Wer rettet Bus und Bahn?

Pendler-Leiden in der S-Bahn-Provinz

Das Deutschlandticket ist populär. Doch noch nie waren Bus und Bahn in Deutschland finanziell so bedroht. Wie kommt der ÖPNV aus der Sackgasse? Kein Einzelfall: der prekäre Pendleralltag in der Peripherie – Leserforum mit Verkehrsminister Hermann.

Fahrrad statt Bus: Nur so klappt für Martin Antony der Anschluss von der S-Bahn  in Herrenberg zuverlässig.

© /Stefanie Schlecht

Fahrrad statt Bus: Nur so klappt für Martin Antony der Anschluss von der S-Bahn in Herrenberg zuverlässig.

Von Andreas Geldner

Er „hatte endlich einmal das Gefühl, dass wir Nutzer des Nahverkehrs auch einmal etwas bekommen“, sagt Martin Antony auf die Frage, was das Deutschlandticket für ihn bedeutet. Der 53-jährige Ingenieur für Verfahrenstechnik, der zwei bis drei Tage pro Woche von seinem Wohnort im Herrenberger Stadtteil Haslach zu seinem Büro bei einem Maschinenbauer in Stuttgart-Feuerbach pendelt und ansonsten mobil arbeitet, benutzt Bus und Bahn durchaus, weil er das umweltfreundlich findet. Aber entscheidend ist, dass die Fahrt für ihn entspannter ist als mit dem Auto.

„Morgens wäre es mit dem Auto sicher schneller, aber abends ist es wegen der Staus von Stuttgart her unberechenbar.“ In Richtung Stuttgart verdoppelt sich mit dem Zug seine Fahrzeit auf knapp eineinhalb Stunden. Auf dem Rückweg dauert es in etwa gleich. Das Auto kann bei viel Verkehr auch eine Viertelstunde langsamer sein.

Anschlüsse als Lotteriespiel

Pendler wie er werden darüber entscheiden, wie es mit der Verkehrswende weitergeht: in der städtischen Peripherie, wo das Auto immer eine Alternative ist.

Antonys Geduld wird da oft auf die Probe gestellt. Die S 1 nach Herrenberg ist die verspätungsanfälligste im ganzen Netz. Acht Minuten Übergang zum Bus sind zu knapp. „Ich habe den Bus abgeschrieben. Jeder Anschluss abends ist eine Lotterie“, sagt Antony. Da gibt es nur einen Stundentakt: „Es braucht entweder einen dichteren Takt oder mehr Zuverlässigkeit.“

Fahrrad verlässlicher als die S-Bahn Stuttgart

Er verlässt sich lieber auf das Fahrrad, vor allem seit er nach langem Warten eine der wenigen Fahrradboxen am Bahnhof ergattert hat. Auch wenn der steigungsreiche Rückweg trotz E-Bike doppelt so lang dauert wie mit dem Bus.

Zudem haben Baustellen auf der Gäubahn ihn ausgebremst – zuletzt im Sommer 2023 und dann Anfang dieses Jahres: „Den Busersatzverkehr konnten Sie in den letzten Jahren vollkommen vergessen. Da war ich teilweise mehr als zwei Stunden unterwegs.“ Auch diesen Sommer wird eine mehrwöchige Sperrung der Stammstrecke der S-Bahn Stuttgart in der Innenstadt Antony für diese Zeit wahrscheinlich ins Auto zwingen.

Immerhin gibt es für ihn einen Trostpreis: Mehr als 1000 Euro im Jahr spart ihm das Deutschlandticket. Ein Gewinn für ihn – und ein schmerzlicher Verlust in der Kasse des Verkehrsverbunds Stuttgart (VVS).

Doch der Effekt bemisst sich für ihn nicht in Euro, sondern in einem Gefühl von Freiheit. „Wenn ich jetzt zu meinen Eltern nach Tamm bei Ludwigsburg fahre, dann brauche ich keine Extrafahrkarte mehr.“

Das Ticket ist populär – aber keiner will zahlen

Das Deutschlandticket ist populär. Doch die Frage, wer es dauerhaft bezahlen soll, schiebt die Politik seit mehr als einem Jahr vor sich her. Antony steht für die 95 Prozent der Nutzer, die laut dem Verband Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV) mit ihrem Abo zufrieden sind. Doch nicht mehr als sieben Prozent sind echte Neukunden, die vorher nur mit dem Auto gefahren sind.

Aber sind sie die richtige Messlatte? Beim VVS blickt man lieber darauf, dass viele Gelegenheitsnutzer zu Stammkunden geworden sind. „Etwa vier von zehn hatten vorher kein Abo und waren mit Tickets des Gelegenheitsverkehrs unterwegs“, sagte VVS-Chefin Cornelia Christian bei einer aktuellen Präsentation im Stuttgarter Gemeinderat. Binnen eines Jahres sind die Abozahlen um fast Dreiviertel gestiegen, wenn man das baden-württembergische Jugendticket mit einbezieht. Bis 2025 will man im VVS noch einmal um zehn Prozent zulegen.

Wie viele Autofahrten so vermieden wurden, ist schwer zu beziffern. Aber die Menschen, die bisher kein Abo hatten, nutzen Bus und Bahn nun auch abseits der Fahrten zum Arbeitsplatz – in der Freizeit oder zum Einkaufen. Und vor allem wurden die seit Corona häufigen Teilzeit-Pendler bei der Stange gehalten – wie Antony. „Ich bin nur noch zwei bis drei Tage in der Woche im Büro“, sagt er. Eine Weile hat er Tagestickets genutzt. Das VVS-Abo zum früheren Preis wäre ihm nun zu teuer. „Auch wegen der Qualität des Angebots war es das nicht mehr wert.“

Teilzeit-Pendler bleiben bei der Stange

Eines hat das Ticket aber auch in Antonys Familie nicht geschafft: Dass andere Familienmitglieder auf den Nahverkehr umgestiegen sind. Gleich drei Autos gibt es in der vierköpfigen Familie – obwohl eines davon, das Langstreckenfahrzeug, 25 bis 30 Tage im Monat nur steht. Die beiden Söhne, 17 und 21 Jahre alt, empfinden Busfahren als Zwang. Der Ältere, der seine Ausbildung in der Autobranche macht, hat sich so bald wie möglich ein eigenes Auto zugelegt.

Ist beim Preis noch Spielraum?

Antony würde eine gewisse Preiserhöhung beim Deutschlandticket tolerieren. 79 Euro im Monat, rund 50 Euro im Monat weniger als bei seinem einstigen VVS-Abo, wären für ihn persönlich die rote Linie.

Mit diesem Maximalwert ist er laut aktueller Umfragen typisch: „Aber wenn bei der Qualität des Angebots eine gewisse Grenze unterschritten wird, dann mache ich das nicht mehr mit.“

Und wenn im Zuge von Stuttgart 21 die Gäubahn vom Stuttgarter Hauptbahnhof abgeschnitten werde, sei das für ihn eine Bruchstelle. „Wenn ich dann noch einmal zusätzlich umsteigen muss, kann die Bahn mir gestohlen bleiben – und ich kaufe mir vielleicht ein Hybridauto zum Pendeln.“

Leserforum mit Verkehrsminister Hermann

Diskussion„Mobilitätswende ausgebremst?“ Unter dieser Fragestellung lädt die Zeitungsgruppe Stuttgart Leserinnen und Leser am Mittwoch, 17. Juli, um 18 Uhr im Pressehaus Stuttgart, Plieninger Str. 150, zu einer Diskussion über die Zukunft von Bus und Bahn. Sie findet in Kooperation mit dem Verband Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV) statt. Das Deutschlandticket hat die Tarife revolutioniert – doch nun streitet die Politik ums Geld. Wo drückt die Nutzer des öffentlichen Nahverkehrs der Schuh? Was sind mögliche Lösungen?

GästeLandesverkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) wird sich zusammen mit VVS-Geschäftsführer Thomas Hachenberger in einer ersten Runde den Erfahrungen von Fahrgästen stellen. Anschließend diskutieren mit ihm auf dem Podium Vertreterinnen und Vertreter des VDV, der Deutschen Bahn, der Wirtschaft und der Kommunen.

Anmeldung Interessierte können sich ab sofort unter dem Link www.zeitung-erleben.de/mobil online anmelden. Es gibt gleichzeitig auch die Gelegenheit, an einer Umfrage zum Thema öffentlicher Nahverkehr teilzunehmen – auch unabhängig von einer Teilnahme an der Veranstaltung. Die Plätze sind begrenzt.

Zum Artikel

Erstellt:
26. Juni 2024, 08:58 Uhr
Aktualisiert:
26. Juni 2024, 14:51 Uhr

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen