von Armin Fechter

WEISSACH IM TAL. Gerade jetzt, in Zeiten von Corona, ist der Einsatz des Arbeitskreises Integration in Weissach wichtig: Die ehrenamtlichen Paten stehen den Geflüchteten in der Gemeinde zur Seite. Jennifer Reinert, im Weissacher Rathaus zuständig für Soziales und Integration, sagt es ohne Umschweife: „Die Flüchtlinge sind noch da. Das geht in der Öffentlichkeit zurzeit völlig unter.“ Klar, alles redet von Corona. Der Fokus liegt auf der tödlichen Bedrohung durch das fremde Virus – da verlieren viele den Blick für andere Themen aus dem Auge.

Aber die ehrenamtliche Arbeit des Arbeitskreises Integration, der bereits 2014 im Blick auf die sich abzeichnende Flüchtlingswelle gegründet wurde, geht weiter. Nicht nur das: In Coronazeiten ist das ehrenamtliche Engagement der Paten besonders wichtig. Denn die dynamische Entwicklung mit den vielfältigen Regelungen und Beschränkungen ist auch bei den Schutzsuchenden angekommen. Die Paten haben, so erläutert Reinert, eine persönliche Beziehung zu ihren Schützlingen aufgebaut und stehen ihnen nun für Rat und Gespräche zur Verfügung. Zugleich macht die Integrationsbeauftragte deutlich, dass die Unterstützung auch ankommt: „Die Leute lassen sich von den Paten helfen.“

Besonders im Blick haben die ehrenamtlichen Helfer in dieser Zeit die Kinder: Sie hätten jetzt mehr Hilfe nötig als sonst schon. Denn in einer Situation, in der Aufgabenpakete, Homeschooling und E-Learning den geregelten Unterrichtsalltag ersetzen, zeigen sich Defizite im Bildungssystem ganz besonders. Reinert: „Ohne die Unterstützung des Elternhauses wird in Deutschland aus den Kindern nichts.“ Die Paten aber könnten in 1:1-Begleitung Beistand bieten und zum Beispiel mit den Kindern zusammen die Aufgaben machen.

Gegründet wurde der Arbeitskreis, um negativen Tendenzen gegenüber Flüchtlingen in der Gemeinde entgegenzuwirken. Reinert erinnert in diesem Zusammenhang an den Brandanschlag auf eine geplante Unterkunft im Jahr 2015. Dank der Vernetzung der ortsansässigen Paten und Sprachhelfer würden Geflüchtete vom ersten Tag an als Mitbürger in den Alltag integriert statt nur betreut. So könne sich ein Vertrauensverhältnis bilden; die Paten seien erster Ansprechpartner und Vertrauensperson vor Ort.

Bei Veranstaltungen aller Art sind die Geflüchteten aktiv dabei. So bringen sie sich beim Weihnachtsmarkt als Helfer beim Aufbau und Verkauf ein und unterstützen so ihrerseits die Kommune. Auch als Dolmetscher, Kulturmittler oder Unterstützer von Landsleuten beteiligen sie sich. Reinert: „Es herrscht ein Geben und Nehmen.“ Viel Wert wird dabei auf Selbstständigkeit gelegt, wie es in Maria Montessoris Leitwort heißt: Hilf mir, es selbst zu tun. Das gilt für Behördengänge ebenso wie für Bewerbungen um eine Ausbildungsstelle oder einen Job.

Seit 2017 existieren Leitlinien für die ehrenamtlichen Paten als Orientierung sowohl für die Ehrenamtlichen als auch für die Geflüchteten. Deren Ziel ist es, eine verlässliche und stabile Partnerschaft zu etablieren. Kontinuierlich begleitet wird dies von der Integrationsmanagerin, die mit den Geflüchteten regelmäßig Integrationsgespräche führt, „um niemanden zu verlieren“. An vielen Stellen erfahren die Geflüchteten praktische Hilfe. Ehrenamtliche Sprachhelferinnen geben in Kleingruppen Deutschunterricht. Eine Fahrradvergabe wird über die Kommune verwaltet. Viermal jährlich gibt es eine Reparaturwerkstatt für Fahrräder, die dazu anleitet, Zweiräder künftig selbst instandhalten zu können.

Zudem werden Kooperationen praktiziert, etwa mit der Evangelischen Gesellschaft (eva) in Stuttgart. Es gibt Elternbildungsangebote, Krabbelgruppen und auch Männertreffs, in denen über Themen wie Geschlechterrollen in Deutschland gesprochen wird. Ziel: den sozialen Frieden in der Kommune erhalten. Eine Helferin im Freiwilligen Sozialen Jahr (FSJ) organisiert Ferienprogramme und bietet in Kooperation mit den Schulen Lernhilfe für Kinder an, die sich mit der Sprache oder dem Schulstoff schwertun. Ferner werden Vorträge und Workshops angeboten, zum Beispiel Hygieneschulungen, weitere Themen sind Gefahren im Internet und Suchtprävention. Die verschiedenen Angebote werden, so Jennifer Reinert, „von allen Familien, für die wir zuständig sind, sehr gut angenommen“. Das liege vor allem daran, dass die Akteure das Vertrauen der Geflüchteten genießen. So sei eine gute Integration ins Gemeindeleben geschaffen worden.

Auch von dritter Seite bekommt das Patensystem positives Feedback: Schulen, Kindergärten, Arbeitgeber und auch Ärzte begrüßen diese Begleitung, bei der Zuverlässigkeit, Verbindlichkeit und Ideologieferne an erster Stelle stehen und trotz sprachlicher Hürden immer ein Ansprechpartner zur Hand ist. Und es gab auch schon hohe Auszeichnungen für das Flüchtlingspatenprojekt: So zeichnete das Bündnis für Demokratie und Toleranz den Weissacher Arbeitskreis Integration im vergangenen Jahr aus. Das Engagement des AK Integration geht aber weiter, gerade auch in Coronazeiten. Sprachkurse, Infoveranstaltungen und Kurse, aber auch Aktionen, die zu einer Annäherung und Identifikation mit der Kultur und den Menschen vor Ort beitragen, sollen fortgeführt werden.

In einer Serie stellt unsere Zeitung die Kandidaten aus unserem Verbreitungsgebiet vor, die beim Bürgerpreis Rems-Murr für den Leserpreis der Backnanger Kreiszeitung und der Murrhardter Zeitung nominiert sind.

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Erstellt:
22. Mai 2020, 06:00 Uhr

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