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Paulinenpflege freut sich auf Gurken und Tomaten

72-Stunden-Sozialaktion der katholischen Jugendverbände: 31 Ministranten bauen Hochbeete und Sitzmöbel aus alten Euro-Paletten auf einer Dachterrasse

Die 72-Stunden-Sozialaktion der katholischen Jugendverbände hat auch in Backnang Kinder und Jugendliche mobilisiert. 31 Ministranten der Kirchengemeinde Christkönig und St. Johannes gestalteten neue Dachterrasse der Paulinenpflege. Sie haben fünf Hochbeete, einen Sichtschutz aus brombeerfarbenen Holzlatten und Sitzmöbel aus Euro-Paletten geschaffen.

Euro-Paletten lassen sich vielseitig wiederverwerten. Das bewiesen 31 Ministranten, die Sitzbänke und Hochbeete fertigten. Foto: J. Fiedler

© Jörg Fiedler

Euro-Paletten lassen sich vielseitig wiederverwerten. Das bewiesen 31 Ministranten, die Sitzbänke und Hochbeete fertigten. Foto: J. Fiedler

Von Heidrun Gehrke

BACKNANG. Sie schaffen, schrauben, schwitzen gemeinsam. Und sie haben viel Spaß dabei. 72 Stunden zusammen sein, gemeinsames Übernachten auf Matratzen in Schlafsäcken, viel überlegen, einiges organisieren, neue Dinge ausprobieren, Pläne machen, Handarbeit statt Handydaddeln – dies alles für einen gemeinnützigen Zweck.

„Wir liegen gut im Zeitplan“, gibt sich Koordinatorin Mareike Schwartz, Dekanatsoberministrantin im Dekanat Rems-Murr, am Samstagnachmittag zuversichtlich. Gut die Hälfte der gesetzten Zeit ist vorüber. Dank des Einsatzes der Ministranten wachsen oben auf der Dachterrasse der Paulinenpflege – ehemals Postgebäude – zwischen Beton der Stadthäuser künftig Brokkoli, Auberginen, Gurken, Tomaten, Paprika, Zitronenmelisse, gelbe Zucchini und Kerbel.

Die Bewohner können das schöne Wetter auf Bänken genießen und haben einen brombeerfarbenen Sichtschutz bekommen. Einige schauen dem konstruktiven Gewusel in ihrer Wohngruppe gespannt zu und beobachten aufmerksam die ungewohnt große Schar junger Menschen, die ihnen die Dachterrasse neu möbliert. Bei einzelnen Arbeitsschritten haben die Menschen mit Behinderung mitgearbeitet – etwa beim Einpflanzen der Setzlinge in das Hochbeet.

„Es gab keine Berührungsängste“, sagt Mareike Schwartz. „Wir haben erst die Paletten mit Schmirgelpapier glattgemacht und auch mit Schleifmaschinen“, berichtet Noah. „Es macht Spaß, mit Behinderten zu arbeiten“, sagt der Zehnjährige. Die ältesten sind 22. Auch dieses Miteinander habe „spitzenmäßig funktioniert“, sagt Mareike Schwartz. „Die Größeren passen von selbst auf die Kleineren auf“, meint sie.

Die Ministranten sind in einer ausgelassenen Stimmung auf der Dachterrasse anzutreffen. „Müde, erschöpft, es ist auch anstrengend, aber ich bin glücklich“, sagt Maja (13) stellvertretend für alle, die Lust haben, in einer Gemeinschaft etwas zu verändern und in Berührung zu kommen mit anderen Menschen. Der 15-jährige Yannick macht mit, weil „wir etwas für andere tun und Spaß haben“. Mit schwingendem Pinsel, brummendem Akkuschrauber und an der surrenden Nähmaschine lernen sie soziales Engagement kennen als etwas, das Freude bereitet. „Als dann alle gemeinsam hier mit Farbe gestrichen haben, hat die Sonne geschienen und es lief Musik, das war besonders schön“, sagt der 17-jährige Markus.

„Es ist eine unglaubliche Gemeinschaftssache, weil etwas Nachhaltiges geschaffen wurde und nicht nur ein kleines Projekt“, so Mareike Schwartz über die Expedition ins Ungewisse, die da heißt Eigenverantwortung. „Es musste alles selbst organisiert und beschafft werden“, fährt Mareike fort. Schon aus Kostengründen hätten sie des Öfteren improvisiert. Etliche, die in der Nähe wohnen, hätten spontan Werkzeuge oder Zubehör zuhause geholt. „Wir haben erst am Freitagfrüh ausgetüftelt, wie wir die Paletten am schlauesten zusammenschrauben“, so Mareike. Ein Schreiner sei nicht verfügbar gewesen.

Um zu wissen, „wie solche Möbel aussehen könnten“, seien sie im Baumarkt und in Internetvideos auf Ideensuche gegangen. Danach heißt es „Learning by Sägen“: Damit die Lehne Platz hat und nicht zu weit absteht, werden spontan ein paar Zentimeter Holz von Hand abgesägt. Als absehbar ist, dass die Lasur zur Neige geht, entwickeln sie Plan B: Die Farbe, die vom Bemalen des Sichtschutzes übrig ist, macht auch die Möbel schön. Der Materialeinsatz ist gelebtes Recycling: Aus alten Spannbetttüchern und Bettbezügen nähen sie Bezüge für die Gartenmöbel. Bei Eltern kann einen Abend lang die Waschmaschine belagert werden, um die weißen Bezüge zu färben – sie leuchten nun im selben Brombeerton der Sichtschutzlatten.

Eine neue Erfahrung auch: die Verwandlung eines alten Stück Holzes in ein grünes und blühendes Hochbeet. „Wir haben eine Palette hochkant in eine Holzkiste gestellt, sie mit Erde befüllt, und wie einen Balkonkasten mit Blumen, Gemüse und Kräutern bepflanzt“, schildert Mareike.

Am Sonntagmittag legen sie die Werkzeuge nieder und weihen die Dachterrasse mit einem Grillfest ein - den Zeitplan unterschreiten sie. Das Ergebnis nach unter 70 Stunden ist beeindruckend und schwer: „Schieben geht noch, tragen nicht mehr“, so Mareike Schwartz über die vier Sitzmöbel aus jeweils vier Paletten, zwei Tische mit Palettenholz-Füßen und die 25 frisch bemalten Altholzlatten.

Info
Hilfsbereitschaft überall

Das soziale Engagement der zehn- bis 22-jährigen Ministranten riss Erwachsene mit. Viele Eltern und Gemeindemitglieder haben eine Runde T-Shirts gewaschen, Essen gebracht und Kuchen gebacken. Bei den regionalen Betrieben rannten sie in ihren grünen T-Shirts offene Türen ein: Ein Geschäft spendete alte Matratzen, auf dem Markt durften sie übrig gebliebene Pflanzen für ihre Hochbeete einsammeln, ein Malerbetrieb stellte Farbe zur Verfügung, das Altholz und die Paletten holten sie bei einem Sägewerk.
Eine Firma spendierte Frühstück und lud alle zum Mittagessen in die Kantine ein.

Die Christkönig Gemeinde und die Gemeinde St. Johannes gehören zur Seelsorgeeinheit Backnang. Daneben waren im Verbreitungsgebiet der Backnanger Kreiszeitung die Seelsorgeeinheiten Ebersberg/Weissach, Kirchberg/Oppenweiler sowie Murrhardt/Sulzbach beteiligt.

Die Aktionsgruppe Oberes Murrtal hatte die Aufgabe, am Römersee eine Grillstelle und ein Einweihungsfest zu gestalten. „Beetogether Weissach“ hat auf öffentlichen Plätzen ein Zuhause für Wildbienen und Insekten geschaffen. In der Grundschule Oberweissach und im Alexanderstift Unterweissach wurden Hochbeete und ein Freilauf für Hühner gebaut.

Rund 500 Teilnehmende im Rems-Murr-Kreis beteiligten sich an der größten Sozialaktion Deutschlands der katholischen Jugendverbände.

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Erstellt:
27. Mai 2019, 06:00 Uhr

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