Patrick Scholz hat den coolsten Job

60 Grad Unterschied vor und hinter der Tür sind spitze – Bei 40 Grad Außentemperatur herrschen im Tiefkühlhaus bei Pfennigwerth in Backnang minus 22 Grad

Kalt, kälter, am kältesten – Patrick Scholz hat nen richtig coolen Job. Er arbeitet beim Lebensmittelgroßhändler Pfennigwerth in Backnang im Tiefkühlhaus. Dort zeigt das Thermometer, wie cool es ist: minus 22 Grad Celsius. Länger als eine Stunde hält sich der 27-Jährige dort nicht auf. Dann geht’s von einem Extrem ins andere.

Ob Roastbeef oder Dorade, Hummerkrabben oder Käsekuchen, Patrick Scholz packt jede Tiefkühlkost an, aber nur mit Handschuhen. Foto: A. Becher

© Pressefotografie Alexander Beche

Ob Roastbeef oder Dorade, Hummerkrabben oder Käsekuchen, Patrick Scholz packt jede Tiefkühlkost an, aber nur mit Handschuhen. Foto: A. Becher

Von Florian Muhl

BACKNANG. Wer zieht bei 40 Grad Außentemperatur lange Skiunterwäsche mit Fließjacke an? Darüber noch Thermohose und Thermojacke? Und, als ob’s nicht genug wäre, zum Schluss auch noch Wollmütze und fette Handschuhe? Patrick Scholz macht’s. Freiwillig. Oder doch nicht ganz. Denn der 27-Jährige geht aus der Hitze nur durch eine einzige Tür in die Eiseskälte. Im Tiefkühlhaus ist sein Arbeitsplatz. Dort ist die Anzeige des Digitalthermometers über den Wert von minus 20 Grad Celsius gestiegen. Oder sagt man gefallen? Egal. Der Erbstettener hat einfach den coolsten Job im ganzen Rems-Murr-Kreis.

„Wenn man die passende Kleidung hat, geht jede Arbeit“

Auf zum Fototermin. Scholz ist in Montur. Er öffnet die Tür zum Tiefkühlhaus. Sofort entweichen Eiswolken durch den Türschlitz. Fotograf Alex Becher sagt: „Frisch ist’s hier drin.“ Recht hat er. Aber so was von. Zuerst geht’s zum Thermometer. Becher schießt Fotos, was das Zeug hält. „Hoffentlich hält die Kamera“, hatte er vor dem Gang in die Eiskammer noch gesagt. Von Kammer kann allerdings keine Rede sein. Denn die Grundfläche beträgt 300 Quadratmeter. „Und hoffentlich hält der Blitz.“ Also gleich weiter, die nächsten Motive. Scholz hat einen Lieferschein dabei und bestückt einen Wagen mit Tiefkühlkost. „Fleisch mag ich am liebsten“, sagt der 27-Jährige. „Fisch kann ich nicht ausstehen. Aber man riecht’s trotzdem, selbst durch die Verpackung.“ Nach zehn Minuten hat Becher ausreichend Motive geschossen. Oder will er nach draußen, weil sich Eiszapfen an seinen Ohren bilden? (Kleiner Scherz!) Einer hat dann doch schnell versagt, der Stift des Redakteurs. Also doch wieder ins Warme. Und schwupp: alle Brillen sind sofort beschlagen. Und das Objektiv des Fotografen. Das braucht er jetzt zum Glück nicht mehr.

Offensichtlich liebt Scholz die Extreme. Von einem zum anderen hat er sich innerhalb von nur wenigen Monaten im wahrsten Sinn des Wortes vorgearbeitet. Denn bis 2014 hat er noch auf dem Bau geschafft. Teilweise im Sommer bei Temperaturen jenseits der 30-Grad-Grenze. Dann wechselte er zu Pfennigwert, weil sein Vater dort bereits als Fahrer unterwegs war. Er kam zunächst in den Frischebereich. Dort herrschen Temperaturen zwischen zwei und sechs Grad. Ein Jahr später ging’s in den Tiefkühlbereich. Auf die Frage, was besser war, auf dem Bau schaffen oder beim Lebensmittelgroßhändler, sagt Scholz: „Schlimmer ist die Hitze. Das war auf der Baustelle unerträglich. Wenn es mir hier zu heiß wird, gehe ich ins Tiefkühlhaus. Und wenn’s mir zu kalt wird, komm’ ich wieder raus.“ Und was sagen die Freunde, wenn sie von seinem Arbeitsplatz hören? „Du spinnst doch, Wie kann man nur bei minus 20 Grad arbeiten?“ sagt Scholz. Aber auf solche Fragen ist er gefasst und kontert dann: „Wenn man die passende Kleidung hat, geht jede Arbeit.“

„Unsere Mitarbeiter sind natürlich nicht den ganzen Tag im Tiefkühlhaus. Das würde auch das Gesetz gar nicht zulassen“, sagt Mike Pfennigwerth. Erlaubt seien zwei Stunden an einem Stück, dann müsse eine Pause von mindestens 15 Minuten folgen. Selbst diese Regelung hält der Firmenchef für nicht umsetzbar. „Bei uns ist Herr Scholz oder sein Kollege höchsten 45 bis 60 Minuten drin.“

Pfennigwerth hat im Alter von 21 Jahren im Einzelhandel mit seinem „Käsekistchen“ begonnen. Mit dem Verkaufswagen besuchte er fünf Jahre lang die Märkte in Unterweissach und Reutlingen und verkaufte Milchprodukte und Käse. 1992 übernahm er einen Lebensmittelgroßhandel. Zusammen mit seinem Vater startete er mit acht Mitarbeitern und 400 Quadratmeter großen Kühlräumen. Heute, im Alter von 53, hat Pfennigwerth über 40 Mitarbeiter und eine Gebäudegrundfläche von 2200 Quadratmetern, davon 900 gekühlt, und platzt aus allen Nähten. Das Unternehmen des Aspachers beliefert hauptsächlich Gastronomen und Kantinen im Umkreis von 150 Kilometern mit Lebensmitteln aller Art.

Info
Pfennigwerth in Zahlen

Im Alter von 26 Jahren übernimmt Mike Pfennigwerth 1992 zusammen mit seinem Vater einen Lebensmittelgroßhandel in Nellmersbach. Er startet mit acht Mitarbeitern und Kühlräumen mit einer Grundfläche von 400 Quadratmetern.

1995 erfolgt der Umzug nach Backnang, Lange Äcker 22. Dort steht ein Gebäude mit 1200 Quadratmetern mit Kühlhalle (600 Quadratmeter ) und Trockenlager (400) sowie Büro- und Sozialräume.

2007 ein weiterer Neubau, Lange Äcker 18, mit 1000 Quadratmetern mit Tiefkühlhaus (300) und Trockenlager (700).

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Erstellt:
25. Juli 2019, 10:30 Uhr

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